Glückauf der Kyopos – 50 Jahre koreanische Arbeitsmigration in Deutschland

Glückauf der Kyopos – 50 Jahre koreanische Arbeitsmigration in Deutschland

Koreanische Bergmänner unter Tage. Quelle: montan.dok/Bergbau-Archiv BochumKoreanische Bergmänner unter Tage. Quelle: montan.dok/Bergbau-Archiv Bochum. All rights reserved.

von You Jae Lee

 

In den 1960er und 1970er Jahren kamen infolge eines bilateralen Programms zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Südkorea knapp 8.000 koreanische Bergleute und über 11.000 Krankenschwestern nach Deutschland. Die Auslandskoreaner_innen (Kyopo) erhielten zunächst befristete Arbeitsverträge und mussten nach einer gewissen Zeitspanne wieder in ihre Heimat zurückkehren. Erst später wurde es für die Arbeitsmigrantinnen und -migranten teilweise möglich, ihre Verträge zu verlängern oder sogar ein unbefristetes Aufenthaltsrecht zu erhalten.

2013 jährt sich der Beginn der koreanischen Arbeitsmigration in Deutschland mittlerweile zum 50. Mal. Der Verein „Glückauf e.V.“, ein Verein ehemaliger koreanischer Bergarbeiter, beging mit zahlreichen Gästen am 4. Mai 2013 im Zollverein in Essen das Jubiläumsjahr. Viele größere und kleine Veranstaltungen folgten. So wurde etwa im Dezember 2013 von der Tübinger Koreanistik an der Eberhard Karls Universität zum Abschluss des Jubiläumsjahres ein Fest unter dem Titel „Her mit der Kohle“ organisiert. Die koreanischen Fernsehanstalten sendeten Dokumentarfilme und organisierten Musikfestivals in Deutschland. Diese Feierlichkeiten wurden von der deutschen Öffentlichkeit kaum beachtet. Vergleicht man, mit welcher Aufmerksamkeit die 50-Jahrfeier der türkischen Migrationsgeschichte in Deutschland begangen wurde, wird die Nichtbeachtung umso deutlicher. Dabei weist die zahlenmäßig kleine Migrationsgruppe einige historische Besonderheiten auf, die von der allgemeinen „Gastarbeitergeschichte“ in der Bundesrepublik abweicht. Auf einige eben dieser Besonderheiten möchte ich hier eingehen.
 

Besonderheiten der koreanischen Migration
Die Koreaner_innen sind eine der wenigen Gruppen, die nicht aus den Mittelmeerländern stammen. Die Bundesrepublik schloss nicht allein aufgrund der geographischen Nähe Anwerbeabkommen mit den Ländern Südeuropas und der Türkei. Die sogenannten afro-asiatischen Länder wurden grundsätzlich gemieden, weil man zu große Unterschiede in kultureller und klimatischer Hinsicht befürchtete, und Bedenken hatte, dass die weite Distanz die Rückkehr erschweren könnte. Solche pragmatischen Überlegungen waren verbunden mit latentem Rassismus. Wenn dennoch Arbeitsmigrant_innen aus jenen Ländern angeworben wurden, wie aus Südkorea, erfolgte dies unter Berücksichtigung außenpolitischer Gesichtspunkte im Rahmen des Kalten Krieges. Die Arbeitsmigration war also nicht nur wirtschaftlich motiviert. Sie wurde flankiert von politischen Manövern, die dem Kalten Krieg inhärent waren.

Bei politisch legitimierten Arbeitsmigrationen stand in der offiziellen Begründung der Bundesrepublik nicht der Arbeitskräftemangel im Vordergrund, sondern die wirtschaftliche und technische Entwicklungshilfe für die jeweiligen Länder. Die Bunderepublik schloss mit diesen Ländern demnach keine offiziellen Anwerbeabkommen ab, vielmehr wurden die benötigten Berufsgruppen unter Angabe der beruflichen Weiterentwicklung für bestimmte Programme selektiv ausgewählt. Bei den Koreaner_innen waren es Bergarbeiter sowie Krankenschwestern und Krankenschwesternhelferinnen, die über den offiziellen Anwerbestopp der „Gastarbeiter“ 1973 hinaus bis 1977 angeworben wurden. Das ursprüngliche Ziel der beruflichen Weiterbildung war jedoch eine Farce. Die wenigsten koreanischen Männer waren vor und nach der Migration im Bergbau tätig. Die Krankenschwestern erhielten bereits in Korea eine gute berufliche Ausbildung. Deren Migration nach Deutschland löste einen Krankenschwesternmangel in Südkorea aus. Die in Deutschland ausgebildeten Krankenschwestern standen zudem vor dem Problem, dass ihre Abschlüsse in Südkorea nicht anerkannt wurden, da sich diese nicht in das dort geltende US-amerikanische Gesundheitsversorgungssystem einfügten. Bei Betrachtung all dieser Umstände müsste man somit eher von einer umgekehrten Entwicklungshilfe für Deutschland sprechen.

Es mag der überschaubaren Größe und der sozialen Homogenität geschuldet sein, dass der Selbstorganisationsgrad der koreanischen Community in Deutschland sehr hoch ist. Sie fällt nicht nur durch eine sehr aktive Vereinsarbeit auf, sondern auch durch die Vielfalt der Vereinslandschaft vom Gesangsverein über Sportvereine bis hin zu politischen Organisationen. Obwohl die Vereine regional verankert sind, gibt es dicht vernetzte überregionale Dachverbände. Die Selbstorganisationen sind überwiegend binnenethnisch organisiert und Geselligkeit sowie Alltagshilfen sind die vordergründigen Zwecke der Vereine. Hier werden die Mitglieder der Community emotional eingebunden, hier finden sie soziale Sicherheit. Anerkennung und Respekt, die sie in der Mehrheitsgesellschaft selten erfahren, werden durch Organisation kompensiert. Eine wichtige Aufgabe der Vereine ist zudem, einen Raum zu schaffen, in dem die Migrant_innen ihre eigene Kultur ausleben können. Diese Selbstorganisationen trugen maßgeblich zur sozialen Integration dieser Menschen in die Gesamtgesellschaft bei.

Die koreanische Community war eine hoch politisierte. Die erste Welle der Politisierung erfolgte im Kampf um ihre Bleiberechte. Die Krankenschwestern protestierten öffentlich gegen die Abschiebeabsichten der Landes- und Bundesregierungen und sammelten erfolgreich Unterschriften auf dem Kirchentag 1978 in Berlin. Durch selbstbewusstes öffentliches Auftreten auch in den Medien erkämpften sie ihr Bleiberecht. In ihren Protesten wiesen die Krankenschwestern darauf hin, dass sie keine Waren seien, die man je nach Bedarf und Belieben hin und her verschieben könne. Die Proteste der Bergarbeiter erfolgten kurze Zeit später 1979/1980, bevor für die letzten von ihnen das Gastarbeiterprogramm der vorübergehenden Beschäftigung und Aufenthaltserlaubnis auslaufen sollte. Ihre Kritik richtete sich gegen das seit 1963 eingeführte Gastarbeiter-Dasein als solches mit dem Vorwurf, dass dieses gegen die Menschenrechte verstieß, weil ihnen keine freie Berufs- und Wohnortwahl garantiert werde und die Aufenthaltsdauer nicht verlängerbar sei. Diese politischen Kämpfe stellen seltene Fälle, in denen Arbeitsmigrant_innen durch öffentlichen Protest ihre Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis selbst politisch erkämpft haben.

In der zweiten Welle der Politisierung war die Agenda transnational bestimmt. Es ging um die Demokratisierung Südkoreas, Beseitigung der diktatorischen Verhältnisse und Vereinigung der geteilten Nation. In einer Zeit, in der die innere Opposition in Südkorea massiv unterdrückt wurde, waren diese Demokratisierungsbewegungen im Ausland von enorm hoher Bedeutung, da sie für internationalen Druck auf das Regime sorgten. Bei Vereinigungsfragen boten die Kyopo-Communities einen „neutralen“ Boden im Ausland an, auf dem sich die süd- und nordkoreanischen Vertreter_innen treffen konnten. Bemerkenswert ist, dass hierbei die deutschen Koreaner_innen eine besondere Rolle spielten.
 

Retrospektiven von Biografien koreanischer Bergarbeiter
Die Erforschung der allgemeinen historischen Besonderheiten der koreanischen Arbeitsmigration wird durch die Erschließung von Archivunterlagen ermöglicht. Ihre Besonderheiten stellen auch in der Zukunft ein intensiv zu bearbeitendes Forschungsfeld dar. So sind beispielsweise die Lebensgeschichten der koreanischen Bergarbeiter in Deutschland immer noch wenig bekannt. Aus diesem Grunde habe ich erstmalig im Rahmen eines Oral-History-Projekts des National Institute of Korean History 2012 zehn lebensgeschichtliche Interviews mit ehemaligen koreanischen Bergarbeitern in Deutschland geführt. Die Auswahl der Interviewten geschah nach zeitlichen Aspekten (von den ersten aus dem Jahr 1963 bis zu den letzten aus dem Jahr 1977), regionalen Niederlassungen (von Berlin über das Ruhrgebiet bis nach Baden-Württemberg) und beruflichen Weiterentwicklungen (Arbeiter, Taxifahrer, Pfarrer, Mediziner, Selbständige). Um einen beispielhaften Einblick in diese unterschiedlichen Lebensgeschichten zu geben, wurden für dieses Dossier drei Lebensgeschichten ausgewählt. Der Fotograf Dong-ha Choe hat die Interviewten porträtiert.
 

 „Hier bin ich ewiger Wanderer“
Kim Gŭn-ch’ŏl, ein studierter Theologe, kommt in der ersten Gruppe 1963 aus Südkorea in die Bundesrepublik. Er konnte das Studium, das durch den Militärdienst unterbrochen worden war, nicht abschließen. In der Mitarbeit im landwirtschaftlichen Familienbetrieb sieht er keine Perspektive. Kims Entscheidung, als Bergarbeiter nach Deutschland zu gehen, erfolgt eher zufällig. In Aachen arbeitet er nur kurz unter Tage. Denn als nach wenigen Monaten nach seiner Ankunft die zweite Gruppe der koreanischen Bergarbeiter eintrifft, wird er als Dolmetscher eingesetzt.

Als die vielen tragischen Schicksale der Bergarbeiter ihm zu nahe gehen und er sich als Vermittler und Dolmetscher emotional überfordert fühlt, bildet er sich weiter und arbeitet in der elektronischen Rechnungsabteilung der Zeche, die er im Alter von 55 Jahren als Frührentner verlässt. Er beendet nun das unterbrochene Theologiestudium und ist kirchlich und missionarisch tätig. 1985 nimmt er die deutsche Staatsbürgerschaft an. Kim kann stolz sein auf seine Lebensleistung: seine Arbeit als Dolmetscher in der Zeche, sein kirchliches Engagement, seine Tätigkeit in der Missionsgesellschaft, die erfolgreiche Erziehung seiner Kinder usw. Doch auf das Leben in Deutschland sagt er rückblickend: „Hier bin ich ewiger Wanderer“ und bereut seinen Weg nach Deutschland. Diese Wendung kommt überraschend, weil er zuvor so ausführlich über sein engagiertes Leben in Deutschland gesprochen hat. Was nicht ausgesprochen wird, ist die Diskriminierungserfahrung. Der Satz, dass er sich hier trotz all seiner Bemühungen nicht heimisch fühlt, dass er nicht angenommen wird, verweist jedoch auf die Tiefenschichten der Diskriminierung: „Ich werde als Koreaner behandelt und nicht als Deutscher.“
 

Ziviler Botschafter
Lee Mun-sam stammt aus einfachen Verhältnissen und entscheidet sich 1965 bewusst für Deutschland als Ausbruch aus der Armut. Entsprechend arbeitet er hart, sowohl wochentags als auch an Wochenenden und verzichtet sogar auf die Urlaubstage. Das meiste Geld überweist er nach Korea zur Unterstützung der Familie. Auch Lee arbeitet als Dolmetscher. Er verlässt 1977 die Zeche und nimmt eine Stelle in der koreanischen Botschaft an. Dort betreut er die koreanischen Diplomaten, auch in ihren privaten Alltagsangelegenheiten. Mit der Eröffnung eines Reisebüros, das unter anderem auch Umzugsarbeiten für koreanische Auslandsstudierende durchführt, kommt der Erfolg. Obwohl Lee in Deutschland Diskriminierung erfährt, findet er, dass hier ein „normales“, „gutes“ Leben möglich ist, im Gegensatz zu Korea.
 

Vermittler für die koreanische Wirtschaft
Kim Chang-son kommt 1977 nach Deutschland. Nach Beendigung der Vertragslaufzeit als Bergmann arbeitet er bei der koreanischen Elektrofirma LG in Worms. Kim und andere ehemalige Bergarbeiter und Krankenschwestern bilden eine wichtige infrastrukturelle Stütze bei der Etablierung koreanischer Firmen in Deutschland. Kim ist stolz darauf, dass er durch seine Geldüberweisungen nach Korea einen Beitrag für das Wachstum der koreanischen Wirtschaft geleistet hat. Sein Beitrag ist jedoch größer als ihm bewusst erscheint. Über die direkten Geldüberweisungen hinaus stellen Migrant_innen wie er durch ihre lokalen Kenntnisse und Netzwerke eine maßgebliche Unterstützung der koreanischen Firmenniederlassungen in Deutschland dar.

Die Lebensgeschichten zeigen auf, dass die transnationale Bedeutung der Migrant_innen nicht nur auf die Devisenüberweisung und Demokratisierung beschränkt bleibt. Ihre wirtschaftliche Bedeutung setzt sich insofern fort, als sie die infrastrukturelle Grundlage für die Niederlassungen der koreanischen Firmen und für das Alltagsleben der koreanischen Auslandsstudierenden in den 1980er und 1990er Jahren darstellten. Des Weiteren fällt die Einschätzung der Diskriminierungserfahrung verschieden aus. In der Erinnerung auf ihre Lebensgeschichte besteht ein Bedürfnis nach Anerkennung ihrer Lebensleistungen. Anerkennung wird jedoch eher bei der südkoreanischen Regierung und Gesellschaft gesucht als von der deutschen. Daher wird das fehlende  Interesse der deutschen Öffentlichkeit auf ihre Migrationsgeschichte weniger wahrgenommen und problematisiert. Das scheint eher die Aufgabe der zweiten Generation zu sein. Dazu muss sie sich jedoch selbst in der Migrationsgeschichte positionieren.


Weiterführende Literatur

Berner, Heike/Choi, Sun-ju (Hg.) (2011): Zuhause. Erzählungen von deutschen Koreanerinnen (2. Aufl.). Berlin: Assoziation A.

Choe, Jae-Hyeon/Daheim, Hansjürgen (1987): Rückkehr- und Bleibeperspektiven koreanischer Arbeitsmigranten in der Bundesrepublik Deutschland. Frankfurt a.M.: Peter Lang.

Nestler-Tremel, Cornelius/Tremel, Ulrike. (1985). Im Schatten des Lebens: Südkoreaner im Steinkohlebergbau von Nordrhein-Westfalen, eine Untersuchung zur Rotationspolitik mit ausländischen Arbeitnehmern. Heidelberg: Grosch.

Park, Chan-Kyong/Fehling, Klaus (2003). Koreans who went to Germany. Stuttgart: Noonbit.

Roberts, Suin (2012): Language of Migration. Self- and Other Represantation of Korean Migrants in Germany. New York: Peter Lang Publishing.

NGBK (Hg.) (2009): Shared. Divided. United. Deutschland-Korea. Migrationsbewegungen im Kalten Krieg. Berlin: NGBK.

Stolle, Christa (1990): Hier ist ewig Ausland. Berlin: Technische Universität Berlin.

 

Jun-Prof. You Jae Lee ist Leiter der Koreanistik der Eberhard Karls Universität Tübingen. Er studierte Geschichte, Koreanistik, Politologie und Philosophie. Seine Forschungsschwerpunkte sind Kolonialgeschichte, Kalter Krieg und Migrationsgeschichte.

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