"Ich war ein Invisible-Man in der Burroughs-Spielart": Interview mit Jamal Tuschick

"Ich war ein Invisible-Man in der Burroughs-Spielart": Interview mit Jamal Tuschick

Safiye Can sprach mit Jamal Tuschick über den Einfluss der interkulturellen Literatur in Deutschland und über Möglichkeiten der Gestaltung der offenen Gesellschaft durch literarische Ausdrucksformen.

Urheber: Klaus Baum. All rights reserved.

Safiye Can: Lieber Jamal, du bist Schriftsteller, Journalist und Literaturkritiker. Bereits im Jahre 2000 hast du die Anthologie Morgen Land. Neueste deutsche Literatur herausgegeben, in der Autoren mit Migrationshintergrund zu Wort kommen, darunter der damals weniger bekannte Feridun Zaimoğlu. Was hat sich seit dieser Zeit an der Akzeptanz der Autoren der Interkulturellen Literatur geändert? Und für wie groß schätzt du mittlerweile den Einfluss auf die gesamte deutsche Literatur ein?

Jamal Tuschick: Die Akzeptanz interkultureller Literatur war im Publikationsjahr von Morgen Land groß. Man riss sich um uns. Es gab damals sogar Autor*innen, die sich selbst eine ethnische Differenz angedichtet haben, um mitmachen zu können. In einem Fall wurde eine polnische Großmutter als Referenz bemüht. Franz Dobler thematisierte zum ersten Mal seine deutsch-iranische Abstammung. Ich habe Morgen Land auch als ironisches Statement verstanden.

Ich war nicht der einzige, der glaubte, dass ein Migrationshintergrund im deutschen Kulturbetrieb einen Wettbewerbsvorteil darstellte. Heute ist das alles egal. Die deutsche Literatur, und um diese Klarstellung ging es in den Debatten der 1990er Jahre, wird von allen hervorgebracht, die Deutsch schreiben, nicht nur unabhängig von der Herkunft, sondern auch unabhängig vom Pass. Man kann, wie Selim Özdoğan, einen türkischen Pass haben und trotzdem ein deutscher Schriftsteller sei

Jamal Tuschick, 1980 – Urheber: Mara Neusel. All rights reserved.

Du hast väterlicherseits arabische Wurzeln. Sprichst du beide Muttersprachen fließend?

Mein Vater war Libyer und spielte in meinem Leben nur die Rolle eines Erzeugers. Meine Mutter hat in zweiter Ehe einen Deutschen geheiratet, ich bin also deutsch aufgewachsen, ohne die Chancen einer zweiten Kultur.

Zuletzt hast du unter dem Pseudonym Raik Kepler den Roman Der Maschinenraum des Universums geschrieben. Wie kam es zu diesem Projekt, was hat dich daran gereizt und warum eigentlich Raik Kepler?

Ausgangspunkt des Projekts war das Angebot, die Biografie eines kleinstädtisch-mittelständischen Unternehmers zu schreiben. Ich habe aus seinen Initialen das Pseudonym gebastelt. Es gibt außerdem eine phonetische Nähe zum Klarnamen. Aus der Biografie ist nichts geworden. Stattdessen habe ich einen Roman geschrieben, basierend auf den Informationen, die mir R.K. lieferte. Gereizt hat mich das ländliche Milieu und der Kleinstadtbetrieb. Ich liebe Kleinstadtbahnhöfe und stille Seitenstraßen, die in Feldwegen münden. Interessant fand ich auch, dass R.K. fast nur Migranten beschäftigt. Das war der Ausgangspunkt meiner Geschichte der Gastarbeit in Osthessen.

Vor kurzem fand das Textland - Made in Germany Literaturfest statt. Thema war unter anderem die neue deutsche Literatur vor dem Hintergrund der Migration und auch der zunehmende Rassismus, der eine Gefahr für jede offene Gesellschaft ist. Wie war die Resonanz des Publikums auf die Podiumsdiskussionen?

Die Resonanz war gut, ich hatte allerdings stärkere Reaktionen aus dem Publikum und auch stärkere mediale Antworten erwartet. Wir hatten mit Dir und Max Czollek echte Stars am Start. Ich glaube, die subversiven Ladungen sind untergegangen, weil wir sehr breit aufgestellt waren und in Frankfurt sowieso alles durch die bürgerlichen Rezeptionsfilter gezogen und in diesen Prozessen entschärft wird. Ich war selbst fünfundzwanzig Jahre an der Frankfurter Kulturberichterstattung beteiligt und habe auch erst in Berlin den Unterschied in den Darstellungen erkannt. In Frankfurt wird moderiert, in Berlin wird polarisiert. In Frankfurt ignoriert man, was einem nicht passt. In Berlin demontiert man

Jamal Tuschick ist 1961 in Kassel geboren und aufgewachsen. Nach Abitur und Zivildienst arbeitete Jamal Tuschick als Berufskraftfahrer. 1987 wurde er Fabrikschreiber der Frankfurter Romanfabrik. Seine publizistische Laufbahn startete er mit Buchbesprechungen für den Hessischen Rundfunk – ermutigt und unterstützt von Rosemarie Altenhofer und Jutta Stössinger (Frankfurter Rundschau). So kam er zum Journalismus. Fünfundzwanzig Jahre beteiligte er sich an der lokalen Berichterstattung der Frankfurter Rundschau. 1999 debütierte er in der edition suhrkamp mit dem Roman Keine große Geschichte. 2008 veröffentlichte er gemeinsam mit den Zwillingen Jutta Winkelmann und Gisela Getty den bei weissbooks erschienenen Bestseller Die Zwillinge oder von Versuch Geist und Geld zu küssen. Seit 2010 lebt Tuschick als freier Autor in Berlin.

Wie kann man sich deiner Meinung nach als Autor für den Erhalt einer offenen Gesellschaft einbringen?

Die gesellschaftlichen Zuspitzungen der letzten Jahre geben uns Schriftsteller*innen wieder eine politische Bedeutung. Klar ist, es kommt auf jeden an. Es gibt zwei Lager, Mosebach und Tellkamp stehen auf der anderen Seite. Wann hat es solche Positionierungen zuletzt gegeben? Vielleicht in den 1970er Jahren. Damals war Martin Walser noch Kommunist. Um den entscheidenden Punkt der Frage noch einmal kurz anders anzusteuern. Wir gestalten mit und setzen dabei politische Aktionsformen ein. Dazu zähle ich auch den Mainlabor Blog im Textland. Ich nutze die Gelegenheit, alle Autor*innen herzlich einzuladen, sich mit Beiträgen im Mainlabor zu engagieren.

Du warst Fabrikschreiber der Romanfabrik in Frankfurt am Main. Die Romanfabrik zählt zu einem der angesagten Literaturorte Frankfurts. Erzählst du uns über deine Arbeit als Fabrikschreiber?

Die Romanfabrik war Ende der 1980er Jahre ein Fremdkörper im Ostend. Es gab noch richtig Betrieb in der Großmarkthalle, Arbeiterkneipen, das Schöppchen kostete eine Mark, ein kleines Arbeitsamt – Idyllen im Osthafen und am Schwedler See und an der Südlichen Zufuhr, wo Annette Gloser ihre erste Galerie Fruchtig in einem Lagerraum etablierte. Auf einem Parkplatz an der Hanauer Landstraße stand ein Wohnwagen. An manchen Tagen kochte darin einer und bot die Sachen zum Verkauf an. Man aß auf dem Parkplatz, es gab ein paar Klappmöbel für die Bequemlichkeit. Es stellte sich heraus, da wirkte ein ehemaliger Leibkoch des letzten jugoslawischen Königs. An anderen Tagen kochte die Koryphäe im Brückenkeller.

Solche Ausnahmeerscheinungen gab es nicht selten. Dann drehte sich das Rad, auf der Sonnemannstraße entstand ein Arbeitsstrich, auf dem es zu einem Verdrängungswettbewerb kam – zum Nachteil der Eingesessenen, die sich aus ihrem ursprünglichen Verbreitungsbetrieb in mysteriösen Prozessen zurückzogen. Als hätten sie alle noch ein Ersatzhäuschen in Maintal-Bischofsheim in der Hinterhand. Ich war in diesen Milieus wie ein Fisch im Wasser. Ich konnte mich im Morgengrauen im Arbeitsamt dazusetzen und vormittags in der Westkantine, Nachtgestalten beim Zocken zusehen.

Nie fühlte sich jemand gestört oder herausgefordert. Dabei habe ich alles aufgeschrieben und verarbeitet und bin weiter unter die Leute gegangen. Es hat keiner mitbekommen. Ich war ein Invisible-Man in der Burroughs-Spielart. So wurde ich zum Schriftstellerjournalisten. Diese Beobachtungen und Erfahrungen verbinde ich mit meinem Amt als Romanfabrikschreiber.

Mit welcher bekannten Persönlichkeit würdest du gerne einen Kaffee trinken?

Mit Orhan Pamuk.

Vielen Dank für dieses Interview!

Dieses Interview führte Safiye Can im November 2018

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