Unsere Geschichten erzählen wir

Interview

Esra und Patrick Phul sind Drehbuchautor*innen, Regisseur*innen und Produzent*innen. Für ihre erste Serie „Hype“, ein Rap-Musical, haben sie mit Laiendarsteller*innen aus ihrem Viertel Köln-Porz zusammengearbeitet. Im Interview für unseren Zwischenraum für Kunst spricht Esra über die Hintergründe der Serie und über Zugangsbarrieren in der Filmindustrie – inbesondere für Menschen mit Migrationsgeschichte und aus finanziell schwachen Verhältnissen.

Foto am Set von der Serie Hype: Eine Gruppe von Darsteller*innen und der Filmcrew schauen gemeinsam auf einen Monitor
Teaser Bild Untertitel
Darsteller*innen und Filmcrew beim Dreh der Serie "Hype"

Safiye Can und Hakan Akçit: Liebe Esra, gemeinsam mit Patrick habt ihr die Produktionsfirma Picture Me Rollin gegründet und eure erste Serie Hype produziert, die bei den Fernsehsendern ONE und WDR Cosmo ausgestrahlt wurde. Aktuell kann man die Serie auch auf einem bekannten Streaming-Dienst schauen. Was hat euch dazu bewegt HYPE zu produzieren?

Esra Phul: Es geht uns darum, unsere Geschichten zu erzählen. Wir möchten, dass sich Menschen wie wir gesehen fühlen, wenn sie deutsche Serien oder Filme schauen. In den letzten Jahren sind vermehrt Serien und Filme entstanden, die vermeintlich das Leben von uns Deutschen mit Migrationsgeschichte darstellen. Doch bei den Drehbuchautor*innen, Produzent*innen oder Regisseur*innen dieser Produktionen sind wir oft gar nicht vertreten. Dadurch wird unsere Lebensrealität verzerrt und eindimensional dargestellt, was zu Stigmatisierung und Verwendung von Stereotypen führt.

Wie viele wahre Begebenheiten und persönliche Erlebnisse stecken in Hype und was war die Motivation, die Rollen mit Laiendarsteller*innen aus Köln-Porz zu besetzen?

Als Drehbuchautor*innen haben wir fast ausschließlich Erlebnisse verarbeitet, die uns selbst oder unseren Freunden widerfahren sind. Musas verzweifelter Versuch, sich aus seinem kriminellen Umfeld zu befreien und Havas deprimierende Erfahrungen der Ausgrenzung durch ihre Schulfreundinnen, spiegeln unsere beiden Lebensgeschichten wider. Bei der Auswahl der Darsteller*innen war es uns wichtig, dass sie ihre Rollen verstehen und nachempfinden können. Uns lag viel daran, dass alles authentisch ist, angefangen vom Drehbuch bis hin zur Darstellung der Geschichte. Aus diesem Grund haben wir Menschen gecastet, die ähnliche Erfahrungen wie unsere Charaktere gemacht haben. Ein*e Theaterschauspieler*in hätte dies nicht so glaubhaft umsetzen können wie die Talente, die wir ausgewählt haben. Darüber hinaus ist es uns eine Herzensangelegenheit, Jugendlichen aus unserem Viertel Chancen zu bieten. Es gibt einfach zu viele talentierte Menschen, die keine Chancen bekommen. Wir möchten das ändern.

Filmcrew der Serie Hype sitzt gemeinsam vor einem sehr hohen Hochhaus - und blickt gemeinsam auf einen Monitor, den eine Person aus der Crew in den Händen hält.
Am Filmset von "Hype" in Köln-Porz

Würdest du die Filmbranche als divers bezeichnen und welche Erfahrungen habt ihr als Regisseur*innen bzw. Produzent*innen mit Migrationsgeschichte gemacht?

Lass es uns so ausdrücken: Jedes Mal, wenn wir deutsche Filmsets betreten haben, waren diejenigen, die ähnlich wie wir aussahen, meist im Catering, als Fahrer oder Sicherheitspersonal tätig. Alltagsrassismus auf den Sets ist nur ein kleiner Teil des Problems. Als Produzent*innen von "Hype" haben wir am eigenen Leib die rassistischen Strukturen erfahren, die uns systematisch von der Branche fernhalten. Wir hatten uns vorgenommen, 50 % des Teams hinter der Kamera mit Migrationsgeschichte zu besetzen. Leider ist dieses Ziel letztendlich nicht erreicht worden. Die deutsche Filmindustrie bildet einen elitären Kreis, der es für Menschen mit Migrationsgeschichte oder aus finanziell schwierigen Verhältnissen erschwert, Fuß zu fassen. Dies ist auf viele Faktoren zurückzuführen, angefangen beim Bildungssystem bis hin zur Besetzung von Redaktionen in Fernsehsendern.

Wie wichtig sind gesellschaftlich relevante Themen wie Diskriminierung und Rassismus für euer kreatives Schaffen?

Unsere Geschichten drehen sich fast immer um genau diese Themen. Der Grund dafür liegt darin, dass wir durch das Erzählen unserer Geschichten diese Erfahrungen verarbeiten können. Es tut unglaublich gut, unsere Erlebnisse mit Rassismus und Diskriminierung aufzuschreiben, zu verfilmen und anschließend einem breiten Publikum präsentieren zu können. Jedoch ist es uns wichtig, dieses Publikum nicht nur zu erreichen, sondern auch zu unterhalten. Denn nur so macht es auch Spaß, trotz all dieser Erfahrungen, diese Geschichten anzusehen. Das ist wie mit Musik. Die Lyrics können tiefgründig und emotional sein, aber wenn der Takt nicht stimmt und der Beat nicht knallt, wird man nicht hingezogen. Aber unsere Beats knallen, wodurch wir diese Themen und vor allem unsere Perspektive in den Mainstream einbringen können.

Foto von Esra und Patrick Phul, die beide schwarze Adidasanzüge tragen und auf zwei Regiestühlen sitzen und in die Kamera schauen.

Esra und Patrick Phul sind ein Filmemacher-Duo, das für seine Leidenschaft für sozial relevante Geschichten bekannt ist. Als Regisseur*innen, Produzent*innen und Drehbuchautor*innen setzen sie sich aktiv für eine gerechtere und vielfältigere Filmbranche ein. Ihr besonderes Augenmerk gilt dabei der Förderung von Filmschaffenden mit Migrationshintergrund, damit diese ihre einzigartigen Stimmen und Perspektiven in der Filmindustrie präsentieren können.



Ein Beispiel ihrer Arbeit ist die Rap-Musical-Serie "Hype", die sowohl bei Kritikern als auch beim Publikum großen Anklang fand. Die Serie wurde für den renommierten Grimme-Preis nominiert. Mit "Hype" gelang es Esra und Patrick Phul, wichtige gesellschaftliche Themen aufzugreifen und auf kreative Weise zu präsentieren.



Durch ihr Engagement und ihre künstlerische Vision tragen sie dazu bei, dass relevante Geschichten erzählt und diskutierte Themen wie soziale Gerechtigkeit, Rassismus und kulturelle Vielfalt in den Fokus gerückt werden. Ihre Arbeit inspiriert und bewegt das Publikum und hinterlässt einen bleibenden Eindruck in der Filmbranche.

Welchen Rat würdest du jungen Menschen mit Migrationsgeschichte geben, die sich für eine Karriere in der Filmbranche entscheiden?

Es ist unglaublich schwierig, in Deutschland in die Filmbranche einzusteigen, insbesondere, wenn man nicht an einer Filmhochschule studiert hat. Dies stellt vor allem für Filmemacher*innen mit Migrationsgeschichte und allgemein Menschen aus finanziell schwachen Verhältnissen eine enorme Hürde dar, da oft die notwendigen Kontakte und finanzielle Unterstützung fehlen. Zurzeit sind wir dabei, die erste Branchenveranstaltung ins Leben zu rufen, die von und für uns BIPoC Filmschaffende konzipiert ist. Sie trägt den Namen "Talent Over Privilege", weil wir der Ansicht sind, dass es in der Kreativwirtschaft vorrangig um Talente und weniger um Privilegien gehen sollte, die jemand besitzt. Diese Veranstaltung zielt darauf ab, den Zugang für Filmemacher*innen mit Migrationsgeschichte zu erleichtern und um Erfahrungen auszutauschen und uns gegenseitig zu empowern.

Zudem wird am Abend der TOP-Award verliehen, mit dem wir BIPoCs in der Filmbranche würdigen und auszeichnen, die durch ihre Präsenz und ihre Produktionen Einfluss auf die deutsche Film- und Fernsehlandschaft genommen haben und Vorbilder für kommende Filmemacher*innen of Color sind. Die Veranstaltung findet am 24. Oktober 2023 im Rahmen des FILM FESTIVAL COLOGNE statt.