Marginalisierte Perspektiven müssen in allen Strukturen vertreten sein

Interview

Kassem Taher Saleh ist Bauingenieur und seit 2021 Bundestagsabgeordneter für Bündnis 90/Die Grünen. Im Interview für unsere Portraitreihe "Ein Jahr im Bundestag" spricht er über die Bauwende, seinen Weg in die Politik und über die Frage, wie Parteien mehr politische Teilhabe für marignalisierte Gruppen ermöglichen können.

Portrait von Kassem Taher Saleh

Kassem Taher Saleh ist seit September 2021 Mitglied des Bundestags. Er ist für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen Obmann im Ausschuss für Wohnen, Stadtentwicklung, Bauwesen und Kommunen, sowie stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Klimaschutz und Energie und im Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe. Er ist in Zakho/Irak geboren und wuchs in Plauen im Vogtland auf. Nach dem Abschluss des Bauingenieurs-Studiums an der TU Dresden arbeitete er als Bauleiter.

Ngoc Bich Tran: Du bist Bauingenieur und seit 2021 Mitglied im Bundestag. An welchen Themen arbeitest du aktuell?

Kassem Taher Saleh: Auf Bundesebene versuche ich als Bauingenieur die Bauwende voranzutreiben. Konkret geht es um die Digitalisierung und Modernisierung der Baubranche, verbunden mit der Frage, wie wir es schaffen, die immensen CO2-Emissionen, die wir im Baubereich haben, zu senken. Ich war selbst auf mehreren Baustellen unterwegs und weiß, wie extrem konservativ wir noch bauen und das will ich ändern. Als Obmann im Ausschuss für Wohnen, Stadtentwicklung, Bauwesen und Kommunen darf ich deshalb federführend für Bündnis 90/Die Grünen die Bauwende mitgestalten, damit diese ökologischer, nachhaltiger, effizienter und vor allem sozial gerechter wird.

Auf Landesebene bin ich u.a. im Vorstand vom Dachverband sächsischer Migrantenorganisationen tätig und dort für die Communities, beispielsweise im Bereich Asylpolitik, aktiv. Mit dem Sächsischen Flüchtlingsrat war ich zuletzt an der Petition für die Familie Pham beteiligt, der eine Abschiebung aus Deutschland drohte. Glücklicherweise darf die Familie nun bleiben.

Welche Bedeutung hat für dich die Zivilgesellschaft?

Ich habe schon immer nebenher viel im zivilgesellschaftlichen Bereich gemacht. Ich bin der älteste von insgesamt vier Söhnen. Verantwortung zu übernehmen, nicht nur für mich, sondern auch für meine Brüder, meine Eltern und die Community macht mir Spaß und ist für mich selbstverständlich. In Plauen war ich sozusagen das Bindeglied zwischen den Geflüchteten und der deutschen Community. Im Sächsischen Flüchtlingsrat habe ich lange gedolmetscht und den Leuten vor Ort geholfen, sei es bei Arztbesuchen oder bei Behördengängen. Im Studium war ich u.a. in der Hochschulgruppe bei ROCK YOUR LIFE! aktiv, wo wir benachteiligte Schüler*innen u.a. bei den Hausaufgaben unterstützt haben. Ohne die Zivilgesellschaft wäre der Fall der Familie Pham auch nie so an die Öffentlichkeit gelangt.

In deiner Freizeit bist du sehr sportlich. Welche Bedeutung hat der Fußball für dich?

Ich habe dem Fußball extrem viel zu verdanken. Als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich durch den Fußball Anschluss in Plauen finden können. Er hat mir Halt gegeben und mich beschützt, wenn es mal zu rassistischen oder faschistischen Äußerungen, auch außerhalb des Platzes, kam. Ich bin mir sehr sicher, dass ich ohne den Fußball jetzt gar nicht da wäre, wo ich jetzt bin.

Woher kommt dein Bewusstsein für all die gesellschaftspolitischen Themen?

In meiner Schulzeit war ich zwei Jahre lang Schülersprecher und war auch drei Jahre Stipendiat bei der START-Stiftung. Durch das Stipendium wurden mir neue Perspektiven gezeigt, die ich aus Plauen, aus dem Vogtland heraus noch nicht kannte. Wie gestaltet sich das Leben, beispielsweise in Dortmund, Nordrhein-Westfalen, Berlin oder Brandenburg? Wie sind da die BIPOC-Strukturen? Wie organisieren sie sich da? Welche Erfahrungen machen sie dort? Durch dieses Stipendienprogramm und dieses geballte Wissen habe ich meine Perspektive aus Plauen heraus nochmal viel mehr erweitern können, besonders in Sachen Sozialkompetenz, aber auch im Bereich Diversität.

Während meines Studiums wurde ich durch mein Stipendium an der Heinrich-Böll-Stiftung zusätzlich mit Themen wie Umwelt, Ökologie, Nachhaltigkeit, Homosexualität und Rassismus konfrontiert. Ich habe mich vorher in Plauen nie mit Rassismus auseinandergesetzt. Ich wusste glaub ich auch damals nicht, was das ist. Da war ich einfach nur Teil des Systems, habe sogar bei rassistischen Äußerungen teilweise mitgelacht und mitgespielt. Ich war da überhaupt nicht so sensibel. Erst durch den Böll-Kontext und durch diese Studi-Szene in Dresden sind mir die Strukturen dahinter immer bewusster geworden.

Wie hast du deinen Weg in die Politik gefunden?

Bevor ich in die Politik gegangen bin, war ich schon lange in der Zivilgesellschaft aktiv. Ich wusste aber: Die Entscheidungen werden in den Parlamenten getroffen, das heißt der größere Hebel liegt gar nicht bei der Zivilgesellschaft. Du kannst dich versammeln mit 1.000 oder 100.000 Leuten, aber die großen und wirksamen Entscheidungen werden letztlich in den Parlamenten gemacht. Und ich wollte mich neben der Zivilgesellschaft und meinem Ingenieurstudium immer weiterbilden und bin deshalb nach meiner Einbürgerung 2019 in die Partei eingetreten. Am Anfang habe ich aber weniger Migrationspolitik oder so gemacht, sondern mir war tatsächlich die Stadt an sich, die Stadtentwicklung und die Verkehrspolitik in Dresden und in der Kommune super wichtig. Durch mein Engagement in der Verkehrs-AG habe ich dann gelernt, wie sich Parteiarbeit und Kommunalpolitik gestalten und kam so in die Parteistrukturen rein. 2020 wurde ich dann gefragt, ob ich nicht Interesse hätte, für den Bundestag zu kandidieren. Seitdem hat sich mein Leben extrem verändert. Als Politiker habe jetzt auch einen gewissen Einfluss.

Wie hat sich dein Leben verändert, seit du im Bundestag bist?

Auch persönlich ist natürlich jetzt alles anders. Mein Leben teilt sich zwischen den Sitzungswochen in Berlin und den Wahlkreiswochen in Sachsen auf. Ich habe zwei Wohnungen und muss viel pendeln. Immer wieder habe ich auch Dienstreisen ins Ausland, zum Beispiel war ich dieses Jahr im Irak, in Finnland und in Sambia und demnächst steht eine Ausschuss-Delegationsreise nach Singapur an. Ich bin also sehr viel mehr unterwegs und musste mich umstellen, was meine Hobbies und den Kontakt zu meinen Freund*innen und meiner Familie angeht. Auch mein Arbeitsalltag hat sich stark verändert. Meine Tage sind jetzt sehr lang, teilweise von 7 Uhr morgens bis spät in die Nacht. Außerdem stehen auch an den meisten Wochenenden Termine an. Da bleibt wenig Zeit zum Abschalten.

Verstehst du dich auch als Vorbild für diejenigen, die sich politisch engagieren möchten?

Hundert Prozent. Ich werde von ganz vielen als Vorbild gesehen. Es sind schon Leute auf mich zugekommen, die gesagt haben, dass ich diese eine Person, diese eine Motivation für sie war, nicht nur Parteipolitik zu machen, sondern auch in den sächsischen Strukturen zu kämpfen. Viele haben aufgrund der Strukturen auf Sachsen keinen Bock mehr, aber es gibt auch Leute, die sagen: Kassem, du bist der Grund, weswegen ich bleibe und Hoffnung habe, mich weiterhin für Sachsen zu engagieren. Besonders in diesem fachlichen Kontext bin ich oft der Einzige mit sichtbarer Migrationsgeschichte und daran erkennt man ja, wie wichtig es ist, unsere Perspektiven in allen Strukturen miteinzubringen und nicht nur im Bereich Migration, Antidiskriminierung oder Asylpolitik.  

Und nicht nur in der Baupolitik – wir wissen ja, dass die Parlamente bisher immer noch absolut nicht divers sind. Was glaubst du, ist das größte Hindernis für politische Teilhabe marginalisierter Gruppen und was braucht es, damit diese sich mehr an der Politik beteiligen können?

Punkt Nummer 1, und das ist wirklich eines der größten Hindernisse: Den Parteien muss klargemacht werden, dass sie Strukturen schaffen müssen, um diese Leute auf den Wahllisten nach vorne zu bringen. Das heißt, die Parteien müssen sich mal aktiv und von innen heraus ihre eigenen Strukturen bewusstmachen und die Probleme erkennen und angehen. Wir von Bündnis 90/Die Grünen haben ja ein Frauenstatut. Zusätzlich haben wir jetzt auch ein Vielfaltsstatut und eine Vielfaltskommission, die intern evaluiert, wie wir aufgestellt sind, wie viele Frauen wir sind, wie unsere Migrationsquote und unser Altersdurchschnitt ist und wie es um die soziale Herkunft steht. Ich persönlich halte eine temporäre Quote in der Aufstellung der Listen für sinnvoll, um diesen Wandel erstmal herbeizuführen. Nur so kann eine Sensibilität in den Parteien und dann wiederum in den Parlamenten umgesetzt werden.

Punkt Nummer 2 ist, dass die etwas Alteingesessenen sich langsam das Zugeständnis machen müssen, auch mal Platz zu machen für andere. Erfahrung ist wichtig und extrem nötig, aber diese erfahrenen Politiker*innen müssen sich auch ihrer Verantwortung bewusst werden und die jungen Leute mitnehmen, unterstützen und ihre Erfahrungen weitergeben. Und wenn sie das nicht machen und nur auf sich konzentriert sind, dann sage ich: Sorry, Alter, mach Platz.

Welchen Rat hast du für junge Menschen of Color, die sich politisch engagieren möchten?

Geht in die Strukturen rein, bleibt euch treu, bleibt real, verstellt euch nicht, weil das ist wirklich das Schlechteste, was man machen kann. Vergesst eure Wurzeln nicht, denn die Strukturen können euch auch auffressen, wenn ihr nicht aufpasst. Aber geht auf jeden Fall genau in diese Strukturen hinein und setzt euch ein. Nur so können wir langfristig Rassismus bekämpfen und die Diversität hier in Deutschland angehen. Das geht nur, wenn wir auf allen Ebenen und in allen Bereichen dabei sind, wenn wir selbst eine Stimme haben. Aktiv eine Stimme zu bekommen, passiert in den seltensten Fällen – meist muss man sie sich erarbeiten und erkämpfen.

Das sind sehr ermutigende Worte. Vielen Dank!