„Es ist unmenschlich, was mit uns passiert ist“

Interview

David Macou gehört zu einer der ersten Gruppen von Vertragsarbeiter*innen aus Mosambik, die 1979 in die DDR geschickt wurden. Im Interview erinnert er sich an die Zeit vor und nach dem Mauerfall, an die rassistischen Ausschreitungen in Hoyerswerda und berichtet über die Kämpfe der ehemaligen Vertragsarbeiter*innen für die Auszahlung ihrer transferierten Löhne nach ihrer Rückkehr nach Mosambik.

David Macou

Julia Oelkers: Sie haben die rassistischen Angriffe 1991 in Hoyerswerda erlebt. In der offiziellen Propaganda der DDR war das Thema „Völkerfreundschaft“ sehr präsent. Gab es rassistische Anfeindungen auch schon in der DDR?

David Macou: Ja, eigentlich von Anfang an. Ich habe 1980 schon einige Signale gesehen. Es gab in Hoyerswerda eine Bank, hinter unserem Wohnheim, wo man drauf geschrieben hat: "Nur für Deutsche." Und in der einen Abteilung, in der ich gearbeitet habe, gab es einige Kollegen, die konnten nicht David sagen. "Eh, du N*, komm her!" Dann habe ich immer versucht, mich mit ihm zu unterhalten und sagte: „Ich bin mit dir hier, weil wir Kollegen sind, in dieser Abteilung.

Du bist Schweißer, ich auch. Ich lerne Schweißen. Du musst sagen: David. Ich heiße David. Und du Stefan“. So haben wir versucht, in unserer Abteilung auch Lehrer zu sein. Aber das hat sich nicht gelohnt, einige wollten das nicht. Die mussten zeigen, dass sie Rassisten sind.

Wie haben Sie die Zeit um 1989 erlebt?

Im Oktober 1989, als es diese Demos gab, haben wir selbst eine große Versammlung mit Kollegen und Freunden gemacht. Ich habe als politische Maßnahme meinen Kollegen Bescheid gesagt, dass die Zeit nicht für uns ist. Die Zeit ist für die deutschen Kollegen oder deutschen Bürger. Viele von denen wollen uns nicht mehr sehen.

Da mussten wir aufpassen.

Nach der Arbeit mussten wir im Wohnheim bleiben, nicht allein rausgehen. Wir haben gehört, wie sich viele äußerten: „Ausländer raus!“.

Am 1. Mai 1990 haben wir eine ganz große Gruppe zu Besuch bekommen. Die haben vor unserem Wohnheim geschrien: „Ausländer raus! Ausländer raus!“.  Die haben Steine geworfen, die haben in unserem Wohnheim die Fenster kaputt gemacht. Die Polizei ist irgendwann gekommen und dann sind die abgezogen.

Madgermanes, Maputo 2016
Madgermanes, Maputo 2016

Sie haben gesagt: Wir kommen wieder. Nach diesem ersten Erlebnis sind wir nicht mehr zu zweit rausgegangen. Wir mussten zu viert oder sechst raus, wenn wir spazieren gehen wollten oder zur Kaufhalle oder zur Gaststätte laufen. Wir wurden beschimpft: „Du bist noch hier, du N* du musst doch nach Mosambik, raus aus Deutschland.“

Wir sind dann in ein anderes Wohnheim umgezogen zusammen mit den vietnamesischen Freunden. Im September 1991 kamen über 100 Jugendliche vor das Wohnheim, unsere Nachbarn haben sich auch dazu gemischt. Sie haben geklatscht, als die Jugendlichen „Ausländer raus!“ riefen und mit Steinen geworfen haben. Unsere Nachbarn haben sie wie Helden gefeiert, die gekommen sind, um uns rauszuschmeißen. Das kann man so sagen.

Ich bin 2019 noch mal nach Hoyerswerda gekommen, aber niemand hat sich entschuldigt. 30 Jahre später haben alle nur gesagt: Wir haben das nicht gewusst. Was habt ihr nicht gewusst? Das ist die Frage. Was habt ihr gemacht an den Tagen? Es gab Hubschrauber, die immer gekreist sind. Später war Polizei da. Die sind gekommen, aber haben gar nichts wirklich unternommen als Polizei.

Die sind als Zuschauer gekommen und haben über Lautsprecher gesagt: „Jungs, so nicht“. Dann wurde es ein bisschen ruhiger und wir saßen im Wohnheim ohne Fenster, ohne Tür. Wenn wir was essen wollten, musste uns die Polizei in die Kaufhalle begleiten. Mussten wir zur Arbeit, hat uns die Polizei zur Bushaltestelle begleitet.

Die Angriffe waren im September 1991, einige mosambikanische Kollegen sind dann sofort ausgeflogen worden.

Wir hatten Angst gehabt. Nach diesem Angriff wurden so schnell wie möglich die Container bestellt. Wir haben dann alle schnell eingepackt. Dann mussten wir schnell nach Mosambik. Das war nicht so geplant.

Madgermanes, Maputo 2016
Madgermanes, Maputo 2016

Wir konnten uns nicht vorbereiten auf die Abreise, wir konnten keine kleinen Sachen zum Mitnehmen kaufen. Wir konnten nicht allein ins Zentrum gehen und einkaufen. Wir mussten mit Polizeischutz hingehen.

Das war kein gutes Gefühl. Das war unmenschlich und das bleibt es bis heute. Nach zwölf Jahren Arbeit und alles was wir zusammen mit den deutschen Kollegen im Tagebau gemacht haben. Und dann so ein Ende. Das war unmenschlich. Das war nicht gut.

1990 wohnheim hoyerswerda

David Macou ist 1959 in Chidenguele Gaza, Mosambik, geboren. In der DDR erhielt er im Braunkohlewerk Welzow in der Lausitz eine Ausbildung zum Schweißer. Ab 1986 wurde er zudem als Gruppenleiter eingesetzt. Macou erlebte pogromartige Angriffe von Neonazis und Bürger*innen auf das Wohnheim der Mosambikaner*innen in Hoyerswerda im Mai 1990 und im September 1991. Er war Teil der letzten Gruppe, die im November 1991 aus Hoyerswerda zurück nach Mosambik geschickt wird.

Im Abkommen zwischen der DDR und Mosambik war ein sogenannter Lohntransfer vereinbart worden. Als deutlich wurde, dass die mosambikanische Regierung dieses Geld nicht auszahlt, organisiert Macou gemeinsam mit anderen den Protest. Seitdem kämpfen die Rückkehrer*innen aus der DDR – in Mosambik heißen sie Madgermanes – mit Demonstrationen um die Auszahlung ihrer Löhne. Erst 2019 erfuhr David Macou, dass die transferierten Lohnanteile in Deutschland verblieben sind und mit den Staatsschulden Mosambiks verrechnet wurden.

Sie wurden dann nach Mosambik zurückgeschickt und haben erwartet, das transferierte Geld vorzufinden. Wie war dann dort die Situation?

Als wir 1991 nach den Angriffen in Hoyerswerda so schnell wie möglich nach Hause mussten, bin ich im Januar 1992 ins Ministerium gegangen mit meinen Papieren und habe gefragt: „Wo ist das Geld?“.  Die haben gesagt: „Es ist in Deutschland. Hier ist kein Geld, du musst den DDR-Botschafter fragen. Oder du schreibst an deinen ehemaligen Betrieb und fragst, warum sie das Geld nicht geschickt haben“. So fing das Problem an.

Dann hatten wir Rückkehrer ein Gespräch mit dem ehemaligen Minister für Arbeit.

Wir haben gesagt, wir waren zwölf Jahre in Deutschland. Jetzt haben wir keine Wohnung, wir haben nichts. Es ist unser Geld, das wir in Deutschland verdient haben. Wir brauchen das Geld. Dann hat er gesagt, gut, kommt am 14. Januar, dann sehen wir, wie wir dieses Problem lösen.

Maputo, 1999
Maputo, 1999

Wir sind an dem Tag als große Gruppe zum Ministerium gegangen. Wir kamen gleich früh, weil er 7:00 Uhr gesagt hat. Als wir ankamen, sahen wir eine große Polizei-Maschinerie mit Hunden. Wir dachten, vielleicht kommt ja der Präsident ins Ministerium zu Besuch und deswegen ist die Polizei da. Wir suchten einen Platz, der ein bisschen größer ist, um dort zu warten bis der Minister kommt und eine Lösung für unser Problem gefunden wird.

Dann sind wir in unseren Park gegangen. Wir haben dort gesessen, uns über Deutschland unterhalten, ich habe über Hoyerswerda gesprochen. Ich habe erzählt, dass wir dort angegriffen wurden. Die anderen haben auch erzählt. „Wir sind jetzt wieder hier, was wird mit uns?“, so haben wir uns unterhalten.

Um 10 Uhr kamen diese Polizisten vom Ministerium mit ihren Hunden und Gewehren. Wir haben gesehen, dass sie kommen, einige mit Autos. Die sind ausgestiegen und zu uns gekommen. Wir saßen da mit unseren Papieren. Als die Polizei kam, ist jemand aufgestanden, wir dachten, sie wollen mit uns sprechen.

Aber ein Polizist hat sofort in die Luft geschossen und auf einmal haben alle geschossen. Dann sind wir gerannt, jeder wie er es geschafft hat. Die Polizei hat sieben von uns mitgenommen, wohin wissen wir nicht. Bis heute wissen wir nicht, was mit ihnen passiert ist. Ab diesem Zeitpunkt hatten wir Angst.

1999 hatten wir dann wieder Kraft und Mut gesammelt. Wir sind noch einmal ins Ministerium gegangen, wir waren 10 Kollegen. Wieder haben wir mit dem Minister gesprochen und gesagt: „Wir wollen unser Geld.“ Wir kannten die Verträge nicht, die zwischen der DDR und Mosambik geschlossen wurden, wir wussten nicht, was darin stand. Sie waren geheim, man hat uns nur gesagt: „Das Geld, das ihr nach Mosambik als Transfer schickt, ist euer Geld. Ihr bekommt es, wenn ihr zurückkommt.“ Mehr wussten wir nicht.

Madgermanes, Beira 2016
Madgermanes, Beira 2016

Die mosambikanische Regierung hat dann angefangen zu sagen: „Euer Geld ist in Deutschland.“ Wir sind zur deutschen Botschaft gegangen. Der deutsche Botschafter hat gesagt: „Nein, wir haben alles nach Mosambik überwiesen. Geht und fragt euren Staat, für uns ist das alles vorbei“. Dann sind wir wieder vom deutschen Botschafter zu unserem Ministerium. Wir haben immer noch keine Antwort, weder von unserer Regierung noch von deutscher Seite.

Die meisten von uns sind seit der Rückkehr arbeitslos, unser Leben ist sehr schwer. Viele sind schon gestorben. Sie hatten kein Geld, um ins Krankenhaus zu gehen. Einige sind auch im Park erschossen worden. Es sind viele, die schon tot sind.

Bis heute bin ich arbeitslos. 28 Jahre, seitdem ich in Mosambik bin, arbeite ich nicht. Ich habe eine Familie gegründet, aber wie lebt meine Familie? Das ist eine andere Frage. Wie studieren meine Kinder, was essen sie? Aber die Schulden von Mosambik hab ich schon bezahlt, zwölf Jahre lang. Das ist unmenschlich.

Wir müssen kämpfen, um zu wissen, wo das Geld geblieben ist. Das ist unsere Aufgabe. Wir haben das Recht, die haben das Geld. Aber es fehlen politische Maßnahmen von beiden Staaten. Deswegen sagen wir: Bis zum letzten Mann und bis zur letzten Frau werden wir jeden Mittwoch in unserem Park sein und protestieren.

 

 

Hintergründe:

Weitere Interviews mit David Macou und anderen Migrant*innen über ihr Leben in der DDR: Eigensinn im Bruderland www.bruderland.de

Hintergrund zum Thema Lohntransfer:

Aus Vertragsarbeiter*innen werdem „Madgermanes“ https://bruderland.de/background/vertragsarbeiterinnen-und-madgermanes/

Dokumentation über die pogromartigen Angriffe 1991 in Hoyerswerda:

https://www.hoyerswerda-1991.de/start.html

Radio –Feature: Madgermanes – Die verrückten Deutschen

https://www.deutschlandfunkkultur.de/mosambikaner-in-magdeburg-madgerma…