"Say it loud!" Afro-Diasporische Lebensgeschichten im deutschen Kontext

Urheber: Ina Ismail. All rights reserved.

 

von Ekpenyong Ani

"Wir wollen wir selbst sein, so wie wir uns definieren. Wir sind keine Fragmente eurer Fantasie oder eurer Wünsche. Wir sind nicht das Salz in der Suppe eurer Sehnsucht".

So fasste die afroamerikanische Dichterin Audre Lorde 1986 in ihrem Vorwort zu dem Buch Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte das damalige Lebensgefühl afro-deutscher Frauen zusammen. Ihrer Aufforderung, das Schweigen zu brechen, sind viele gefolgt, u.a. indem sie erstmals in schriftlicher Form Zeugnis darüber ablegten, was es heißt, nach 1945 als Schwarze in West- und Ostdeutschland aufzuwachsen und zu leben. Zu den Autorinnen, die sich in Farbe bekennen zu Wort meldeten, gehörten May Ayim, deren historische Forschungsarbeit die Grundlage für die Sachtexte bot, Katharina Oguntoye, Raja Lubinetzki, Astrid Berger, Abena Adomako, Eleonore Wiedenroth u.v.m. Was die Texte dieser mehrheitlich in den 50er und 60er Jahren geborenen Frauen eint, ist die Erfahrung der Ausgrenzung in einer "weiß gedachten" Gesellschaft, in der stillschweigend angenommen wird, Schwarzsein sei unvereinbar mit deutscher Identität. Mitte der 80er Jahre hatten Erfahrungsberichte dieser Art geradezu etwas Unerhörtes, waren es doch jene, die von der Mehrheitsgesellschaft gemeinhin zu den "Anderen" gemacht wurden, die hier ihre Stimme erhoben und sich dabei klar als Afro-deutsche oder Schwarze Deutsche definierten und einschrieben.

Dass rassistische Stereotypen in Bezug auf Menschen afrikanischer Herkunft – die übrigens nicht erst seit der deutschen Kolonialherrschaft auf dem afrikanischen Kontinent existieren –, ungebrochen tradiert wurden und werden, zeigt das 1998 erschienene autobiografische Werk Daheim unterwegs. Ein deutsches Leben von Ika Hügel-Marshall. Die 1947 in Bayern geborene Autorin berichtet vom Aufwachsen in der Nachkriegszeit, von der Verbannung in ein Kinderheim, von Ausbildungszeit und Berufsleben und von ihrer langsamen Emanzipation und Identifikation als afrodeutsche Frau. Ähnlich wie bei den Texten aus Farbe bekennen, wird in ihrem Bericht deutlich, in welchem Maße der gewaltvolle Prozess der kollektiven Fremdbestimmung und Marginalisierung Schwarzer Menschen in einer weißen Gesellschaft diese Menschen unter einen extremen Druck stellt, ihren Alltag bestimmt und ihre Lebenswege beeinflusst.

Auch das 1999 erschienene biografische Porträt von Bärbel Kampmann Eine von uns. Als Schwarze in Deutschland geboren, geschrieben von Harald Gerunde über seine im selben Jahr verstorbene Frau, erzählt von einer afrodeutschen Kindheit im Nachkriegsdeutschland. Anders als Ika Hügel-Marshall wurde Bärbel Kampmann nicht in ein Heim geschickt, sondern konnte mit Großmutter, Mutter und weißen Geschwistern aufwachsen. Dennoch erlebte sie wie Hügel-Marshall das Dilemma der Vereinzelung, war in ihrer Westdeutschen Heimatstadt weit und breit das einzige Schwarze Kind, ohne dass dies benannt oder erklärt wurde. Beide Frauen sind Ende Dreißig, als sie beschließen, aus der Isolation herauszutreten und Kontakt zu anderen Schwarzen Menschen aufzunehmen. Beide machen sich noch später auf die Suche nach ihren afroamerikanischen Vätern. Deutlich wird hier ein Bewusstseinsprozess, der beiden Frauen zu einem Schwarzen Coming-out verhilft und sie in ihrem Leben Räume schaffen lässt, die sie selbstbestimmt gestalten können.

Mit seinen autobiografischen Aufzeichnungen Die Farben unter meiner Haut meldete sich 2002 erstmals ein Schwarzer deutscher Mann zu Wort. Der 1960 geborene Thomas Usleber erzählt vom Aufwachsen in der westdeutschen Provinz, wo er mit seiner weißen Mutter und einem Schwarzen Bruder lebte. Auch wenn Rassismus seine Erfahrung von Ausgrenzung am stärksten prägt, gesellt sich bei ihm noch ein weiterer Aspekt dazu: die Armut seiner Familie. Wie Daheim unterwegs und Eine von uns ist auch Uslebers Geschichte die einer Emanzipation. Allerdings kommt der Autor zu anderen Einsichten bzw. trifft andere Entscheidungen als seine Vorgängerinnen. Usleber arrangiert sich damit, als Schwarzer nicht deutsch sein zu können. Um dennoch in einer Gesellschaft (über)leben zu können, die ihn offensichtlich ausgrenzt, wählt er die Strategie der Assimilation, nimmt die Rolle des Vermittlers ein und leistet Bewusstseinsarbeit in der Mehrheitsgesellschaft, um "Toleranz" für nicht-weiße Deutsche oder anderweitig Ausgegrenzte zu schaffen.

Einen anderen Weg geht die Autorin Abini Zöllner, deren autobiografisches Werk Schokoladenkind. Meine Familie und andere Wunder 2003 erschien. Die Tochter einer weißen jüdischen Mutter und eines nigerianischen Vaters wurde 1965 in der DDR geboren und wuchs mit ihrer Mutter in Ostberlin auf. Wie in ihrem Buch deutlich wird, zog sie einen gewissen Nutzen aus der Exotisierung, die sie als Schwarze Frau erfuhr. Beispielsweise standen ihr die Türen der Unterhaltungsbranche offen: sie konnte als Tänzerin im Friedrichstadtpalast arbeiten und als Darstellerin in DEFA-Filmen sowie in Musikvideos mitwirken. In der Großstadt sah sie sich zudem privilegiert, da sie hier weniger Diskriminierung zu erleben glaubte, anders als Schwarze Menschen in der ostdeutschen Provinz. In gewisser Weise verweigert sich Abini Zöllner der Rolle der Unterdrückten und entscheidet sich stattdessen für die des exotisierten weiblichen Objekts, ohne diese Zuschreibung jedoch in einen rassistisch-sexistischen Bezugsrahmen zu stellen. So liest sich Schokoladenkind mehr oder weniger ungebrochen als Erfolgsgeschichte. Die Autorin erkennt zwar ihre Vereinzelung, doch sieht sie darin eher das Privileg der Sonderstellung als das Schicksal der Ausgegrenzten.

Als Erfolgsstory lässt sich sicherlich auch der Werdegang von Detlef Soost beschreiben, der in dem 2005 erschienenen Werk D! Heimkind – Neger – Pionier. Mein Leben seine Kindheit in der DDR sowie seine Karriere als Choreograph nachzeichnet. Bereits der Titel verweist auf die Außenzuschreibungen, denen Schwarze Kinder in Deutschland unterworfen waren und sind. Schon 1986 schrieb May Ayim: "Ich wuchs mit dem Gefühl auf, das in ihnen steckte: beweisen zu müssen, dass ein 'Mischling', ein 'Neger', ein 'Heimkind' ein vollwertiger Mensch ist." (Ayim 1986; 207). Dass er seine Vollwertigkeit unter Beweis stellen müsste, war für den 1972 geborenen Detlef Soost, der mit sieben Jahren in ein Heim kam, schon bald klar. Sein ghanaischer Vater lehnt ihn noch vor seiner Geburt ab, die weiße deutsche Mutter stirbt an einem Hirntumor als Soost 12 Jahre alt ist. Als Kind und Jugendlicher wird Soost einerseits als "Heimkind" stigmatisiert und sieht sich rassistischen Anfeindungen ausgesetzt, andererseits genießt er ähnlich wie Zöllner das "Privileg", als Schwarzer exotisiert zu werden und dadurch leichteren Zugang zu begehrten kulturellen Räumen zu haben, beispielsweise zur Modeszene. Soost entscheidet sich für die Strategie, "besser als die anderen" zu sein. Rassistische Angriffe lässt er sich nicht gefallen, stattdessen folgt er seinem Idol Michael Jackson und beginnt eine erfolgreiche Karriere als Tänzer. Ähnlich wie Thomas Usleber verankert Detlef Soost trotz aller Widerstände seine Lebensstrategie innerhalb des rassistischen Systems, das Schwarze Menschen als die "Anderen" konstruiert und ihnen Attribute wie "musikalisch", "sportlich", "erotisch" zuweist bzw. sie auf diese Eigenschaften festschreibt.

Zusammenfassend lässt sich sagen: es gibt inzwischen eine facettenreiche Auswahl lebensgeschichtlicher Texte Schwarzer Deutscher. Die Bandbreite reicht von Kindheitserinnerungen bis zur Prominentenbiografie, wobei teilweise widersprüchliche Aussagen darüber gemacht werden, was es für die Einzelne/den Einzelnen bedeutet, Schwarz und deutsch zu sein. Indem sie uns jedoch aufzeigen, dass es für Schwarze Menschen nicht die eine Strategie gibt, den kolonialen Denkmustern und rassistischen Zuschreibungen der weißen Mehrheitsgesellschaft zu begegnen – oder ihnen zu entkommen –, tragen diese Zeugnisse dazu bei, Schwarzes Leben in Deutschland erfahrbar zu machen und damit Schwarze Zeitgeschichte zu schreiben.

Literatur

  • Gerunde, Harald: Eine von uns. Als Schwarze in Deutschland geboren. Wuppertal: Peter Hammer 2000
  • Hügel-Marshall, Ika: Daheim unterwegs. Ein deutsches Leben. Berlin: Orlanda 1998.
  • Oguntoye/Opitz (Ayim)/Schultz (Hg.): Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte. Berlin: Orlanda 1986
  • Soost, Detlef: D! Heimkind – Neger – Pionier. Mein Leben. Reinbek: Rowohlt/Wunderlich 2005
  • Usleber, Thomas: Die Farben unter meiner Haut. Autobiographische Aufzeichnungen. Frankfurt: Brandes & Apsel 2002.
  • Zöllner, Abini. Schokoladenkind. Meine Familie und andere Wunder. Reinbek: Rowohlt 2003.

 

Ekpenyong Ani

Ekpenyong Ani, geboren 1966 in Calbe/Saale, ist in Ost- und Westdeutschland sowie in Nigeria und Jamaika aufgewachsen. Sie ist Diplom-Übersetzerin und seit 1994 Lektorin beim Orlanda Frauenverlag in Berlin. Seit 1992 engagiert sie sich in ADEFRA.

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