„Ohne ihr Vertrauen könnte ich kein einziges Foto machen“

Interview

Toby Binder dokumentiert in seiner Fotografie den Alltag von Menschen, die in der Gesellschaft oft marginalisiert sind. In seinem Bildband #053KIDS portraitiert er Kinder und Jugendliche im Duisburger Stadtteil Hochfeld. Was es für diese Art der Arbeit braucht und was sie für ihn ausmacht, erzählt er im Interview.

Eine Gruppe Jugendlicher läuft eine Straße entlang
Teaser Bild Untertitel
Jugendliche im Duisburger Stadtteil Hochfeld, aus dem Bildband #053KIDS von Toby Binder

Hakan Akçit: Lieber Toby, du bist ein preisgekrönter Fotograf und vor einigen Monaten ist dein Bildband #053KIDS erschienen. Was war der ursprüngliche Impuls, der dich zur Dokumentarfotografie geführt hat und was begeistert dich generell an der Fotografie? 

Toby Binder: Ursprünglich habe ich Grafik-Design studiert und währenddessen schnell bemerkt, dass ich viel lieber draußen die Geschichten selbst erlebe und dokumentiere als sie am Computer zu layouten. Ich mag es, mit Menschen in Kontakt zu sein, mir ihre Geschichten anzuhören, aber auch alleine durch die Straßen zu ziehen und bestimmte Umgebungen für mich zu entdecken. Nicht zu wissen, was man am Ende des Tages bekommen haben wird oder was eben auch nicht, finde ich bis heute sehr spannend. Man taucht oft in Welten ein, in die man ohne die Kamera keinen Zugang bekommen würde. Die Dokumentarfotografie hat für mich eine unglaubliche Kraft. Sie zeigt uns die Lebensrealität unterschiedlichster Menschen. Sie kann den Betrachter dorthin mitnehmen und bei ihm Empathie für andere hervorrufen, wie es kein anderes Medium kann. Diese Fähigkeit ist für mich aber auch verknüpft mit der Verpflichtung sie zu nutzen, um Dinge zum Positiven zu verändern.

Dein aktueller Band „#053KIDS“ porträtiert Kinder im Duisburger Stadtteil Hochfeld, der oft als “Problemviertel” bezeichnet wird. Warum gerade Hochfeld und was hat dich an diesem Viertel besonders berührt? 

Schwarz-Weiß Portrait eines Jugendlichen, der einen Kapuzenpulli trägt und in die Kamera schaut
Foto eines Jugendlichen aus Duisburg Hochfeld, aus dem Bildband #053KIDS von Toby Binder.

Ursprünglich wollte ich während der Pandemie eine Reportage über homeschooling in stark migrantisch geprägten Stadtteilen machen. Den stigmatisierenden Begriff „Problemviertel“ finde ich dabei nicht zielführend. Ich mochte das Ruhrgebiet seit ich 2014 das erste Mal intensiver hier war. Diese raue Herzlichkeit, das Direkte, auch das Wissen um vorhandene Probleme und wie man damit umgeht, ist eine große Stärke, die ich ähnlich auch aus britischen Arbeiterstädten kannte und schon immer mochte. Da in Hochfeld 94 % der Minderjährigen eine Migrationsgeschichte haben, habe ich versucht, hier Kontakte zu knüpfen und Vertrauen zur Bevölkerung aufzubauen. Während der Arbeit an der Serie habe ich dann aber bemerkt, dass die Jugendlichen viel mehr bewegt, als dass sie keine Computer für den Unterricht oder Eltern haben, die ihnen bei den Hausaufgaben helfen können. Es waren viele Themen noch sehr präsent, die ich von meinen Freunden aus der Kindheit und Jugend kannte, deren Eltern aus anderen Ländern kamen. Fragen zur Zugehörigkeit, Identität, und sozialen Teilhabe. Ich war sehr erschrocken und auch wütend, dass wir es als Land und Gesellschaft so viele Jahre später immer noch nicht geschafft haben, allen Kindern eine gleiche, eine faire Chance zu bieten.

Wie schaffst du es, in oft verschlossene soziale Milieus – wie etwa in Belfast oder Duisburg-Hochfeld – einzutauchen, ohne als „Fremdkörper“ wahrgenommen zu werden? 

Man muss geduldig und ehrlich sein. Da führt auch keine Abkürzung vorbei. Die Menschen merken oft sehr genau, ob man es ernst meint und ein wirkliches Interesse an ihnen hat. Natürlich ist das am Anfang oft zäh, wenn man nach einer Woche keine 3 Filme fotografiert hat. Aber diese Zeit braucht es, um Kontakt aufzunehmen, einen Ort zu verstehen, zu zeigen, dass man da ist. Denn natürlich ist man am Anfang ein Fremdkörper. Und die Straßen haben Augen. Aber wenn man wiederkommt, ist es schon leichter und man kennt sich. Ich bringe dann die Fotos vom vorigen Besuch mit, treffe die gleichen Menschen wieder. Und komme nach ein paar Wochen wieder zurück. Inzwischen bin ich in Hochfeld ganz gut bekannt, kenne viele Menschen, habe Freunde gefunden und manche nennen mich schon einen Hochfelder. Das ist zwar Spaß, aber ein bisschen was Wahres ist ja vielleicht dran!

Welche prägenden Erfahrungen hast du mit den Jugendlichen gemacht? Gibt es auch Momente, wo man unter die Oberfläche kommt und ungezwungen über alltägliche Probleme redet? 

Absolut! Wenn man so viel Zeit gemeinsam verbringt, teilt man natürlich viele Gedanken und Erfahrungen. Und zwar in beide Richtungen, denn die Kids wollen oft auch Dinge von meiner Familie und meinen Reisen wissen. Genau daraus entsteht dann auch Vertrauen - auf eine total ungezwungene und nicht planbare Weise. Gerade wenn man in kleineren Gruppen unterwegs ist, erfährt man viel, was die Kids ihrerseits gerade bewegt: Stress mit den Eltern der Freundin, der Polizei oder Sorgen über Schule und Ausbildung. Wie bewerbe ich mich für welchen Job? Wo kann ich ein Praktikum machen? Die meisten möchten einfach einen Job, Familie etc. Und natürlich haben auch die, die auf Gangster-Rapper machen, Angst vor anstehenden Gefängnisstrafen – weil es einfach nur Kids sind! Das erfährt man, wenn man sich miteinander unterhält und nicht nur übereinander spricht. Aber das müssen viele, unter anderem vielleicht auch einige Politiker, erst noch lernen.

Ein Jugendlicher steht rauchend auf einer Anhöhe, im Hintergrund steigt Rauch aus großen Schornsteinen aus.
Foto aus dem Bildband #053KIDS von Toby Binder

Was macht deiner Meinung nach die Politik falsch? Könnte man die Probleme im Vorfeld präventiv angehen und somit unterbinden? 

Ich bin ja Fotograf und sehe meine Aufgabe zu allererst darin, Dinge zu dokumentieren und damit auch auf sie aufmerksam zu machen. Gleichzeitig kenne ich persönlich tolle Politiker, die absolut engagiert und ausdauernd versuchen, Dinge für die Allgemeinheit zu verbessern – und dabei oft gegen Windmühlen kämpfen. Da ziehe ich absolut meinen Hut und wir bräuchten viel mehr davon. Dass sich generell gerade eine Stimmung der Spaltung und Polarisierung im Land breit macht, kann nicht die Antwort auf aktuelle Herausforderungen sein. Natürlich darf man die Augen vor tatsächlichen Problemen nicht verschließen und muss diese auch benennen. Aber dass Populismus auf Kosten von Minderheiten und billigste Schuldzuweisungen wieder salonfähig geworden sind, finde ich doch beunruhigend. Viele Probleme ließen sich oft durch eine intensivere Unterstützung zu einem früheren Zeitpunkt durch z.B. mehr Sozialarbeiter oder bessere Freizeitangebote abwenden. Vielleicht wirst du damit nicht jene erreichen, die auch nicht erreicht werden wollen, aber einen Großteil der gefährdeten Kids, die aus Mangel an Alternativen in Probleme rutschen, würde man wieder in die Spur bekommen. Da bin ich mir hundertprozentig sicher.

Du begleitest Menschen oft über viele Jahre hinweg in ihren sozialen Räumen. Was muss ein Thema oder ein Ort haben, damit du dich entscheidest, dort eine Langzeitstudie zu beginnen? 

Das Thema muss für mich natürlich eine gesellschaftliche Relevanz haben, der Ort einen visuellen Reiz. Ein Langzeitprojekt beginnt man eigentlich nie. Man fängt eine Serie an und wenn es gut läuft, man die richtigen Menschen trifft, Vertrauen entsteht und man die Zeit und finanziellen Mittel hat immer wiederzukommen, kann ein Langzeitprojekt daraus werden. Da man so viel Zeit miteinander verbringt, geht das auch nur mit Menschen, die man mag, mit denen man sich auf irgendeine Weise identifizieren kann. 

Schwarz-Weiß Fotografie von drei Jugendlichen, die aus dem Fenster auf die Straße schauen
Jugendliche in Duisburg Hochfeld, aus dem Bildband #053KIDS von Toby Binder.

Du hast kürzlich den Sony World Photography Award 2025 gewonnen. Was bedeuten dir solche Auszeichnungen für deine tägliche Arbeit? 

Natürlich freut man sich, wenn die eigene Arbeit Aufmerksamkeit bekommt und auch Wertschätzung erfährt. Andererseits bin ich mir absolut bewusst, dass ich alles den Menschen zu verdanken habe, mit denen ich zusammenarbeite. Ohne deren Vertrauen und Großzügigkeit könnte ich kein einziges Foto machen. Das ist Fakt. Und natürlich sehe ich es kritisch, wenn ich weltweit mit den Arbeiten auf Preisverleihungen bin und die Kids weiter in ihrem Alltag und ihren Stadtteilen feststecken. Ich versuche daher immer, sie so viel wie möglich zu integrieren, sie auf Ausstellungen mitzunehmen, mit Preisgeldern Projekte in den Stadtteilen anzustoßen oder zu unterstützen. Durch diese Sichtbarmachung kann man schon Dinge verändern. Manches Mal vielleicht nur im Kleinen – wenn z.B. die Kids im Museum auf das typische Kultur-Publikum treffen und in ein Gespräch kommen, was auf der Straße wahrscheinlich niemals stattgefunden hätte.

Gibt es eine Fotoserie bzw. ein Projekt, das dich besonders reizen würde und du auch gerne noch machen möchtest? 

Da gibt es natürlich sehr viele. Aktuell habe ich eine Arbeit in Baltimore, Maryland begonnen, die hoffentlich auch zum Langzeitprojekt werden wird. Die oben genannten Bedingungen sind jedenfalls erfüllt. Es ist eine spannende Stadt, die viel gelitten hat und in der es noch immer etliche Probleme gibt. Aber in der sich eine tolle Bevölkerung mit viel Spirit, Solidarität und Kreativität diesen Schwierigkeiten aus Leerstand, Drogen und Waffengewalt entgegenstellt. Ich habe inzwischen oft die Erfahrung gemacht, dass gerade schwierige Situationen scheinbar das Beste im Menschen hervorrufen und in rauer Umgebung mehr Herzlichkeit zu finden ist als in den von Verlustängsten getriebenen Gesellschaftsteilen.

 

Das Interview ist Teil unseres Schwerpunkts Zwischenraum für Kunst.

 

Portrait von Toby Binder

Toby Binder wurde 1977 in Esslingen geboren und studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Als sozial engagierter Dokumentarfotograf dokumentiert er in seiner Fotografie den Alltag von marginalisierten Menschen – oft in Krisen- und Nachkriegsregionen. Seien es Kinder, die in Nigeria als Hexen stigmatisiert werden, die erste Bürgermeisterin in Afghanistan oder Bergleute in der Demokratischen Republik Kongo, die den Milizen den Krieg erklärt haben – es sind die ungewöhnlichen Geschichten, die uns viel über unsere Welt erzählen. In seinen Langzeitprojekten nimmt er oft die Perspektive von Kindern und Jugendlichen ein, da diese meist die Konsequenzen der Entscheidungen von Erwachsenen zu tragen haben, ohne dabei selbst viel Einfluss zu haben.

Tobys Arbeiten wurden international ausgezeichnet – unter anderem mit einem Sony World Photo Award im Jahr 2025, dem Gomma Grant und dem LensCulture Award im Jahr 2020, dem Philip-Jones-Griffiths-Award im Jahr 2018 sowie dem Nannen-Preis im Jahr 2017. Im selben Jahr erhielt er eine lobende Erwähnung beim Wettbewerb „UNICEF-Foto des Jahres“ – eine Auszeichnung, die ihm 2021 erneut zuteil wurde. Seine Arbeiten erscheinen unter anderem im Stern, in der Zeit, im Guardian, in Le Monde, der Washington Post, im National Geographic, im Greenpeace Magazin, im Amnesty Journal sowie in der Neuen Zürcher Zeitung.