Rechtsradikalismus als Standortrisiko? Wenn Arbeitskräfte bestimmte Regionen tendenziell meiden

Analyse

Rechte Einstellungen beeinflussen Wanderungsentscheidungen. Neue Forschungsergebnisse zeigen: Hohe Stimmenanteile rechtsradikaler Parteien schrecken Arbeitskräfte tendenziell ab und verschärfen so den Fachkräftemangel in den betroffenen Regionen.

Ein langer Tisch mit vielen leeren Stühlen in einem Büro

Der demografische Wandel stellt den deutschen Arbeitsmarkt vor wachsende Herausforderungen: Die Arbeitskräfte altern, die Babyboomer-Generation scheidet sukzessive aus dem Erwerbsleben aus und die Erwerbseintrittskohorten sind vergleichsweise klein. Einige Regionen sind deutlich stärker betroffen als andere, der Fachkräftemangel droht hier zur Wachstumsbremse zu werden. 

Gleichzeitig beobachten wir einen wachsenden Zuspruch zu nationalistischen und autoritären Positionen, abzulesen an immer größeren Wahlerfolgen rechtsradikaler Parteien bei Bundestags- und Landtagswahlen. Der Erfolg solcher Parteien ist regional ebenfalls sehr unterschiedlich.

Oft sind es strukturschwache Regionen mit besonders gravierender demografischer Schrumpfung, in denen rechtsradikale Parteien hohe Zustimmungswerte erzielen. Um wirtschaftlich erfolgreich zu sein, sind gerade diese Regionen auf Zuwanderung – sowohl aus dem Ausland als auch aus anderen Teilen Deutschlands – angewiesen. Aber gehen Arbeitskräfte auch dorthin, wo sie am dringendsten gebraucht werden, oder machen sie einen Bogen um Regionen, in denen ein fremdenfeindliches Klima herrscht? In unseren aktuellen Forschungsarbeiten sind wir dieser Frage nachgegangen.

Das Wahlverhalten als Stimmungsbarometer

Um den Zusammenhang zwischen politischem Klima und Wanderungsbewegungen zu messen, stützen wir uns in unseren Analysen auf den Stimmenanteil rechtsradikaler Parteien bei Bundestagswahlen im Zeitraum 2002 bis 2017 auf Ebene der Kreisregionen. Wir berücksichtigen 12 Parteien im Spektrum von rechtspopulistisch bis rechtsextrem, u.a. die AfD, NPD und REP. Warum dieser Indikator? Wahlergebnisse sind mehr als nur politische Momentaufnahmen. Sie fungieren als ein weithin sichtbares Signal für das soziokulturelle Klima einer Region. 

Für potenzielle Zuwanderer*innen, die überlegen, ihren Wohn- und Arbeitsort in eine Region zu verlegen, dient nicht nur die Verfügbarkeit eines Arbeitsplatzes, der Lohn oder bezahlbarer Wohnraum als Entscheidungsgrundlage. Die Attraktivität einer Region bestimmt sich auch durch „weiche“ Standortfaktoren wie etwa den Grad der Urbanität oder die touristische Attraktivität. Und auch das soziale Wohlbefinden gehört dazu: Werde ich mich in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in der S-Bahn, auf Straßenfesten wohlfühlen? Verbreitete Stereotype und Vorurteile prägen das soziale Klima in einer Region und können für potenziell Zuwandernde aus dem Aus- wie aus dem Inland eine abstoßende Wirkung entfalten. Für Nichtdeutsche geht es bei der Wohnortwahl freilich um noch mehr als das soziale Wohlbefinden. Sie müssen in diesen Regionen mit direkter Ablehnung, Diskriminierung oder gar Feindseligkeit und Übergriffen rechnen.

Ökonomisch gesprochen stellt sich die Frage, ob ein fremdenfeindliches Umfeld den erwarteten Nutzen eines Umzugs senkt. Selbst wenn ein Unternehmen einen attraktiven Job und gutes Gehalt bietet, kann das vergiftete soziale Klima dazu führen, dass sich Fachkräfte gegen diese Region entscheiden. 

Arbeitsmigrant*innen meiden Hochburgen rechtsradikaler Parteien

In unserer Studie „Do xenophobic attitudes influence migrant workers’ regional location choice?“ (Buch et al. 2025; interessierte Leser*innen finden dort auf den Seiten 7-12 auch weitere Angaben zu den verwendeten Daten und zum methodischen Vorgehen) haben wir untersucht, wie sich rechte Einstellungen – gemessen am o. g Stimmenanteil –  auf die Wohnortwahl von Arbeitskräften, die aus dem Ausland nach Deutschland ziehen und unmittelbar eine Beschäftigung aufnehmen, auswirken. Um sicherzustellen, dass wir wirklich den Effekt der politischen Einstellung messen, kontrollieren wir für andere wichtige Faktoren, die die Standortwahl beeinflussen können, wie beispielsweise die lokale Arbeitsmarkt-, Wohnungsmarkt- und Wirtschaftsstruktur sowie diverse „weiche“ Standortfaktoren.

Es besteht ein signifikanter negativer Zusammenhang zwischen dem Stimmenanteil rechtsradikaler Parteien und dem Zuzug von ausländischen Arbeitskräften. Rechte Einstellungen der einheimischen Bevölkerung wirken also tatsächlich abschreckend.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Es besteht ein signifikanter negativer Zusammenhang zwischen dem Stimmenanteil rechtsradikaler Parteien und dem Zuzug von ausländischen Arbeitskräften. Rechte Einstellungen der einheimischen Bevölkerung wirken also tatsächlich abschreckend.

Interessant ist dabei die Unterscheidung nach der Herkunft der Migrant*innen. Wir haben differenziert zwischen Angehörigen aus EU-Staaten und solchen aus Drittstaaten. Unsere Daten zeigen, dass beide Gruppen negativ auf ein rechtes Umfeld reagieren, jedoch gibt es Unterschiede in der Größe des Effekts. EU-Bürger*innen reagieren sensibler auf die regionale Atmosphäre. Das führen wir darauf zurück, dass sie volle Freizügigkeit genießen und ihren Arbeitsort flexibel wählen können – sie haben schlicht mehr Alternativen. Drittstaatsangehörige sind stärker an spezifische Arbeitsplatzangebote und aufenthaltsrechtliche Bedingungen gebunden. Zudem dürfte die Transparenz über regionale Phänomene mit wachsender Distanz des Herkunftslandes zu Deutschland sinken. Dennoch zeigt sich auch hier: Ist das politische Klima ausländer*innenfeindlich, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass diese dringend benötigten Fachkräfte in die betroffene Region ziehen. Das Signal der Ablehnung wird also von allen Migrant*innengruppen wahrgenommen und in die Entscheidung einbezogen.

Auch innerhalb Deutschlands weniger Zuzüge in Regionen mit verbreitetem Zuspruch zu rechtsradikalen Positionen

In einer weiteren Analyse („Who wants to live among racists?“, Buch & Rossen 2024; hier finden sich weitere Informationen zu Daten und Methoden auf den Seiten 1629-1633) haben wir uns der Binnenmigration gewidmet. Wir wollten wissen: Ist das Meiden rechter Regionen nur ein Phänomen bei Arbeitskräften, die aus dem Ausland nach Deutschland kommen, oder lassen sich auch Arbeitnehmer*innen, die innerhalb des Landes umziehen, davon beeinflussen? Und welche Rolle spielen Alter und Qualifikation?

Die Befunde sind auch hier deutlich. Unsere Auswertungen belegen, dass nicht nur Arbeitskräfte aus dem Ausland, sondern auch deutsche Binnenwanderer*innen Regionen mit hoher Zustimmung zu rechtsradikalen Parteien tendenziell eher meiden. Allerdings ist dieser Effekt nicht über alle Arbeitnehmer*innen gleich verteilt.

Zusammenfassend bedeutet das: Rechte Hochburgen verlieren im Wettbewerb um die „Besten Köpfe“ doppelt. Sie ziehen weniger ausländische Fachkräfte an und haben auch im Wettbewerb um junge und gut ausgebildete Talente innerhalb Deutschlands gegenüber weltoffeneren Regionen häufiger das Nachsehen.

Besonders stark reagieren zwei Gruppen, die für die wirtschaftliche Zukunft einer Region besonders wichtig sind: junge Menschen und Hochqualifizierte. Jüngere Arbeitnehmer*innen legen bei der Standortwahl augenscheinlich größeren Wert auf ein offenes, tolerantes und kulturell vielfältiges Umfeld. Ähnliches gilt für Arbeitskräfte mit akademischen Abschlüssen. Sie verfügen oft über diverse Arbeitsmarktoptionen und sind kulturell häufiger kosmopolitisch eingestellt. Besonders für diese beiden Gruppen ist ein hoher Anteil rechtsradikaler Wähler*innen in der Nachbarschaft ein Faktor, der die Lebensqualität massiv einzuschränken scheint.

Zusammenfassend bedeutet das: Rechte Hochburgen verlieren im Wettbewerb um die „Besten Köpfe“ doppelt. Sie ziehen weniger ausländische Fachkräfte an und haben auch im Wettbewerb um junge und gut ausgebildete Talente innerhalb Deutschlands gegenüber weltoffeneren Regionen häufiger das Nachsehen.

Die Gefahr der regionalen Spaltung

Unsere Ergebnisse lassen Rückschlüsse auf die regionalökonomische Entwicklung zu. Fremdenfeindlichkeit fungiert als ökonomischer Standortnachteil.

Wir sehen hier die Gefahr eines Teufelskreises:

  1. Starker Zuspruch zu rechtsradikalen Parteien signalisiert ein fremdenfeindliches Klima.
  2. Qualifizierte Zuwanderung (sowohl aus dem Ausland als auch aus dem Inland) bleibt unter dem erforderlichen Niveau.
  3. Der Fachkräftemangel verschärft sich, Unternehmen finden kein Personal, die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich weiter.
  4. Dies nährt wiederum die Unzufriedenheit und treibt die Wähler*innen weiter in die Arme rechtsradikaler Parteien.

In der Folge droht eine zunehmende Polarisierung zwischen prosperierenden, weltoffenen Regionen und ökonomisch schwächelnden, ideologisch verhärteten Regionen. Die „Abstimmung mit den Füßen“ führt dazu, dass Arbeitskräfte nicht dorthin gehen, wo sie rein demografisch am dringendsten gebraucht würden, sondern dorthin, wo sie sich willkommen fühlen. Darüber hinaus deuten die Ergebnisse auf eine Gefahr der sozialen Entmischung hin. Wenn internationale sowie liberal eingestellte hochqualifizierte Arbeitskräfte bestimmte Regionen meiden, werden diese Regionen gesellschaftlich homogener. Dies kann die Echokammern rechtspopulistischer Einstellungen verstärken und die Distanz zur pluralistischen Gesamtgesellschaft vergrößern. Die regionale Spaltung vertieft sich nicht nur ökonomisch, sondern auch ideologisch. 

Fazit: Willkommenskultur als Wirtschaftsfaktor

Die empirischen Befunde unserer Studien zeigen: Fremdenfeindliche Einstellungen, gemessen am Wahlverhalten, schaden dem regionalen Wirtschaftsstandort direkt. Um Fachkräfte anzuziehen bedarf es mehr als einen Arbeitsplatz. Nötig ist ein Umfeld, in dem Menschen unabhängig von ihrer Herkunft angstfrei und gerne leben möchten.

Notwendig ist eine gelebte Willkommenskultur. Hierfür bedarf es einer gemeinsamen Anstrengung von Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Unternehmen und Wirtschaftsverbände sollten sich klar gegen Rassismus positionieren und ihre Belegschaft sensibilisieren. 

Was kann getan werden? Regionale Imagekampagnen oder die Schaffung von „Welcome Centern“ reichen nicht aus, wenn das gesellschaftliche Klima als feindselig wahrgenommen wird. Notwendig ist eine gelebte Willkommenskultur. Hierfür bedarf es einer gemeinsamen Anstrengung von Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Unternehmen und Wirtschaftsverbände sollten sich klar gegen Rassismus positionieren und ihre Belegschaft sensibilisieren. Das Unternehmensnetzwerk „Wirtschaft für ein Weltoffenes Sachsen“ liefert hier ein nachahmenswertes Beispiel. Kommunen müssen erkennen, dass Wahlergebnisse Signale sind, die national und international wahrgenommen werden. Maßnahmen zur Stärkung der Zivilgesellschaft und Demokratieförderung sind harte Standortpolitik und erfordern massive Investitionen. Fatal und paradox ist in diesem Zusammenhang, dass zivilgesellschaftliche Institutionen, die sich in diesem Bereich engagieren, einem zunehmendem Kostendruck ausgesetzt werden und kaum mehr Planungssicherheit für ihre Arbeit haben. 

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Toleranz ist kein 'Nice-to-have', sondern eine ökonomische Notwendigkeit. Wer Fachkräfte gewinnen will, muss ein Umfeld bieten, in dem diese nicht nur arbeiten, sondern auch leben wollen. Unsere Daten zeigen, dass dies in Regionen mit starken rechtsradikalen Tendenzen zunehmend schwieriger wird.


Literatur: