Schreiben in unruhigen Zeiten

Interview

Der Dichter Hasan Özdemir schreibt seit über 40 Jahren Gedichte. In seinem neuen Gedichtband „Fragm nte aus der Unruhe“ veröffentlicht er erstmals auch einige Gedichte auf Türkisch. Wie sich ein Gedicht durch die Übersetzung verändert und wie er als junger Mensch zur Lyrik fand, erzählt er im Interview für unseren Zwischenraum für Kunst.

Ein Mann sitzt auf einer Bank an einem Fluss und schaut in die Ferne.
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Der Lyriker, Dramatiker und Erzähler Hasan Özdemir wurde in der Türkei geboren und lebt heute in Freinsheim.

Hakan Akçit und Safiye Can: Lieber Hasan, du bist ein deutschsprachiger Dichter und hast kürzlich deinen neuen Gedichtband veröffentlicht. Erzählst du uns zunächst, wo und wie du lebst? 

Hasan Özdemir: Ich lebe in pfälzischen Freinsheim in einem Turm, den ich als Literaturm bezeichne. Er ist ca. 600 Jahre alt und an der Stadtmauer angebunden. Hier im Turm, der mit Erdgeschoß vier Ebenen hat, entstehen meine Gedichte.

Wie und mit welchen Dichterinnen und Dichtern kamst du zur Lyrik?

Ich bin ja in der Türkei geboren, habe als kleines Kind viele Lieder gesungen. Ich erinnere mich: Auf dem Dorfplatz nahmen mich die Frauen auf den Schoß und baten mich ein Lied zu singen. Das tat ich auch und sah, wie die Frauen weinten. Das musste meine erste Motivation sein. Ich weiß, dass ich auch auf Schulfesten vor Dorfpublikum Gedichte vortrug. Später als junger Mensch lernte ich viele Gedichte von N. Hikmet, A. Arif, H. Hüseyin und E. Gökce  auswendig und trug sie laut vor. 

Im Kapitel Anatolisches Heft deines neuen Gedichtbandes Fragm nte aus der Unruhe befinden sich außnahmsweise zweisprachige Gedichte. Wie kam es dazu?

Ich habe in diesem Buch eine Ausnahme gemacht und habe fünf Gedichte in zwei Sprachen mitveröffentlichen lassen. Das war keine Zwanghaftigkeit, sondern ganz und gar natürlich. Denn seit fünf Jahren begleite ich meine Mutter ins Dorf nach Anatolien. Meine erste Sprache ist Türkisch und dort, in der Steppeneinsamkeit, fallen mir Sätze eines Gedichts auf Türkisch ein und ich schreibe sie nieder. Ich kann jetzt nicht genau sagen, welche Gedanken in welcher Sprache zuerst da waren. 

Ist es schwierig eigene Gedichte ins Deutsche bzw. ins Türkische zu übersetzen? Und welche Fassung gefällt dir eigentlich mehr? 

Klar. Das Gedicht ist in geschriebener Sprache ein Gedicht und dessen Übertragung in eine andere Sprache bleibt schattig. Aber ich hatte Glück: Die fünf Gedichte in dem Buch haben keine komplizierten Sätze und keine schwierige Wortwahl. Deshalb bin ich damit sehr zufrieden. Ankara-Türküsü und Tas finde ich persönlich sehr schön, denn sie sind in beiden Sprachen sehr gut verständlich. Nur: In der deutschen Version von Ankara-Türküsü (dt. Ankara-Lied) kann man den Duft des frischen Brotes nicht wie im Türkischen riechen.

Wie kommt es deiner Einschätzung nach, dass manche Gedichte in der deutschen und andere in der türkischen Sprache verfasst werden wollen?

Natürlich vom Ort und Thema abhängig. In Anatolien, wenn ich mich mit Menschen auf Türkisch unterhalte, denke ich auf Türkisch nach. Die Auseinandersetzung ist dann einfach in der aktuell gesprochenen Sprache. Für die universellen Themen jedoch sind alle Sprachen geeignet. 

Der Titel deines Gedichtbands ist ja in den Bereich der Konkreten Poesie einzuordnen. Wie kam es zu dem interessanten Titel deines neuen Buches? 

Wir erleben gerade weltweit sehr unruhige Zeiten, dazu kommt auch noch die persönliche Unruhe. Die Unruhe hat dieses Buch inhaltlich sehr geprägt. Ich wollte den Begriff „Unruhe“ nicht allein dastehen sehen. Viele Gedichte, besonders im „Zyklisches Heft“, sind keine abgeschlossen Gedichte, sondern sehr fragmentarisch. 

Du veröffentlichst seit vielen Jahren Gedichte im deutschsprachigen Raum. Gibt es etwas, das sich aus deiner Sicht im Literaturbetrieb ändern sollte? 

Ja, die Lyrik sollte öfter gefordert und gefördert werden. Denn sie ist die Essenz der Sprache. Ich finde, dass grundsätzlich alle Autoren, nicht nur Romanautoren und Romanautorinnen, sondern auch Lyriker und Lyrikerinnen auf der Literaturbühne das Wort haben sollten. 

Du leitest das erfolgreiche Literaturfestival Literarische Lese Freinsheim. Erzählst du uns darüber? 

Ich bin sehr stolz darauf, dass das Literarische Lese Freinsheim mittlerweile überregional bekannt geworden ist und dass wir für die Literatur aller Gattungen einen würdigen Raum geschaffen haben. In Freinsheim vergibt die Stadt seit 1982 den Herman Sinsheimer-Preis, dessen Juror ich bin. Als ich vor 17 Jahren hierherzog, dachte ich: es sollte in der Stadt aktiv Literatur angeboten werden. Es sollte hier ein Literaturfestival stattfinden. Die Stadt und viele Institutionen sind meiner Initiative gefolgt. Seitdem ist das Literarische Lese Freinsheim eine Erfolgsgeschichte.

Welche Art von Dialog erhoffst du dir von den Leserinnen und Lesern, die diesen Band zum ersten Mal aufschlagen?

Für die jungen und älteren Leser*innen schlage ich vor, die Gedichte langsam, zweimal zu lesen und über Begriffe oder Worte im Kontext der Gedichte nachzudenken. Insbesondere über Aphoristische Gedichte.

Wie verletzlich darf, ja muss man sich als Dichter machen, um intensive Gedichte zu schreiben?

Ich denke, wenn die seelische Verletzung da ist, sollte man zuerst Abstand davon nehmen, der Blickwinkel muss geändert werden. Das ist ein Prozess, den jeder Mensch durchmachen muss. Literarische Verarbeitung ist nicht unbedingt eine Therapieform des eigenen Ichs, sondern eine Art, sich des eigenen Ausdrucks und der eigenen Gedanken bewusst zu werden. Dadurch entsteht ein wunderbarer Gedankenfluss.

Hier finden Sie eine Leseprobe aus dem Gedichtband von Hasan Özdemir.

Portrait von Hasan Özdemir

Hasan Özdemir ist Lyriker, Dramatiker und Erzähler. Er wurde in der Türkei geboren, studierte Germanistik, Philosophie und Deutsch als Fremdsprachenphilologie in Heidelberg und lebt in Freinsheim und in Ludwigshafen am Rhein. Er ist Initiator der „Literarischen Lese Freinsheim“ und des „Literarischen Herbstes Freinsheim“. Seine Gedichte wurden in viele Sprachen übertragen und seine Arbeit mit zahlreichen Stipendien und Preisen ausgezeichnet.

Hasan Özdemir ist Mitglied im PEN Deutschland.