Abwanderung von hochqualifizierten deutschen StaatsbürgerInnen türkischer Herkunft

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von Barbara Pusch und Yaşar Aydın


Im Zentrum der Kontroversen um Migration aus der Türkei stehen in der Regel Themen wie ‚Integrationsdefizite‘, ‚Integrationsverweigerung‘ und ‚Belastung‘ von Sozialkassen durch die Migration. Dies führte lange Zeit dazu, dass die Abwanderung aus Deutschland aus dem Blick geraten ist. In letzter Zeit entstand jedoch parallel zu den emotional geführten Diskussionen um Einwanderung auch eine Debatte um die Abwanderung von Hochqualifizierten türkischer Herkunft. Zu betonen ist an dieser Stelle, dass die Bezeichnung „türkische Herkunft“ von uns nicht als ethnische Kategorie verwendet wird, sondern sich auf Menschen aus dem Staatsgebiet der Türkischen Republik bezieht.

Auffällig und problematisch ist bei der Debatte um die Abwanderung von Hochqualifzierten türkischer Herkunft vor allem die einseitige Behandlung des Phänomens unter dem Gesichtspunkt des „Brain Drains“. Ein Grund für diesen engen Blick ist zweifellos die demographische Entwicklung in Deutschland, der ansteigende Fachkräftemangel und der ausbleibende Erfolg bei der Anwerbung von Hochqualifizierten. Die Diskussionen um die Green Card und die niedrige Zahl der BewerberInnen für die Green Card können in diesem Zusammenhang exemplarisch genannt werden (vgl. hierzu Greifenstein 2001 und Paçacı-Elitok 2010). In Abgrenzung zu ökonomistischen Betrachtungsweisen plädieren wir für eine Berücksichtigung von subjektiven Perspektiven der Abgewanderten.

Ausgehend von diesen Desideraten im öffentlichen Diskurs, beschäftigt sich der vorliegende Beitrag mit den soziopolitischen und subjektiven Gründen der Abwanderung von hochqualifizierten deutschen StaatsbürgerInnen türkischer Herkunft aus Deutschland in die Türkei. Die zentrale Frage dabei lautet: Wer wandert aus welchen Gründen in die Türkei ab? Im Folgenden wird diese zentrale Frage ausgehend von vorliegenden Erklärungsansätzen und den ersten Ergebnissen der Voruntersuchungen zu einem Forschungsprojekt über die Abwanderung von hochqualifizierten deutschen StaatsbürgerInnen mit türkischem Migrationshintergrund in die Türkei, das im Rahmen eines Joint-Venture Vorhabens von den AutorInnen bei einem Drittmittelgeber eingereicht eingereicht werden soll.

Im Rahmen dieser Vorstudie wurden 12 narrative Interviews mit hochqualifizierten deutschen StaatsbürgerInnen türkischer Herkunft durchgeführt, die nach Istanbul migriert sind. Die befragten Personen waren zwischen 27 und 43 Jahren alt und hatten alle in Deutschland ein Hochschulstudium abgeschlossen. Ihre Aufenthaltszeit in Istanbul, schwankte zwischen 6 Monaten und 4 Jahren. Sie waren in unterschiedlichen Bereichen als Manager, Unternehmer oder Assistenten tätig. Zwei Personen waren zum Zeitpunkt des Interviews arbeitslos, eine Person davon hatte allerdings schon Arbeitserfahrung in der Türkei. Darüber hinaus hatten alle Befragten die deutsche Staatsangehörigkeit und genossen aufgrund ihrer türkischen Herkunft einen Sonderstatus. Mittels ihrer „blauen Karte“ sind sie – abgesehen von aktiven und passiven Wahlrecht – türkischen Staatsbürgern gleichgestellt und benötigen z.B. keine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung.

Abwanderung von Hochqualifizierten aus Deutschland

Lässt sich die These von der Abwanderung von Hochqualifizierten aus Deutschland empirisch belegen? Diese Frage hat insofern ihre Berechtigung, da die Forschung zum Thema sich noch im Anfangsstadium befindet und weiterhin viele Lücken aufweist – sowohl zuverlässige statistische Daten als auch einschlägige wissenschaftliche Publikationen sind ‚Mangelware‘. Gleichwohl lässt sich aus den bestehenden statistischen Daten ein allgemeines Bild des Phänomens zeichnen.

Ein Indiz ist die allgemein zunehmende Abwanderung aus Deutschland. Die Zahl der deutschen EmigrantInnen hat sich von 61.023 (1970) auf 174.759 (2008) erhöht und betrug 2009 immerhin 154.988 (Migrationsbericht 2009: 268). ExpertInnen gehen davon aus, dass darin der Anteil von Hochqualifizierten etwa 10 Prozent beträgt und dass ein beachtlicher Teil dieser EmigrantInnen Fachkräfte sind. Demnach steigt auch die Zahl der Emigration von Hochqualifizierten – einer komparativen Studie zufolge auch proportional (Kinast et.al. 2007).

Ein weiteres Indiz für die Zunahme der Abwanderung von Hochqualifizierten liefert die Bundesärztekammer. Während 2001 1.437 ÄrztInnen Deutschland verließen, wanderten 2008 3.065 ÄrztInnen ab (vgl. a. Migrationsbericht 2009: 177). Parallel hierzu hat die Zuwanderung nach Deutschland ebenfalls deutlich abgenommen, und es ist zu erwarten, dass sie weiter abnehmen wird. 2005 verzeichnete Deutschland mit 707.352 die niedrigste Zuwanderungszahl seit 1987. Im Jahr 2006 ging die Zuwanderung in Deutschland weiter auf 661.855 zurück. 2008 hat es seit Jahrzehnten wieder eine negative Migrationsbilanz (-55.743; im Jahr 2009 -12.782) gegeben (Migrationsbericht 2009: 268).

Angesichts dieser Zahlen lässt sich sagen, dass die These von der Abwanderung von Hochqualifizierten sich empirisch bestätigt. Dies lässt sich als ein „Verlustgeschäft“ für die deutsche Wirtschaft und den deutschen Arbeitsmarkt interpretieren (vgl. dazu auch NN 2007).

Migrationsbewegungen zwischen der Türkei und Deutschland

In den 1970er und 1980er Jahren stieg die Zahl der ImmigrantInnen aus der Türkei kontinuierlich, und die türkeistämmige Bevölkerung wuchs von ca. 6.800 (1961) auf ca. 2,8 Mio. (2005). 2005 besaßen Schätzungen zufolge etwa 840.000 TürkInnen die deutsche Staatsbürgerschaft. Allerdings nimmt seit 1991 die Zahl der Zuwandernden aus der Türkei ab. Während 1991 noch 82.818 Personen aus der Türkei nach Deutschland zuwanderten, ist die Zahl 2005 auf 31.449 gesunken. 2009 wanderten mehr Menschen aus Deutschland in die Türkei ab, als umgekehrt – die Wanderungsbilanz beträgt für 2008 10.147 und 2009 9.345 (Migrationsbericht 2009: 272; allgemein zu Migration aus Deutschland in die Türkei vgl. Özbek 2010).

Allerdings ist es weiterhin sehr schwierig, aus bestehenden statistischen Daten die exakte Zahl der abgewanderten Hochqualifizierten türkischer Herkunft zu ermitteln. Es wird davon ausgegangen, dass von den 1,65 Mio. Menschen türkischer Staatsangehörigkeit (2009) etwa 10 Prozent einen akademischen Grad besitzen und etwa 15 Prozent als mittlere und höhere Angestellte beschäftigt sind. Einer Studie von Heß und Sauer (2007: 46) zufolge lebten am Stichtag 30.06.2005 in Deutschland 23.908 hochqualifizierte türkische Staatsangehörige. Dies macht einen Anteil von 5,21 Prozent aller Beschäftigten mit türkischer Staatsangehörigkeit (458.243) und 0,41 Prozent aller in Deutschland beschäftigten Hochqualifizierten aus. Gleichwohl ist zu betonen, dass diese statistischen Daten keine Information zum Geburts- oder Bildungsort beinhalten, so dass es keine Belege darüber gibt, wie viele in der Türkei geboren sind und wie viele ihre Bildung vollständig oder teilweise in der Türkei erhalten haben.

Schätzungen der „Sozialstudie über die türkischen Akademiker und Studierenden in Deutschland“ (TASD-Studie) zufolge beträgt die Zahl der AkademikerInnen türkischer Herkunft zwischen 45.000 und 70.000 (Sezer und Dağlar 2008). Bei dieser Studie handelt es sich um eine Online-Befragung zu Lebenseinstellungen, Gewohnheiten und Rückkehrabsichten der türkischen „Bildungseliten“ in Deutschland (s. a. Focus-Online 2008). Zuverlässige Daten über die Arbeitslosigkeit unter den Hochqualifizierten türkischer Herkunft fehlen ebenfalls. Aus der OECD-Studie „Jobs for Immigrants“ (2007) ist zu entnehmen, dass die Arbeitslosigkeit bei Hochqualifizierten ohne Migrationshintergrund bei 4,4 Prozent, bei Hochqualifizierten mit Migrationshintergrund dagegen bei 12,5 Prozent liegt. Wenn dies sich auf die Hochqualifizierten türkischer Herkunft übertragen lässt, darf vermutet werden, dass die Arbeitslosigkeit bei dieser Gruppe ebenfalls um die 12 Prozent liegt.

Warum wandern hochqualifizierte deutsche StaatsbürgerInnen türkischer Herkunft ab?

Was motiviert deutsche Hochqualifizierte türkischer Herkunft zur Abwanderung aus Deutschland in die Türkei? Diese zentrale Frage soll nun ausgehend von Erklärungsansätzen im sozialwissenschaftlichen Diskurs und auf der Basis vorläufiger Forschungsergebnisse einer qualitativen Untersuchung der Autoren über hochqualifizierte deutsche StaatsbürgerInnen mit türkischem Migrationshintergrund in Istanbul durchgeführt wird, diskutiert werden.

Berufliche Gründe

Im sozialwissenschaftlichen Diskurs wird vornehmlich der Aspekt „unvorteilhafte berufliche Perspektive“ als ein wichtiger Grund für die Abwanderung von Hochqualifizierten türkischer Herkunft verhandelt. Der TASD-Studie zufolge möchte ein Großteil der befragten AkademikerInnen und StudentInnen türkischer Herkunft aus „beruflichen Gründen“ in die Türkei abwandern (Sezer und Dağlar 2009). Begründet wird die Einschätzung der eigenen Berufsperspektive als unvorteilhaft mit dem Hinweis auf eigene Negativerfahrungen bei der Jobsuche oder bei Bewerbungsgesprächen (vgl. hierzu auch Jacobsen 2009, Flocke 2008, Ludwig 2009, Kaas und Manger 2010).

Ein weiteres Ergebnis der TASD-Studie ist, dass die Abwanderungsbereitschaft hauptsächlich bei AkademikerInnen und StudentInnen, die sowohl ihre persönliche als auch die allgemeine Wirtschaftssituation in Deutschland als ungünstig einschätzen und in ihrer Zukunftsprognose dementsprechend pessimistischer sind, wesentlich stärker ist als bei denen, die eine optimistischere Einschätzung haben. Lassen sich die oben angeführten Gründe der Abwanderung aus Deutschland in die Türkei durch empirische Befunde bestätigen?

Die Frage, welche Rolle die „unvorteilhafte berufliche Perspektive“ bei Abwanderungsentscheidungen spielt, lässt sich analog zu den vorläufigen Ergebnissen unserer Untersuchung eindeutig mit „keine“ beantworten, denn bis auf eine Befragte sahen alle Befragten gute berufliche Perspektiven für sich in Deutschland. Lediglich eine Frau konnte in Deutschland beruflich nicht Fuß fassen und wanderte aus. Bei einer anderen Frau waren ebenfalls nicht berufliche, sondern familiäre Gründe für die Abwanderung ausschlaggebend. In diesem Zusammenhang betonten einige Befragte im Interview auch, dass sie sich im Vergleich zu ihren KollegInnen ohne oder mit einem anderen Migrationshintergrund nicht benachteiligt fühlten. Es waren andere Gründe für ihren Schritt in die Türkei ausschlaggebend.

Zwei Männer, die zum Zeitpunkt der Abwanderungsentscheidung Mitte 30 bzw. Anfang 40 Jahre alt waren, bekamen Angebote über ihre Firmen, in der Türkei als Manager bzw. Geschäftsführer zu arbeiten. Bei ihnen handelte es sich um so genannte „entsandte Kräfte“, deren Migrationsentschlüsse firmeninternen Karriereschritten entsprachen. Einer dieser beiden Interviewpartner fasste dies folgendermaßen zusammen:

(…) ich hatte auch in Deutschland ‘n guten Job, aber ich wollte halt höher in der Karriere … wenn du dich auf ‘ne Stelle … in Deutschland, die ich ja hier jetzt auch innehabe, dann werden sich sicherlich im Pool 50 andere mitbeworben haben. Dann bist du im Pool mit 50 anderen. Aber wenn du dich auf eine spezielle Position für die Türkei bewirbst, dann bist du in diesem Pool vielleicht nur mit 3 anderen. Also war die Chance in Deutsch-, in der Türkei so eine Karriere zu machen höher als in Deutschland natürlich.

Auch bei den InterviewpartnerInnen, die quasi auf eigene Faust in die Türkei kamen, waren berufliche Motive wichtig. Für sie stellte die Abwanderung in die Türkei keinen direkten Karriereschritt dar, sondern vielmehr die Hoffnung auf mehr Möglichkeiten, sich selbst zu verwirklichen. So gab zum Beispiel eine Interviewpartnerin, die nach Abschluss des Studiums in die Türkei kam, folgende Gründe an:

Ich wollte was mit Kultur machen, also äh Kulturorganisationen, hab in Deutschland auch als Studentin bei einer ähm Konzertorganisationsfirma gearbeitet und wollte was in die Richtung machen und weil ich aber halt so einen Einblick in die deutsche Firma so bekommen … da hatte ich eigentlich keine Lust, in so ner großen Familie so ein Rädchen am an der ganzen- an dem Ganzen zu sein, und irgendwie ähm, ja, sondern eher Lust ähm was kleineres zu machen, wo man wo man sich vielleicht eher selbst mehr einbringen kann.

Interessanterweise erwähnten fast alle InterviewpartnerInnen, die auf eigene Faust in die Türkei kamen, sinngemäß, dass sie „kein Rad in einer Maschine“ sein, sondern sich „entwickeln“ wollten. Aus diesem Grund kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass die Abwanderung der Befragten zwar beruflich motiviert war, dass es sich bei dieser Gruppe aber nicht um die Erfolglosen oder Benachteiligten in Deutschland handelte, sondern um Karriereorientierte und Entwicklungsfreudige.

Identifikatorische Gründe

Ein weiterer Befund der TASD-Studie ist, dass ein Großteil der AkademikerInnen und StudentInnen aus „mangelnder“ Identifikation mit Deutschland Rückkehrabsichten hegt. Auf die Frage „Aus welchen Gründen beabsichtigen Sie in die Türkei zu ziehen?“ antworteten 41,3 Prozent der Online-Befragten mit „fehlendem Heimatgefühl“ (Sezer und Dağlar 2009: 17). Türkische AkademikerInnen und StudentInnen, die Rückkehrabsicht bekunden, nehmen eher die Türkei als Deutschland als ihre Heimat wahr. Bei denen, die eher Deutschland als Heimat wahrnehmen, so ein weiterer Befund der TASD-Studie, ist das Ausmaß der bekundeten Abwanderungsabsichten dementsprechend gering.

Es ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass dieser Befund in der Forschung strittig ist. Unsere Kritik bezieht sich auf die Nichtrepräsentativität der Untersuchung, die mangelnde Präzision der Erhebungsfrage und das Vorhandensein entgegengesetzter Diagnosen (vgl. diesbezüglich Wilamovitz-Moellendorf 2001: 7, 16 und Sauer 2007).

Erste Ergebnisse unserer Untersuchung zeigen, dass die Verbundenheit von abgewanderten Hochqualifizierten sowohl zur Türkei als auch zu Deutschland ambivalent ist. Einerseits fühlt man sich, wie das folgende Zitat verdeutlicht, emotional und herkunftsmäßig in der Türkei verwurzelt:

Und, ähm, wie kam es dazu dass ich jetzt nach … Istanbul kam? Das war einfach ein Kindheitswunsch. […] meine Mutter erzählt, als sie, ähm, als Braut nach, nach Deutschland kam, war sie da sofort schwanger und hätte dann in dem Jahr geheult, was mich, glaub ich als Baby und meine Persönlichkeit stark beeinflusst, hat.. […] Ja, und das ist einfach … mein eigener Wille gewesen, es in der Türkei mal auszuprobieren.

Andererseits prägen jedoch auch Fremdheitserfahrungen den Alltag in der Türkei. So meinte zum Beispiel eine andere Interviewpartnerin, dass sie „die Unverlässlichkeit der TürkInnen“ und „das Hierarchiedenken hier“ schlicht und einfach „wahnsinnig“ mache. Dies ist ein Indiz dafür, dass Deutschland auch vermisst wird und „deutsche Werte“ als Norm verinnerlicht sind.

Die Frage nach der Selbstdefinition wurde deshalb auch nicht eindeutig beantwortet. Die Befragten sahen sich als „Deutsch-Türken“, als „Deutsche mit türkischen Wurzeln“, als „Deutsche mit Türkischkenntnissen“ oder, wie ein Befragter meinte, „Ich bin ich, mit meiner Geschichte und allem, was da dazugehört“. Als „RückkehrerIn“ wollte sich aber niemand sehen. Der Aspekt des Zurückkehrens wurde von den Befragten nur in dem Zusammenhang erwähnt, dass sie ggf. nach Deutschland zurückkehren wollten, wenn sich in der Türkei ihre Erwartungen nicht erfüllen sollten.

Benachteiligung und Diskriminierung

Dass ein Großteil Hochqualifizierter türkischer Herkunft die eigene berufliche Perspektive als „unvorteilhaft“ betrachtet, lässt sich auf die durch Diskriminierung bedingten Restriktionen auf dem deutschen Arbeitsmarkt und auf die strukturellen Benachteiligungen in vielen gesellschaftlichen Bereichen zurückführen. Einer Studie des Zentrums für Türkeistudien zufolge haben 73 Prozent der Befragten Diskriminierungserfahrungen im Alltag und in der Berufswelt gemacht (Sauer 2007: 139f.). Eine face-to-face Umfrage von Ulrich Wilamowitz-Moellendorf ergab, dass die Mehrzahl (60 Prozent) der Befragten TürkInnen „oft das Gefühl der Diskriminierung als Ausländer erfahren“ haben (2001: 9).

Einer weiteren Studie zufolge fällen EntscheidungsträgerInnen sowohl bei der Arbeitsvermittlung bei der Bundesagentur für Arbeit als auch bei den Einstellungen in Betrieben ihre personellen Entscheidungen nach nichtfunktionalen Kriterien wie z. B. nach Ethnizität oder „kulturellen Merkmalen“ (Janßen und Polat 2005: 201; zur Diskriminierung von MigrantInnen sowie TürkInnen vgl. a. Aydin 2009 und Granato und Kalter 2001). Es liegen ebenfalls Erkenntnisse darüber vor, dass „die soziale Distanz gegenüber den Türken“ weitaus größer ist als gegenüber anderen Immigrantengruppen (Blohm und Wasmer 2008: 210).

Obwohl die Frage der Benachteiligung und Diskriminierung in Deutschland nicht im Vordergrund unserer Untersuchung stand, sprachen die meisten InterviewpartnerInnen das Thema, wie sie in Deutschland aufgenommen wurden, in den Gesprächen an. Im Gegensatz zu den oben genannten Forschungsergebnissen sprachen alle InterviewpartnerInnen davon, dass sie sich weder in der Schule noch am Arbeitsplatz diskriminiert oder benachteiligt fühlten. In diesem Zusammenhang betonten viele InterviewpartnerInnen auch indirekt, dass ihr Elternhaus, entgegen dem Klischee der türkischen Familie, großen Wert auf Bildung als Vehikel für gesellschaftlichen Aufstieg legte. Eine in Deutschland aufgewachsene und vor einem Jahr nach Istanbul migrierte Fachärztin meinte in diesem Zusammenhang:

(…) Mein Vater wollte definitiv nicht, dass wir mit anderen Türken in die Schule gehen… Deshalb kam ich dann auch in ein katholisches Mädchengymnasium.

Aus den Gesprächen ging hervor, dass die Eltern, obwohl selber ohne Bildungserfolg, großen Wert auf den schulischen und Bildungserfolg ihrer Kinder legten. Analog dazu lässt sich auf der Grundlage unserer ersten empirischen Ergebnissen die These aufstellen, dass sich die bildungsfreundliche Einstellung im Elternhaus auf die schulische und berufliche Eingliederung der Kinder auswirkt und erfolgreiche Migrantenkinder weniger Diskiminierungs- und Benachteiligungserfahrungen machen. Inwiefern sich dies verallgemeinern lässt, wäre in einem größeren Sample zu prüfen.

Sozio-kulturelle Netzwerke

Zu den möglichen Mobilitätsauslösern, die in der Forschungsliteratur zum Thema größtenteils vernachlässigt werden, gehören die sozio-kulturellen Netzwerke, worunter auch Bekanntenkreise und familiäre Bindungen fallen. Es ist bekannt, dass viele der in Deutschland lebenden Hochqualifizierten türkischer Herkunft diverse Kontakte zu Organisationen oder Freunden in der Türkei pflegen und so auch über mögliche interne Stellenausschreibungen informiert werden. Neben den akademischen Austauschprogrammen und den Freundschaftsnetzwerken zählen Familienbeziehungen und Partnerschaften zu den wichtigen Faktoren, die die Entscheidung und den Vollzug der Migration maßgebend beeinflussen. Wie auch in vielen Studien zur Migration nachgewiesen, trägt die Familie zur Mobilität von WissenschaftlerInnen wesentlich bei, denn neben der notwendigen Hilfe im Alltag (z.B. Kinderbetreuung) bieten Familien und Verwandtschaftsnetzwerke auch emotionale Unterstützung.

Auch in unserer Untersuchungsgruppe spielten soziale Netzwerke in der Türkei eine wichtige Rolle. Diese Netzwerke helfen und halfen den Befragten im Alltag bei diversen Problemen wie z.B. der Wohnungssuche, der Einholung von praktischen Informationen und der Überwindung von Einsamkeit etc. Bei der Frau, die nicht aus beruflichen Gründen in die Türkei kam, war das in der Türkei vorhandene soziale Netzwerk sogar ein wichtiger Migrationsgrund. Bei der Jobsuche vor Ort stellten sich die bereits vor ihrem Migrationsentschluss vorhandenen familiären und sozialen Netzwerke jedoch als wenig hilfreich heraus, weil sie falsche Hoffnungen und Erwartungen weckten.

Ein junger Betriebswirt, der heute in einem internationalen Kosmetikunternehmen in Istanbul als Produktmanager arbeitet, meinte in diesem Zusammenhang, dass ihm sein Onkel große Hoffnungen gemacht habe, bevor er sich dazu entschloss in die Türkei zu gehen. Als sich der Befragte in Istanbul dann an die Job-Suche machte, stellte sich heraus, dass all seine Einschätzungen falsch waren. Dies frustrierte den jungen Produktmanager zunächst, der im Interview dann ironisch meinte, dass er im Nachhinein sehr erstaunt über sich selbst sei, weil er seinem Onkel so vertraut habe, obwohl er „in einer ganz anderen Branche“ arbeitete. In Deutschland wäre er niemals den beruflichen Ratschlägen seines Onkels gefolgt, nur weil er sein Onkel ist.

Soziale Netzwerke, die für das berufliche Leben in der Türkei wichtig sind, so berichteten die Befragten, mussten sie sich erst langsam in der Türkei aufbauen. Neben allgemeinen „RückkehrerInnen-Netzwerken“ spielt in diesem Zusammenhang v.a. der Aufbau von beruflichen Kontakten im konkreten Berufsfeld eine wichtige Rolle.

Hohes Wirtschaftswachstum

In den letzten Jahren ist es der Türkei gelungen, ein anhaltendes Wirtschaftswachstum von durchschnittlich rund 7 Prozent zu generieren (vgl. Statistisches Bundesamt: Länderprofil Türkei 2005). Darüber hinaus hat das neue Direktinvestitionsgesetz vom 17.06.2003 zu einer beachtlichen Erhöhung der Zahl der neu gegründeten ausländischen Unternehmen geführt: 2007 erreichte die ausländische Firmenanzahl 18.308. ExpertInnen prognostizieren eine weitere Zunahme ausländischer Firmengründungen, Beteiligungen und Niederlassungen. Auch die Zahl deutscher Firmen in der Türkei nimmt laut Berichten stark zu (s. SWR International 2009), was wiederum den Fortgang von Hochqualifizierten türkischer Herkunft aus Deutschland in die Türkei zu fördern scheint.

Medienberichten zufolge besetzen deutsche Unternehmen und Firmen in der Türkei Schlüsselpositionen zunehmend mit jungen, deutsch-türkischen AkademikerInnen, da ihre Bikulturalität als Vorteil gegenüber deutschen Managern gesehen wird, die keinen türkischen Hintergrund haben. Außerdem besitzen Hochqualifizierte türkischer Herkunft überwiegend neben der deutschen Staatsbürgerschaft die von der Türkischen Republik vergebene Blaue Karte (mavi kart) und können somit das restriktive türkische Aufenthalts- und Arbeitsrecht umgehen (Ludwig 2009: 43).

Die positive Einschätzung der wirtschaftlichen Situation ist auch für unsere Untersuchungsgruppe wichtig. Insbesondere bei denjenigen, die auf eigene Faust in die Türkei kamen, stellte der Gedanke, dass sie in der Türkei die besten Chancen hätten, einen wesentlichen Abwanderungsgrund dar. Ein Befragter fasste die Attraktivität Istanbuls mit folgenden Worten zusammen:

Istanbul steht im Fokus … mit positivem ähm Wirtschaftswachstum, schon die letzten Jahre und es wird auch die nächsten Jahre so sein. Also es ist ne gute Alternative geworden, man man kann hier gut leben. … Also einer, der eine vernünftige Ausbildung hat, der ein gutes Studium absolviert hat in Deutschland, der super Expertise hat, der Profi ist in seinem Job, der wird hier mit Kusshand genommen.

 

Resümierender Ausblick

Die Ergebnisse unserer empirischen Forschung lassen sich in vier Punkte zusammenfassen:

• Berufliche Gründe spielen bei Abwanderungsentscheidungen von hochqualifizierten deutschen StaatsbürgerInnen türkischer Herkunft eine wichtige Rolle.
• Entscheidend sind auch die beruflichen Karriere- bzw. Aufstiegsmöglichkeiten und die wirtschaftliche Entwicklung bzw. das hohe Wirtschaftswachstum in der Türkei.
• Die persönlichen Erwartungen von hochqualifizierten deutschen StaatsbürgerInnen türkischer Herkunft vor der Abwanderung und das in der Türkei tatsächlich Erreichte weichen in vielen Fällen voneinander ab.
•  „Rückkehr“ bedeutet für die in die Türkei migrierten hochqualifizierten deutschen StaatsbürgerInnen türkischer Herkunft nicht die Migration in die Türkei, sondern die Migration nach Deutschland im Falle eines ausbleibenden Erfolgs in der Türkei.

Resümierend lässt sich sagen, dass die Abwanderung von Hochqualifizierten von verschiedenen sozialen Mechanismen und soziopolitischen, ökonomischen, kulturellen sowie persönlichen und psychologischen Faktoren abhängt. Im Falle der hochqualifizierten deutschen StaatsbürgerInnen türkischer Herkunft motivieren in erster Linie berufliche Gründe zur Abwanderung (Push-Faktoren) und hohes Wirtschaftswachstum, soziale Netzwerke und Karrieremöglichkeiten zur Einwanderung (Pull-Faktoren) in die Türkei. Generalisierungen hinsichtlich der Migration von Hochqualifizierten im Allgemeinen lassen unsere aktuellen Ergebnisse allerdings nicht zu. Hierzu wären weitere empirische, qualitative wie quantitative Erhebungen und Analysen notwendig.

April 2011

Dieser Artikel beruht auf noch nicht abgeschlossenen Untersuchungen der AutorInnen. Es handelt sich dabei um das Forschungsprojekt „Abwanderungsabsichten und Abwanderung von Hochqualifizierten türkischer Herkunft aus Deutschland in die Türkei – Scheitern der Integration oder Teilhabe in zwei Gesellschaften?“ an dem Yaşar Aydın derzeit am HWWI arbeitet und die Vorstudie zu dem Projekt „Auf nach Istanbul. Zur Abwanderung von Hochqualifizierten deutschen StaatsbürgerInnen mit und ohne türkischem Migrationshintergrund in die Türkei“, das Barbara Pusch im Orient Institut Istanbul als Drittmittelprojekt vorbereitet.

 

Literatur


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Dr. Barbara Pusch ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Orient-Institut Istanbul für Internationale Migration in die Türkei. Dr. Yasar Aydin forscht im Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut und lehrt an der Uni Hamburg.

   

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