"Wir mussten stets 200% leisten, um zum gleichen Resultat zu kommen"- Interview mit Arber Bullakaj

"Wir mussten stets 200% leisten, um zum gleichen Resultat zu kommen"- Interview mit Arber Bullakaj

Interview

Im Hinblick auf die Schweizer Parlamentswahlen am 20. Oktober, sprach Vjollca Hajdari mit Arber Bullakaj über seine politische Arbeit und Kandidatur für den schweizerischen Nationalrat.

Arber  Bullakaj ist Politiker der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SP) und kandidiert erstmals für den Nationalrat. Bullakaj wurde in Kosovo geboren und hat einen Teil seiner Kindheit in einem kleinen Dorf in der Gemeinde Suhareka verbracht. Der Vater arbeitete seit Anfang der 80er Jahre in der Schweiz mehrere Jahre als Saisonier, bis er eine feste Aufenthaltsbewilligung erhielt.

Er kam jeweils wenige Monate bzw. Wochen pro Jahr nach Kosovo, um die Familie zu besuchen. 1994 zog die Familie im Rahmen des gesetzlich ermöglichten Familiennachzugs in die Schweiz. Das war ein wichtiger Schritt mit großen Veränderungen. Zum einen war die Familie endlich wieder beieinander. Zum anderen jedoch veränderten sich die Lebensumstände. Weg vom großen Landwirtschaftsbetrieb, lebte die Familie nun in einer kleinen Wohnung in einem Arbeiterviertel mit sehr hohem Ausländeranteil. 

Nach einem Jahr zogen sie in die Kleinstadt Wil, wo sie alle bis heute noch leben. Arber Bullakaj besuchte das Wirtschaftsgymnasium und bildete sich in den Finanzen weiter, wo er mit nur 23 Jahren schnell zum Leiter der Buchhaltung eines IT-Beratungsunternehmens aufstieg. Ein paar Jahre und Stationen später wurde er Unternehmer, was er bis heute geblieben ist. Gleichzeitig macht er einen EMBA in „Innovative Management and Development“ und ist am Aufbau einer IT Firma beteiligt. 

Politisiert wurde er durch die sogenannte „Schwarze-Schafe-Kampagne“ der Schweizerischen Volkspartei (SVP). Er ließ sich einbürgern und trat gleich der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SP) bei und kandidierte für das Stadtparlament. Seit sieben Jahren ist er nun Stadtparlamentarier und seit fünf Jahren kantonaler Vizepräsident der SP St. Gallen.

Nun strebt er nach der kommunal- und kantonal-Politik auch die nationale Bühne an. Die SP St. Gallen hat bisher zwei Nationalrätinnen, welche wieder kandidieren. Arber startet als drittplatzierter hat gute Chancen, vorausgesetzt die Partei gewinnt einen Sitz dazu. Ob der Sitzgewinn realistisch ist, zeigt sich am Sonntag, dem 20.10.2019. 

Über seine politische Arbeit und die Kandidatur für den schweizerischen Nationalrat sprach Arber Bullakaj mit der Journalistin Vjollca Hajdari.

Vjollca Hajdari: Am 20. Oktober finden in der Schweiz Parlamentswahlen statt, bei denen Du für den Nationalrat im St. Gallener Kanton kandidierst. Wie siehst Du Dich als Nationalrat in der Schweiz?

Arber Bullakaj: Wenn ich gewählt werde, dann wird das Parlament sowohl jünger als auch vielfältiger. Es wäre zudem ein historischer Sieg für Menschen mit albanischen Wurzeln und generell für Menschen aus dem Balkan. Ich erhoffe mir damit eine neue Welle der Politisierung und Mobilisierung zu erreichen. Für Jugendliche und für Menschen, welche in der Schweiz ihre neue Heimat gefunden haben. 

Du wärst der erste Kosovo-Albaner im Nationalrat. Was bedeutet das für Dich, für die Menschen mit albanischen Wurzeln, aber auch für die Menschen aus dem Balkan?

Man sagt, wenn man im Nationalen Parlament vertreten ist, ist man endlich angekommen als „Community“. Somit wäre es die Bestätigung, dass die Menschen mit den Wurzeln aus dem Balkan ein vollständiger Bestandteil der neuen Schweiz geworden sind. Für mich ist es ebenfalls die Bestätigung, dass die ehemaligen Saisonier-Kinder auch als würdige Vertreter/innen des Parlaments angesehen werden und auf der anderen Seite auch, dass die Bevölkerung eine bessere Spiegelung der Gesellschaft in der Politik möchte. 

Als ein Vertreter des Parlaments, was würdest Du anpacken und welche Probleme würdest Du aufgreifen? Wo siehst Du die Schwierigkeiten und wo die Möglichkeiten? 

Dadurch, dass ich als Migrant eine Ausnahme wäre, wäre sicherlich auch die Verantwortung sehr groß, genau wie die Erwartungshaltung. Im Zweikammersystem der Schweiz dauern Entscheide jedoch immer ziemlich lange, weshalb ich mich in Geduld üben muss. Das heißt, dass bei jedem Gesetzesentwurf, sowohl die kleine Kammer (Ständerat, analog zum US-amerikanischen Senat), als auch die große Kammer (Nationalrat, analog zum US-amerikanischen Repräsentantenhaus) zustimmen müssen, bis ein Gesetz verabschiedet wird. 

Jeder Marathon beginnt jedoch mit dem ersten Schritt, weshalb ich wichtige Reformen angehen würde in den Bereichen Umwelt-, Familien- und Bildungspolitik sowie im Bürgerrecht. Es gäbe mehr als genug zu tun!

Was hat sich in der schweizerischen Gesellschaft geändert bezüglich des Zusammenlebens? Was hat sich für Dich geändert, wenn Du Dein Leben in der Schweiz Revue passieren lässt?

Es hat sich in den letzten 20 Jahren sehr viel verändert und das nicht immer in die gleiche Richtung. Für mich war es natürlich auch eine intensive Zeit. Hinzu kommt, dass man als Kind die Welt anders wahrnimmt, wie als Erwachsener. Grundsätzlich war für mich jedoch erkennbar, dass die 90er Jahre gesellschaftlich und politisch eher ruhig und dezent waren. Die Kriege im Balkan bewirkten dann, dass die Leute Angst bekamen, dass zu viele Menschen ins Land kommen. Die Schweiz war auch strukturell nicht darauf vorbereitet, weshalb viele politische Fehler passierten.

Dies bewirkte, dass die SVP, welche auf das Thema Migration setzte, einen großen Aufwind bekam und zur größten Partei der Schweiz wurde. Unter ihrem Übervater Christoph Blocher wuchs auch eine sogenannte Blocher-Jugend heran, welche seine Werte der Abschottung und Ausgrenzung übernahmen. Dann wurde langsam reagiert. Es gab regionale Integrationsbeauftragte, welche zu vermitteln und zu "integrieren" versuchten. Parallel wurden die Kinder der Migranten erwachsen und unterstützen den Prozess. Es kam zwar während dieser Zeit nie zu größeren Ausschreitungen, jedoch hatte sich der politische Diskurs stark in Form von Alltagsrassismus verankert. Und dass in den wichtigsten Bereichen: Schule, Verwaltung, Politik und in einigen Unternehmen. 

Als die Secondos, die zu kämpfen gelernt hatten, ins Berufsleben einstiegen, gab es eine dezentrale Gegenbewegung. Viele machten Karriere. Zum Beispiel in der Wirtschaft, in lokalen und kantonalen Parlamenten, oder auch in der Schweizerischen Fußballnationalmannschaft und verhalfen damit der Schweiz zum erstmaligen Einzug in die Top Ten der FIFA Weltrangliste. 

Da wurde klar, die Schweiz hat sich gewandelt. Die Schweiz ist nämlich eines der vielfältigsten Länder der Welt. Stolze 37% haben Migrationshintergrund und fast 50% der Menschen haben jemanden in der Familie oder Verwandtschaft, der/die nicht in der Schweiz geboren ist. Das prägt. Deshalb versuchte sich die SVP im Frühling dieses Jahres, mit einer Kampagne migrantenfreundlich zu zeigen. Für mich ein rein heuchlerisches, wahltaktisches Manöver ohne viel Fleisch am Knochen. 

Hinzu kommt, dass die Blocher-Jugend nun durch eine viel wichtigere Jugend abgelöst wurde, nämlich der Klima-Jugend. Aktuell ist der politische und mediale Effekt gegen Minderheiten zu poltern sehr gering (u.a., weil sie auch vom Bundesgericht dafür verurteilt wurden), weshalb die SVP in diesen Wahlen wohl verlieren wird. Ich sehe also viel Licht am Ende eines langen Tunnels. 

Du selbst zählst ebenso zu den sogenannten „Secondos“. In die Schweiz bist Du als kleiner Junge gekommen. Wie beschreibst Du Dein Leben in der schweizerischen Gesellschaft?

Es kommt darauf an, welche Zeit ich beleuchte. Zu Beginn ging es darum, möglichst schnell die Sprache zu lernen und mich in der Schule zu beweisen. Ich war ambitioniert und leistungsbezogen. Damals war ich als Albaner in der Schweiz auch eher die Ausnahme und wurde sehr gut aufgenommen. Ich fand viele Freunde und fühlte mich als Teil des Ganzen. Nach dem Krieg änderte sich das schlagartig. Es flüchteten viele Menschen und einige davon auch in die Schweiz. Damit veränderte sich auch die Haltung einiger Schweizer/innen gegenüber den Albanern.

Plötzlich waren die Albaner nicht mehr die fleißigen Arbeiter, sondern wurden als Bedrohung angesehen. Damit erlebte ich die ersten Ablehnungen aufgrund meiner Herkunft. Oft kam dann der Beisatz: "Aber du bist ein Guter, wir meinen die anderen". Ich fragte mich dabei wer "die anderen" sind? Eine Minderheit oder die Mehrheit? Meine Freunde und meine Familie, die noch niemandem was zu Leide getan hatten? Zu dieser Zeit gab es Gruppenbildungen. Zum einen die "Ausländer", zum anderen die "Schweizer" und dazwischen noch viele, wie ich, die mit allen gern verkehren wollten. 

Diese Gruppenbildung bestand insbesondere in der Oberstufe (7-9. Klasse) und wurde auch dadurch verschärft, dass die "Ausländer" meistens in der Realschule waren (teilweise auch aufgrund struktureller Diskriminierung) und die Schweizer in der Sekundarschule. In der Mittelschule ging es weiter, jedoch ein wenig dezenter und versteckter. Es gab viele Fälle von Benachteiligung, aber auf der anderen Seite auch viele Lehrkräfte die sich gegen die Ausgrenzung einsetzten.

Was war für Dich persönlich in diesen Situationen schwierig? Wo hast Du Probleme und Hindernisse erlebt?

Als ich in der 9 Klasse war, ging es darum zu entscheiden, ob man eine weiterführende Schule besucht oder eine berufliche Ausbildung beginnt. Ich wusste schon, dass ich weiter studieren wollte. Die Unterstützung meines Hauptlehrers hatte ich dafür jedoch nicht und musste es ohne Empfehlung schaffen. Und die Migrantinnen und Migranten, welche sich für die berufliche Ausbildung entschieden hatten, mussten zum Teil hunderte von Bewerbungen schreiben, bis sie etwas fanden. Und das in einer Zeit, wo Bewerbungen nicht bequem per E-Mail versendet werden konnten.

Ein Freund von mir, welcher einer der fleißigsten und besten Schüler der Klasse war, hatte z.B. über 200 Bewerbungen für eine Kaufmännische Stelle verschickt. Ohne Erfolg. Schlussendlich fand er etwas als Lastwagenchauffeur, was ihm nicht wirklich lag. Sein einziges „Manko“: er hatte bosnische Wurzeln, einen „-vic“ im Namen und war Muslim. 

Grundsätzlich war es so, dass ich und die vielen anderen Migrantinnen und Migranten sich oft alleine durchschlagen mussten und dazu auf dem Weg noch mit vielen Hindernissen und Vorurteilen zu kämpfen hatten. Wir mussten stets 200% leisten, um zum gleichen Resultat zu kommen. Viele hat dieser Fakt stärker gemacht, wir haben uns eine dicke Haut angelegt und haben gelernt für die Ziele zu kämpfen. Andere, die weniger Glück hatten, sind daran zerbrochen.

Während andere daran zerbrochen sind, ging es bei Dir mit dem Arbeitsleben weiter…

Während des Arbeitslebens hatte ich zu Beginn als Praktikant auch einige sehr negative Erfahrungen gemacht. Da es jedoch ein globales Unternehmen war, war das Denken der meisten Kollegen/innen in diesem Unternehmen sehr progressiv und im Grunde erfolgsorientiert. So kam es, dass ich im gleichen Unternehmen, wo ich das Praktikum gemacht hatte (unter starkem Protest von einigen Personen aufgrund meines Jungen Alters), drei Jahre Später als jüngster Manager des globalen Konzerns die Finanzen für die Schweiz, England, Österreich und einen Teil von Deutschland leitete.

Das war für mich der Erlösungsschlag. Von diesem Zeitpunkt an, fühlte ich mich zumindest beruflich nie wieder benachteiligt. Die Politik hinkte jedoch, wie so üblich, Jahrzehnte hinterher, weshalb sich der Wunsch politisch aktiv zu werden verstärkte. Ich wollte erreichen, dass die Nachfolgegenerationen nicht die gleichen Erfahrungen machen mussten, wie meine Generation.  

Du setzt Dich ebenso gegen Rassismus und Vorurteile ein. Die nationalkonservative und rechtspopulistische SVP ist da besonders offensiv und scheut sich nicht davor, gezielt Hetzparolen gegen Migranten zu verwenden.

Die SVP betreibt seit Jahrzehnten Hetzpolitik gegen Minderheiten. Sie hat damit den Ball von James Schwarzenbachs Partei „Nationale Aktion“ aufgenommen, die in den 60er und 70er Jahren gegen die italienische Zuwanderung polterte. Mal waren es bei der SVP die „Jugos“ mal die Kosovaren oder Türken und in den letzten Jahren immer mehr die Muslime oder die Eritreer. Ihre Plakatkampagnen haben international für Aufsehen gesorgt und wurden teils sogar von der NPD kopiert!

Zuerst sind viele vor Schock erstarrt. Es wurden Parallelen zu der Vorkriegszeit gezogen. Nach der Schockstarre haben jedoch viele gemerkt, dass man dieser Hetze entgegentreten muss. So begannen auch meine politischen Aktivitäten und so entstanden Jahre später auch Gruppierungen wie die „Operation Libero“. 

Es ist auffällig, dass neben der "Operation Libero" auch eine hohe Zahl von Vertreter/innen verschiedener Nationalitäten Dich unterstützen ...

Nun habe ich eine Nationalratskampagne gestartet, welche auf die neue Schweiz ausgerichtet ist. Eine Schweiz in der es egal ist, woran du glaubst, wen du liebst, woher du kommst und welche Hautfarbe du hast. Deshalb erhalte ich auch große Unterstützung von Menschen mit den verschiedensten Lebensgeschichten. Ich bin sehr dankbar für diese große Unterstützung und freue mich, dass es so gut aufgenommen wird.

Insbesondere freut es mich, dass sie auch von so vielen Menschen ohne Migrationsgeschichte so geschätzt wird. Ich bekomme viele Zusprüche auf der Straße, über die sozialen Medien oder per E-Mail. Sie wollen mich dazu antreiben „so weiterzumachen“ und das werde ich tun. 

Zwei weitere Themenschwerpunkte deiner Arbeit sind Staatsangehörigkeit und faire Mieten.

Die Schweiz hat eine große Vielfalt und trotzdem das strengste Einbürgerungsrecht in Europa. Die Einbürgerung ist voller Hürden und Stolpersteine. In Zeiten der Globalisierung und der Mobilität verharrt unser Bürgerrecht in sehr alten Strukturen. Es gibt noch unbegreifliche kommunale und kantonale Wohnsitzfristen, wie in keinem anderen Land. Das ist ein alter Zopf aus lang vergangener Zeit und schränkt die Einbürgerungswilligen unnötig ein.

Ein türkischstämmiger Freund von mir lebt seit 40 Jahren in der Schweiz und kann sich erst jetzt einbürgern lassen, weil er ab und zu umgezogen ist. Noch dazu kostet es mit fast CHF 4.000 viel zu viel. Dass die Demokratie ein so teures Eintrittsbillet ausstellt, welches viele nicht bezahlen können, ist sehr bedenklich. Ich möchte das ändern, damit mehr Menschen durch die Einbürgerung Zugang zur Demokratie erhalten und damit zu vollwertigen Mitgliedern unserer Bevölkerung werden.

Bei den Mieten haben wir eine Schere, die weiter auseinandergeht. Auf der einen Seite sind die Hypothekarzinsen massiv gesunken und auf der anderen Seite steigen trotzdem die Mieten. Diese Differenz nennt sich Rendite und landet bei wenigen großen Immobilienbesitzern, während der Mittelstand und die Menschen mit tiefem Einkommen das Nachsehen haben. 

Warum ist das Thema Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern in der schweizerischen Gesellschaft weiterhin aktuell für Dich?   

Ich bin mit einer starken Mutter aufgewachsen, die mich und meine Geschwister praktisch im Alleingang aufgezogen hat, da mein Vater als Saisonier in der Schweiz gearbeitet hat. Nebst der Erziehung, hat sie auf dem Acker und im Bauernhof gearbeitet. Das habe ich immer sehr bewundert. Sehr viele Frauen leisteten und leisten tagtäglich sehr viel, bekommen aber wenig Wertschätzung. Wenn eine Mutter die Kinder erzieht und den Haushalt bewältigt, heißt es “sie arbeite nicht und sei nur zu Hause“ und wenn sie einer Erwerbstätigkeit nachgeht verdient sie fast 20% weniger als ein Mann in einer vergleichbaren Position.

Wenn diese Frau noch dazu eine Migrantin ist, erfährt sie eine Mehrfachdiskriminierung in der Jobsuche und im Lohn. Diese Situation ist untragbar und der modernen Zeit unwürdig. Nun bin ich auch Vater einer Tochter und eines Sohnes und möchte, dass beide im Erwachsenenalter dieselben Chancen erhalten. Dieselben Chancen bezogen auf das Geschlecht und auf den Migrationshintergrund. 

Vjollca Hajdari ist Journalistin und Politologin. Als Balkanexpertin schreibt sie für die deutsche und internationale Presse.

 

 

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