Über den Kosovokrieg und seine Folgen für die Menschen vor Ort und in der Diaspora wird wenig gesprochen. Die Schriftstellerin Jehona Kicaj findet in ihrem Roman „ë“ eine Sprache für das Unausgesprochene und möchte damit einen Beitrag zum kollektiven Erinnern leisten.
Safiye Can und Hakan Akçit: Liebe Jehona, du bist Autorin, Lektorin und Verlegerin. Dein Debütroman ë erschien 2025 im Wallstein-Verlag. Was hat dich zu deinem Roman motiviert und wie kamst du zum Titel?
Jehona Kicaj: Der Buchstabe ë ist der auffälligste und häufigste Buchstabe in albanischen Texten. Er ist vergleichbar mit dem Schwa-Laut im Deutschen, also mit einem abgedunkelten „e“ wie am Ende von „Gedanke“. Steht er im Albanischen jedoch am Wortende, wird er in den meisten Fällen gar nicht ausgesprochen, verändert aber die Betonung des Wortes. Damit wird er zum Symbol für das, worum es in meinem Roman geht: Um den Kosovokrieg und seine Folgen, über die in kosovo-albanischen Familien, aber auch in der Öffentlichkeit ihrer neuen Heimatländer meist nicht gesprochen wird. Das ë steht für diese Sprachlosigkeit und wird zum Aufhänger für die Frage danach, was vorhanden ist und einen Unterschied für die Betroffenen macht, bisher aber unausgesprochen geblieben ist. Aus dem Unausgesprochenen hat sich für mich als Schriftstellerin eine innere Dringlichkeit ergeben; eine innere Notwendigkeit, über die Dinge zu schreiben, über die nicht gesprochen werden kann. Motiviert hat mich dabei auch die künstlerische Herausforderung, Sprachlosigkeit im literarischen Text, also mit den Mitteln der Sprache darzustellen.
Die Protagonistin deines Romans ist eine namentlich nicht genannte Ich-Erzählerin, die mit ihrer Familie aus dem Kosovo nach Deutschland flüchtet und in der Diaspora die Schrecken des Kosovokriegs erlebt. Der Krieg sitzt tief in den Menschen, auch Jahre danach sind die Ereignisse schwer in Worte zu fassen. Diese Sprachlosigkeit macht krank, die Protagonistin selbst entwickelt körperliche Beschwerden. Welche Folgen hat diese Sprachlosigkeit für die Generation, die den Krieg erlebt hat und welche Folgen kann sie für zukünftige Generationen haben, wenn vieles weiterhin unausgesprochen bleibt?
Erinnern bedeutet für mich also auf jeden Fall: das erfahrene Leid anerkennen und die Vergangenheit verstehen, um die Gegenwart besser gestalten zu können.
Offen gesagt, sehe ich mich nicht als Expertin für die Spätfolgen von Traumatisierungen. Wenn ich als Schriftstellerin eine Sprache für das Unausgesprochene suche, hoffe ich, damit eher einen Beitrag zum kollektiven Erinnern leisten zu können. Mir geht es also um Zugänge: Das betrifft einerseits Leser:innen, die bisher vielleicht nicht allzu viel über den Kosovokrieg wissen und nun durch meinen Text eine bestimmte Perspektive auf diesen Krieg kennenlernen und erfahren können. Das betrifft aber auch solche, die konkrete Berührungspunkte mit diesem Krieg haben, weil sie fliehen mussten, weil sie Verluste in ihren Familien erlitten haben oder – und damit komme ich auf eure Frage zurück – weil ihre Eltern diesen Krieg erlebt, bisher aber kaum darüber gesprochen haben. Erinnern bedeutet für mich also auf jeden Fall: das erfahrene Leid anerkennen und die Vergangenheit verstehen, um die Gegenwart besser gestalten zu können.
Gibt es deiner Meinung nach eine Sprachlosigkeit in Europa über den Kosovokrieg, Unausgesprochenes, das noch an- bzw. ausgesprochen werden sollte?
Ja, sicherlich. Ich bekomme hier in Deutschland, aber auch in Österreich und der Schweiz immer wieder die Rückmeldung, dass Menschen wenig über den Krieg wussten und sie, danach gefragt, außer „NATO-Intervention“ wenig dazu sagen konnten. Wenn mein Roman zum Anlass wird, sich tiefergehend mit dem Krieg und seiner Vorgeschichte auseinanderzusetzen, freut mich das jedes Mal sehr.
Mir fällt aber auch auf, dass es sogar in informierten Kreisen oftmals Dinge gibt, die unausgesprochen bleiben. Zum Beispiel müsste meiner Meinung nach im Sprechen über den Kosovokrieg und sein durch die NATO erzwungenes Ende der Name „Srebrenica“ viel öfter fallen. Hier beobachte ich eine seltsame Widersprüchlichkeit: Obwohl die vier jugoslawischen Zerfallskriege im Sprechen regelmäßig zu einem einzigen „Balkankrieg“ oder „Jugoslawienkrieg“ verschmolzen werden, wird in Bezug auf die damaligen Geschehnisse im Kosovo zu selten erwähnt, dass der Aggressor ein und dasselbe Regime war, das drei Jahre zuvor den Genozid von Srebrenica, also die Ermordung von über 8.000 Zivilisten verantwortet hat. Wenn man sich also fragt, was im Kosovo ohne die damalige Intervention passiert wäre, ist Srebrenica ein Teil der Antwort.
Dein Roman wurde 2025 mit dem HANNA – Literaturpreis der Landeshauptstadt Hannover und dem Debütpreis des Buddenbrookhauses ausgezeichnet und für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert. Wie wurde dein Roman im Kosovo und in der kosovarischen Diaspora in Europa aufgenommen? Welches Feedback hast du erhalten?
Mich hat es demütig gestimmt, wie viele Rückmeldungen mich von Menschen erreicht haben, die eine ähnliche Perspektive auf den Krieg haben wie meine Protagonistin im Roman. Mir wurde oft gesagt, dass der Text Dinge anspricht, die auch andere Familien in der Diaspora erlebt haben. Was mich aber noch mehr berührt hat: Mir berichten jüngere Leser:innen aus der Diaspora immer wieder, dass der Roman zum Anlass geworden ist, in den Familien über den Krieg zu sprechen oder aber sich ausführlicher über die damaligen Ereignisse mithilfe von externen Quellen zu informieren. Beides nehme ich als großes Kompliment wahr.
Im Frühjahr habe ich zum ersten Mal im Kosovo aus meinem Roman vorgelesen; allerdings war die Lesung auf Deutsch und mich haben daher vorerst nur Rückmeldung aus der deutschsprachigen akademischen Community in Prishtina erreicht. Die albanische Übersetzung wird nun in Kürze erscheinen und ich bin gespannt, wie sie aufgenommen wird. Bisher ist man mir im Kosovo mit Dankbarkeit dafür begegnet, dass der Roman einen Einblick in die Herausforderungen der kosovoalbanischen Diaspora ermöglicht.
Welche persönlichen Erfahrungen haben dein Schreiben am meisten geprägt?
Mein Schreiben ist natürlich stark durch mein Literatur-Studium geprägt. Die deutschsprachige Literatur und ihre Geschichte sind der Hintergrund, vor dem ich arbeite und neue Akzente setzen möchte. Auf der anderen Seite prägen mich die Erfahrungen, die ich selbst gemacht habe. Es fällt mir aber schwer, hier einzelne Begebenheiten herauszugreifen. Es sind Gespräche, Beobachtungen, Zufälle – manchmal sind es unscheinbare Momente, die erst später ihre Wirkung entfalten und einen Unterschied machen.
Gibt es eine Szene aus deinem Roman, die dich persönlich beim Schreiben besonders berührt hat?
Ja, die gibt es. Ich habe damals zu einem Massaker recherchiert, das von serbischen Einheiten in meiner Geburtsstadt Suhareka am 26.3.1999 verübt wurde. An diesem Tag wurden insgesamt 49 albanische Zivilist:innen ermordet, über 40 von ihnen wurden in eine kleine Pizzeria gezwungen und dort mit automatischen Waffen erschossen oder durch explodierende Handgranaten getötet. Alle Opfer gehörten der Berisha Familie an, die ihr Haus bis zum 20.3.1999 der OSZE zur Verfügung gestellt hatte. Die Leichen wurden von der serbischen Polizei auf einen Lastwagen geladen, der dann in Richtung Prizren fuhr. Unter den toten Körpern waren aber auch drei Überlebende, die sich nur totgestellt hatten: Shyhrete Berisha, Vjollca Berisha und ihr acht Jahre alter Sohn Gramoz. Auf Hälfte der Strecke nach Prizren haben es die Überlebenden geschafft, vom Lastwagen zu springen und zu fliehen. Während meiner Recherche habe ich damals wie aus Reflex Gramoz’ Namen in den Sozialen Medien eingegeben und ihn gefunden: Er lebt mittlerweile in Deutschland, auf seinem Profilbild sah man ihn in einer deutschen Großstadt. Wir stehen seitdem in Kontakt, ihm verdanke ich auch Hinweise für meine weiterführende Recherche. Aber noch einmal zur persönlichen Bedeutung: Dort, ganz in der Nähe, wo Gramoz und seine Mutter vom Lastwagen gesprungen sind, liegt das Dorf meiner Eltern. Jedes Mal, wenn ich im Sommer im Kosovo diese Strecke entlangfahre, erschaudere ich. Er ist so alt wie ich und ich dachte und denke immer wieder: Ihm werden in Deutschland so viele Menschen im Alltag begegnen, die keine Vorstellung davon haben, was er als Kind erleben musste; was dieser Mensch mit sich trägt.
Angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage oder der ewigen „Flüchtlingsdebatte“ in Deutschland: Welche Botschaft möchtest du deinen Leser*innen mitgeben?
Wer sich engagiert, wer Menschen in Not hilft, macht immer einen Unterschied und wird dafür Dankbarkeit erfahren.
Wer heute als Deutsche:r in den Kosovo reist, wird schnell merken, dass dort nicht vergessen wurde, wer damals geholfen hat. Das bezieht sich einerseits auf die Hilfe vor Ort im Kosovo, aber man trifft auch regelmäßig Menschen an, die einem auch nach 27 Jahren sehr genau erzählen können, wohin sie damals geflohen sind, wie die Familie hieß, die ihnen damals zu einer Wohnung verholfen hat, oder der Chef, der einen trotz bürokratischer Hürden angestellt und eine Chance gegeben hat. Mit anderen Worten: Wer sich engagiert, wer Menschen in Not hilft, macht immer einen Unterschied und wird dafür Dankbarkeit erfahren.