Septembermärchen und vertane Chancen. Erfahrungen aus Charlottenburg

Eindrücke vom Berliner Lageso im Sommer 2015Eindrücke vom Berliner Lageso im Sommer 2015. Urheber: sebaso . Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die Journalistin Nina Scholz reflektiert ihre Eindrücke als Helferin in einer Kleiderkammer und denkt darüber nach, was bürgerschaftliches Engagement leisten kann – und was nicht.

Vergangenen Sommer ging es mir wie vielen anderen auch. Ich hatte wochenlang die Schreckensmeldungen gelesen, wie mitten in Berlin am Lageso, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales, Geflüchtete in der Hitze, ohne Verpflegung, ärztliche Versorgung und Unterkunft ausharren mussten, um sich registrieren zu lassen. Ich wollte, wie viele andere auch, helfen, wusste aber nicht, wie. Dann machte mich jemand darauf aufmerksam, dass in Westberlin gerade erst eine vorübergehende Unterkunft für Geflüchtete eröffnete hatte.

Als ich das erste Mal in das Heim ging, herrschte noch Chaos. Einige Geflüchtete waren bereits angekommen, ein paar Helfer auch. Zusammen standen wir hilflos im Hof herum. Weit und breit war niemand zu sehen, der verantwortlich war. Irgendwann kam eine Studentin, die schon ein paar Tage länger dort war und übernahm die Verantwortung. Sie teilte mich und ein paar andere Frauen, die ebenfalls herumstanden, zum Spenden sortieren ein.

Das haben wir dann gemacht. Wir waren eine Gruppe von sieben Personen. Zwei Rentnerinnen und ein Renter, eine Frau, deren Kinder vormittags in der Schule waren, zwei Studentinnen und ich sortierten den Inhalt zahlloser Kartons und Tüten. Vielen Berliner/innen war es wohl so gegangen wie uns: Sie wollten irgendwie helfen, vielleicht auch den Schreckensmeldungen aus Syrien, von den europäischen Grenzen, vom Lageso etwas entgegensetzen.

Also spendeten sie. Während manche von ihnen Kleidung zusammenpackten, die Bedarfslisten, die damals noch nicht im Internet, sondern nur an der Tür des Heims standen, überprüften oder einfach fragten, was gebraucht würde und kurze Zeit später mit BVG-Karten, Hygiene-Produkten oder Säcken voller Kinder-Flipflops wieder in der Tür standen, standen andere mit angebrochenen Lebensmitteln, mit nasser Kleidung oder dreckiger Unterwäsche vor der Tür. Oder sie hatten Kerzen, Tischdecken und Bücher zusammengepackt und wollten auch nach mehrmaligem Erklären nicht verstehen, dass die Geflüchteten damit nichts anfangen können. Hier hatte ich zum ersten Mal Kontakt mit Menschen, die sehr wütend werden, wenn Geflüchtete nicht einfach genau die Hilfe nehmen, die sie angeboten bekommen.

Viele Fragen bleiben unbeantwortet

Das Chaos an den ersten Tagen kam auch daher, dass fast niemand, der dort war, schon mal ein Heim organisiert hatte. Wir packten also Kleidung aus, sortierten sie so, wie wir es am praktischsten fanden und dann kamen aus der gerade eröffneten Kleiderkammer neue Anleitungen, denn auch die freiwilligen Helfer/innen dort fanden erst nach und nach heraus, was wirklich gebraucht wurde. Also wurde neu gepackt, neu sortiert. Wir brauchten mehr Kleider und Tuniken für die Frauen, Flipflops für alle und kleinere Jacken für die Männer als die Parka in L oder XL, die von deutschen Männern mehrheitlich gespendet wurden.

Wir hatten natürlich auch viele Fragen: Braucht man Kondome in einer Unterkunft für Geflüchtete? Muss man irgendwann Spender/innen wegschicken? Was passiert, wenn wir sie wegschicken und später bringt dann niemand mehr etwas? Und natürlich auch: Wie viel können wir wovon herausgeben? Irgendwann fragte ich eine der Helferinnen, die dort regelmäßiger als ich arbeitete: „Sind das alles Freiwillige?“ Und ich war nicht die einzige, die diese Frage stellte. Kaum jemand, der dort mithalf, konnte glauben, dass die meisten freiwillig dort waren und wie wenig professionelle Helfer/innen es gab.

Eine Woche später wechselte ich von der Spendensortierung in die Kleiderkammer. Es gab zwei Kammern: eine für Männer, eine für Frauen und Kinder. Anfangs, als es noch viele Spenden gab, konnten die Bewohner/innen jeden Tag einmal kommen. Später nur noch einmal die Woche. Mittlerweile wohnen die meisten schon so lange dort, dass die Kleiderkammer oft bloßer Zeitvertreib ist. Die Kleiderkammer ist ein merkwürdiger Ort, weil sie gleichzeitig zusammenführt und trennt. Man lernt die Geflüchteten kennen, aber auch nicht besser, als eine Verkäuferin ihre Kundin kennenlernt, nur dass das Verhältnis eben umgekehrt ist. Nicht die Verkäuferin ist dankbar, dass sie etwas verkauft, sondern die Kundin, dass sie etwas bekommt.

Wie würdet ihr behandelt werden wollen in einem fremden Land?

Trotzdem gab es dort viel zu lernen, wenn auch vielleicht nur über sich selbst. Eine ältere Frau war mit der Art eines ruppigen, jungen Mannes aus Eritrea überfordert, der lautstark seine Zahnpasta einforderte. Später hat sie zu mir gesagt: „Ich muss wirklich aufpassen, dass ich die jungen Männer nicht anders behandele als die Familienväter aus Syrien. Die einen hatten noch die eine Chance im Leben, die anderen kommen wie ich aus der Mittelschicht und sind vielleicht wie mein Mann Arzt. Da ist ja klar, dass ich mich mit den anderen erst mal besser verstehe.“ Menschen, die verstanden haben, dass es den einen Geflüchteten nicht gibt, dass nicht nur eine Geschichte, eine Biografie, eine Erfahrung gibt, die lernen, dass man manche Menschen mag, andere nicht, dass man das in Beziehung zu gesellschaftlichen Verhältnissen setzen muss.

Es gab ansteckende Krankheiten, aber als das Gesundheitsamt weiße Schutzjacken als Arbeitskleidung vorschrieb, weigerten sich alle Helfenden, diese anzuziehen. Niemand wollte den Menschen, die hunderte von Kilometern aus widrigsten Umständen durch widrige Umstände in widrige Umstände geflüchtet waren, entgegentreten, als wären sie ansteckend oder vergiftet. Ein Mann aus Zehlendorf weigerte sich mit den Karteikarten zu arbeiten, die zur besseren Organisation der Kleiderkammer eingeführt worden waren. Wütend sagte er: „Ich stell mich doch hier als Deutscher nicht mit einer Karteikartenkiste hin und sage zu Geflüchteten: Wie ist deine Nummer? Nein, Du kannst heute keine Zahnpasta haben, du hast dir diese Woche schon eine Tube geholt."

Als ein Bus voller Geflüchteter nach Eisenhüttenstadt abfuhr, wo ein paar Tage vorher ein leeres Heim gebrannt hatte, standen die Helfer/innen fassungslos, wütend und traurig im Innenhof. Wir waren alle hilflos, weil wir Menschen, denen es sehr schlecht ging und die wir gerade erst kennengelernt hatten, in eine solche Situation entließen. Natürlich gab es auch Auseinandersetzungen, zum Beispiel mit den Security-Angestellten. Aber es gab auch Zettel, auf denen stand: „Klar, wir haben hier Regeln, aber am Ende des Tages zählt, dass ihr die Refugees so behandelt, wie ihr auch behandelt werden möchtet in einem fremden Land.“

Es gibt keine Märchen im wahren Leben

Hier könnte der Artikel jetzt zu Ende sein. Ich hatte also mein ganz persönliches „Septembermärchen“ erlebt, wie die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt die kurze Phase der von den Medien gefeierten deutschen Willkommenskultur euphorisch nannte. Leider gibt es keine Märchen im wahren Leben. Und deswegen muss der Artikel hier noch weiter gehen, denn während die einen Hilfe leisteten, brannten noch nicht bezogene Unterkünfte in zahlreichen Städten, gingen tausende Menschen jeden Montag mit Pegida und seinen Ablegern auf die Straße, randalierten Rechte und sogenannte besorgte Bürger vor Flüchtlingsheimen wie etwa in Heidenau und Freital und harrten tausende Geflüchtete vor dem überforderten und weiterhin unterbesetzten Lageso aus.

Vor dem Berliner Lageso im Sommer 2015. Urheber: sebaso . Public Domain.

Wäre so ein Märchen ein erklärtes politisches Ziel gewesen, gab es damals im September ein Zeitfenster, so etwas möglich zu machen. Das Potential war da. Das konnte ich in dem Heim sehen, in dem nicht die "linke Szene" und keine Mitglieder antirassistischer Gruppen standen, sondern mehrheitlich Menschen, die sich mit den Themen Flucht und Asyl vorher kaum auseinandergesetzt hatten. Die viel bejubelte Willkommenskultur hatte es tatsächlich gegeben. Was fehlte, war Unterstützung. Man hätte nicht nur mit den vielen freiwilligen Helfern neue Strukturen aufbauen können, man hätte eine Kultur schaffen können, die der rechten Stimmungsmache von Neonazis und besorgten Bürgern, von AfD und CDU/CSU wirklich etwas entgegenzusetzen hat.

Letztes Jahr gab es die Möglichkeit für Parteien und Politik, aktive Gruppen und Menschen zu unterstützen und dabei einen Schritt in Richtung einer offenen Zivilgesellschaft mit einer festen Struktur zu gehen. Die Chance wurde vertan, ob aus Ignoranz oder aus Kalkül. Es war auch nicht so, dass keine Politiker/innen vorbeigekommen wären. Die kamen sogar ziemlich oft, und zwar von allen Parteien und immer mit mindestens einer Zeitung und Fotograf/innen im Schlepptau. Sie ließen sich die Organisation und die Abläufe erklären, nickten bewundernd, machten ein Foto, sagten in irgendein Aufnahmegerät, dass sie die Helfer/innen bewundern würden, dass ohne diese Helfer/innen gerade nichts geht und dass sich natürlich etwas ändern müsse – und dann verschwanden sie wieder.

Heute leben die Menschen immer noch in diesem als Übergang gedachten Heim. Die Abläufe sind vielleicht eingespielter als am Anfang, aber es sind immer noch die Freiwilligen, die sich dort kümmern. Die Geflüchteten bekommen immer noch keine psychologische Betreuung und nicht nur die Spenden, auch die motivierten Helfer/innen werden immer knapper, während die Berliner Bürokratie bis heute überfordert ist. Schon hier wird das Dilemma der Freiwilligenhilfe deutlich: Man hat im Sommer die Politik aus der Verantwortung entlassen und die Aufgaben des Staates übernommen. Leider steht bis heute auch die Frage im Raum: Was wäre passiert, wenn niemand geholfen hätte?

Vielleicht ist das Problem ja auch gar nicht die Freiwilligenhilfe gewesen, sondern dass diese nach wie vor sich selbst überlassen ist. Die Situation in Berlin ist bis heute nicht besser, sondern schlechter geworden. Das war abzusehen – wie man die Situation im letzten Jahr ebenfalls hätte absehen können. Bis zum Ende des Jahres 2015 sind knapp 80.000 Flüchtlinge in Berlin angekommen – aktuell leben 30.000 Geflüchtete in der Stadt, davon sind 15.000 bis jetzt nicht registriert. Für 2016 rechnet das Innenministerium mit 55.000 neu Ankommenden.

Was passiert, wenn die Puste ausgeht?

Bisher hat niemand einen konstruktiven Vorschlag zur Versorgung und Unterbringung gemacht, geschweige denn eine Zukunftsperspektive entworfen. Es wird schwieriger, Helfer/innen und Spenden zu finden. Die Menschen in den Heimen harren aus. Niemand kümmert sich um ihre Traumata, aber die Hetze draußen wird jeden Tag lauter. Und nicht nur die Hetze, sondern auch die Übergriffe und damit die Angst, denn auf andere Heime werden tagtäglich Angriffe verübt, die meist nicht geahndet werden. Das Bundeskriminalamt hat 2015 mehr als 1000 Straftaten gegen Asylunterkünfte registriert, das sind fünf Mal so viele wie im Jahr zuvor. Gleichzeitig werden die Grenzen dicht gemacht, offener Rassismus ist gesellschaftsfähiger denn je und das Asylrecht wird stückweise alle paar Monate mit Hilfe fast aller deutschen Parteien verschärft.

Lageso, Sommer 2015. Urheber: sebaso . Public Domain.

Von dem behaupteten Septembermärchen sind wir heute weiter entfernt denn je. Als ich vor einem halben Jahr mit einigen männlichen Geflüchteten gesprochen habe, die derzeit so dämonisiert werden, hatten viele gehofft, ihre Familie bald nachholen zu können. Auch das ist mittlerweile in weite Ferne gerückt. Am 28. Januar 2016 einigten sich die Regierungsparteien CDU/CSU und SPD auf das sogenannte Asylpaket II. Für Geflüchtete mit subsidiärem Schutz wurde das Recht, enge Angehörige nach Deutschland zu holen, für zwei Jahre ausgesetzt, während in der deutschen Presse schon lange niemand mehr von einem Märchen gesprochen hat, dafür aber die Stimmen nach einer Obergrenze lauter werden.

Und die freiwilligen Helfer/innen? Viele machen irgendwie weiter. Andere sind wieder weg – und wer könnte es ihnen verdenken? Manche haben hier eine Aufgabe gefunden und das ist ja auch schön. Doch den meisten geht die Puste aus. Was passiert, wenn der Staat sich seinerseits darauf verlässt, dass Privatpersonen die Versorgung von Menschen in Not schon regeln werden, konnte man im Januar 2016 am Lageso erleben. Ein Helfer hatte den Tod eines Syrers erfunden, die Nachricht verbreitete sich rasch. Dass es niemand für unwahrscheinlich gehalten hatte, ist der eine Skandal. Dass Menschen ohne Ausbildung, ohne Supervision, ohne Ressourcen seit Monaten so eine Aufgabe, größtenteils neben ihrer eigentlichen Lohnarbeit, stemmen, ist der andere. Der Blick in die Zukunft ist also düster, die Möglichkeit eines zweites Märchens in diesem Jahr scheint in weite Ferne gerückt.

Dieser Artikel erschien in unserem Dossier „Zivilgesellschaftliches Engagement“ aus der Reihe „Welcome to Germany“.

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