Studie Gender und Tech: Ausbildung und Zugangsmöglichkeiten für Frauen in IT-Branche verbessern

Bericht

Die IT-Branche ist nach wie vor sehr männlich dominiert: Nur 17 Prozent der Beschäftigten in Tech-Startups in Deutschland sind Frauen. Welche Zugangsbarrieren bestehen für Frauen unterschiedlicher Hintergründe und wie können sie abgebaut werden? Die Organisation FrauenLoop untersuchte im Rahmen einer Studie die Hindernisse in Ausbildung und Arbeitsmarkt für ansässige, migrierte und geflüchtete Frauen, die in der IT-Branche tätig werden wollen. 

Frauen in der IT-Branche

Berlins Tech-Startups boomen - aber wie sieht das Bild für Frauen aus? Deutschlandweit sind 34 Prozent der MINT-Studienanfänger:innen Frauen, doch der Frauenanteil der Beschäftigten in der IT-Branche liegt bei nur knapp 17 Prozent. Trotz einer IT-Beschäftigungslandschaft, die zu über 80% aus Männern besteht, wollen sich viele Frauen im Tech-Bereich ausbilden lassen. Die gemeinnützige Organisation FrauenLoop, die sich für die Gleichstellung der Geschlechter im IT-Bereich und gleiche Zugangsmöglichkeiten für ansässige Frauen, geflüchtete Frauen und Migrantinnen zur Technologiebranche einsetzt, bietet dafür regelmäßige Trainings und Weiterbildungen an.

Im Jahr 2019 bewarben sich fast viermal mehr Frauen für eine Programmierausbildung bei FrauenLoop, als es Plätze gab. Zu den Bewerberinnen gehörten ICT- und MINT-Absolventinnen mit abgeschossenen Master- und Doktorandenstudien. Die Ergebnisse einer von FrauenLoop durchgeführten Studie aus dem Jahr 2019 sagen viel darüber aus, welche Zugangsbarrieren Frauen mit den unterschiedlichsten Hintergründen in der Ausbildung und Jobsuche in der IT-Branche erleben und was sich ändern muss, um ihre Zugangschancen zu verbessern. 

Hintergrund: Viele Stellen, wenig Frauen

Im November 2019 meldete BitKom insgesamt rund 124.000 IT-Stellen in Deutschland, die aufgrund von Talentmangel nicht besetzt werden konnten. Vier Jahre zuvor lag diese Zahl bei weniger als der Hälfte (43.000 offene Stellen für IT-Spezialisten). Die Zahl der IT-Arbeitsplätze ist exponentiell gestiegen, die Talent-Pipeline in Deutschland jedoch nicht. Abgesehen von der offensichtlichen Kluft zwischen Arbeitssuchenden und verfügbaren IT-Arbeitsplätzen, gibt es eine deutliche Geschlechter-spezifische Kluft bei den IT-Mitarbeiter:innen, die in Deutschland eingestellt werden. Nur 17 Prozent der Jobs im IT-Sektor werden von Frauen ausgeübt, und diese Zahl hat sich in den letzten fünf Jahren nicht wesentlich geändert. 

Frauen in der IT-Branche

Seit 2016 hat FrauenLoop in Geflüchtetenunterkünften, Universitäten, Online-Müttergruppen und anderen Netzwerken nach Frauen gesucht, die sich für eine Karriere im IT-Bereich interessieren. Diese Studie aus dem Jahr 2019 umfasst 152 Bewerberinnen im Alter zwischen 21 und 48 Jahren, von denen 53% aus Nicht-EU-Ländern und 47% EU-Staatsangehörige waren. Deutsche Staatsangehörige stellen ca. 26% der Bewerbungen dar und 6% aller Bewerberinnen haben ein MINT- oder ICT-Universitätsstudium abgeschlossen.

Das FrauenLoop-Programm beinhaltet eine umfassende Ausbildung für Frauen zur Überwindung der wichtigsten Hindernisse für den Eintritt in die IT-Branche in Deutschland. Beispiele für diese Hindernisse sind: 

  • Fehlende technische Ausstattung (z.B. ein eigener Laptop)
  • Mangelnde Vertrautheit mit IT im Generellen sowie mangelnde Computerkenntnisse
  • Mangelnder Zugang zu Informationen über IT-Einstellungsprozesse und IT-Stellenangebote bei Start-Up-Unternehmen 
  • Sprachliche Barrieren (z.B. mangelnde Informationen in verschiedenen Sprachen)
  • Mangelnder Fokus der Universitäten auf vielfältige branchenübliche Programmiersprachen und -werkzeuge
  • Mangelnde Unterstützung durch lokale Bootcamps und digitale Schulungsprogramme bei der effektiven Vorbereitung auf die Bewerbung für IT-Funktionen in der Industrie. 

Insgesamt lässt sich feststellen, dass in Bezug auf den Zugang zum IT-Arbeitsmarkt für alle Frauen, unabhängig von ihrem jeweiligen Hintergrund, erhebliche Hindernisse bestehen.

Frauenloop-Informationsgrafik: Studie Gender und Tech
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Benachteiligungen von Frauen in der IT-Branche

Die in der Studie befragten Frauen berichten darüber hinaus von unterschiedlichen Hürden und Erfahrungen, die nur schwer messbar sind. Etwa die Benachteiligung von geflüchteten Frauen oder Frauen, die eine religiöse Kopfbedeckung tragen. Im Folgenden werden zentrale Beispiele aufgelistet, die die Benachteiligung von Frauen unterschiedlicher Hintergründe auf dem IT-Arbeitsmarkt exemplarisch verdeutlichen: 

  • Für weibliche Tech-Bewerberinnen im Allgemeinen ist es nicht ungewöhnlich, dass sie während des Interviewprozesses gefragt werden, ob sie Kinder haben, ob sie Kinder haben möchten und ob frühere Unterbrechungen der Beschäftigung mit der Geburt von Kindern zusammenhingen. Sie beschreiben dies als Abschreckung gegen eine Bewerbung.
  • Für Mütter, die aus familiären Gründen nur ein Jahr lang aus dem Arbeitsleben ausgestiegen sind, ist es eine Herausforderung, ihre Lebensläufe mit Informationen auf dem neuesten Stand zu halten, die nicht zu Diskriminierung bei der Einstellung führen (z. B. Erwähnung eines Elternzeiturlaubs).
  • Für Frauen, die aus anderen Ländern nach Deutschland eingewandert sind, ist die kulturelle Barriere bei der Bewerbung erheblich. Das gilt selbst für Frauen, die sich auf Englisch für englischsprachige IT-Jobs bewerben. Das Lebenslaufformat, das alle Migrantinnen und geflüchtete Frauen in staatlich geförderten Deutschkursen verwenden sollen, enthält überflüssige Informationen wie Familienstand, Religion und Sekundarschule. Informationen dieser Art beeinträchtigen vermutlich ihre Chancen zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Ein Deutschkurs ist jedoch häufig der einzige Ort, bei dem Migrantinnen die Erstellung von Lebensläufen erlernen können.
  • Frauen mit Flüchtlingsstatus erreichen die Interviewphase nur selten, insbesondere Frauen, die religiöse Kopfbedeckungen tragen. Wie die Studie von Doris Weichselbaumer in 2016 bestätigt, führen Fotos in Bewerbungsunterlagen in Deutschland nachweislich zur Diskriminierung insbesondere muslimischer Frauen, die sich dafür entscheiden, ihre Haare zu bedecken. Nur eine Frau von der 2019 FrauenLoop-Kohorte, die eine religiöse Kopfbedeckungen trägt, wurde zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen.  Dieses Hindernis, gepaart mit der zunehmenden Digitalisierung vieler Einstellungsprozesse benachteiligt insbesondere muslimische Frauen, sowie geflüchtete Frauen, die möglicherweise nicht über die führenden digitalen Lebenslaufplattformen wie Xing, LinkedIn usw. informiert sind.
  • Viele ältere Frauen (z.B. über 35-Jährige) vermuten, dass sie aufgrund ihres Alters kaum zu Interviews eingeladen werden (meist aufgrund von Fotos und der Beschäftigungsgeschichte). Die Automatisierung vieler Bewerbungsplattformen macht es jedoch schwierig zu bestimmen, ob dies ein Human-Bias-Phänomen, ein algorithmisches Bias-Problem oder lediglich ein Problem der Unterqualifikation einer Kandidatin für eine technische Aufgabe ist.
  • Unter den Universitätsstudierenden geben sogar 100 Prozent der ICT-Majors auf Master-Ebene an, dass ihnen traditionelle Programmiersprachen und -theorien anstelle der für den Arbeitsmarkt erforderlichen Programmiersprachen und Fähigkeiten beigebracht würden.

Zusammenfassung

Frauen, die IT-Fähigkeiten erlernen möchten, benötigen eine Karriereorientierung durch IT-Fachleute, die aktiv in der Softwareentwicklung arbeiten. Viele IT-Bildungsprogramme bieten Frauen Schulungen zu Social Media Management, Design Thinking und digitalem Marketing an, aber keine Schulungen in Computerkenntnissen, die für besser bezahlte, stabilere und meist männlich besetzte IT-Branchenrollen erforderlich sind. Frauen wird zu oft gesagt, dass sie „zu alt“ seien, um zu lernen und werden oft von Jobberater:innen des öffentlichen Sektors entmutigt. Es wird ihnen gesagt, dass eine Vorbildung im mathematischen und naturwissenschaftlichen Bereich notwendig sei, um überhaupt IT zu erlernen.

Frauen, die sich nach dem Besuch von ICT-Kursen auf Universitätsniveau bei FrauenLoop bewerben, geben an, dass sie sich isoliert und nicht unterstützt fühlen, wenn sie ihr Wissen im lokalen Arbeitsmarkt anwenden wollen. In der Regel wird ihnen gesagt, dass sie YouTube zum Erlernen moderner Programmiersprachen verwenden sollen. Frauen, die sich nach dem Besuch von „digitalen Schulen“ bewerben, erzählen uns immer wieder, dass sie Unterstützung bei der Berufsorientierung und Vermittlung in der Technologiebranche benötigen.

Frauen mit Flüchtlingsstatus betonen den Mangel an weiblichen Ausbilderinnen in vielen Tech-Meetup-Gruppen und Bildungsprogrammen als Gründe dafür, dass diese Programme für sie weniger attraktiv sind. Migrantinnen aus ethnischen Minderheiten führen an, dass der Mangel an Ausbilder:innen mit vielfältigen Biografien und Hintergründen in subventionierten IT-Schulungsprogrammen oft zur Frustration und Demotivation führt.

Wie lassen sich die Zugangsmöglichkeiten für Frauen verbessern? 

Folgende Verbesserungsmöglichkeiten bestehen, um mehr Frauen mit unterschiedlichen Biografien und Hintergründen für eine technische Ausbildung und den Technologiesektor zu gewinnen:

  • Umfassende Kampagne zur Änderung des bisher üblichen Lebenslaufformats, der Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen im Deutschunterricht und anderswo vermittelt wird
  • Mehr öffentliche Mittel zur Unterstützung von technischen Bildungsprogrammen, die von demografisch repräsentativen Ausbilder:innen und / oder Führungskräften durchgeführt und geleitet werden
  • Öffentliche Investitionen in IT-Schulungen  durch Expert:innen der Technologiebranche mit Programmiererfahrung und IT-Verständnis
  • Systematische Messung des Frauenanteils (als Lehrerinnen und Lernende) und der Effektivität öffentlich finanzierter digitaler Schulungsprogramme, die als Grundlage für die Erhöhung von Förderungen dienen können.
  • Kampagne zur Abschaffung von Fotos und anderen nicht wesentlichen demografischen Daten aus Lebensläufen für Technologieunternehmen und Start-ups