„Ich wurde als Frau und als Ausländerin diskriminiert“

„Ich wurde als Frau und als Ausländerin diskriminiert“

 

Simone Schmollack

Eine ehemalige Siemens-Managerin verklagt ihren früheren Arbeitgeber auf zwei Millionen Euro, weil Vorgesetzte sie jahrelang als Frau und als Ausländerin diskriminiert haben sollen. Bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes häufen sich Beschwerden: Die Opfer fühlen sich vor allem wegen ihres Geschlechts und ihrer ethnischen Herkunft benachteiligt:

 

Noch vor Wochen war Sedika Weingärtner eine völlig unbekannte Frau. Jetzt kennt man ihren Namen überall auf der Welt: in China, Malta, Amerika, Südafrika, Russland, Äthiopien, in Deutschland sowieso. Hier verklagt die Frau, die im Internet inzwischen fast 5.000 Einträge hat, gerade ihren ehemaligen Arbeitgeber, den Elektronikkonzern Siemens, auf zwei Millionen Euro.

Zwei Millionen Euro. So hoch soll der körperliche und materielle Schaden sein, den das Unternehmen der Einkaufsmanagerin zugefügt haben soll. Sedika Weingärtner, so sagt sie selbst, soll über mehrere Jahre hinweg von ihren Vorgesetzten diskriminiert, gemobbt und beleidigt worden sein.

Sedika Weingärtner musste sich, sagt sie, Beschimpfungen anhören wie „Dreck", „Schlamperei", „Araber". Und Sätze wie „Du läufst hier wie ein Walross rum" und „Du bringst als Frau ein derartiges Potenzial an Widerstand mit, dass jeder Mann dadurch seine Ehre beleidigt und verletzt fühlt". So steht es auch in der Klageschrift, die Grundlage dafür sind E-Mails und das Mobbing-Tagebuch von Sedika Weingärtner.

Der Fall Weingärtner, der das Aktenzeichen Aktenzeichen 2CA828309 trägt, wurde im Januar im Arbeitsgericht Nürnberg erstmalig verhandelt. Der Prozess sollte im März fortgesetzt werden, ist aber inzwischen auf unbekannte Zeit ausgesetzt. Es ist die größte Klage dieser Art, die in Deutschland je verhandelt wurde.

„Ich wurde als Frau und als Ausländerin diskriminiert“, sagt die gebürtige Afghanin, die seit 1991 in Deutschland ist. Für Fälle wie den von Sedika Weingärtner gibt es seit August 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, kurz AGG. Es verbietet Benachteiligung aufgrund der Herkunft, des Geschlechts, der Religion, einer Behinderung und des Alters. Und es gibt eine Anlaufstelle für Menschen, die sich diskriminiert fühlen: die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS). Sie wurde im Zuge des Inkrafttretens des AGG geschaffen und erhielt bislang insgesamt 8.810 Anfragen. Am häufigsten, weil sich Betroffene wegen einer Behinderung (25,5 Prozent) diskriminiert fühlen. Gleich danach folgen Diskriminierungen wegen des Geschlechts (24 Prozent) und wegen der ethnischen Herkunft (15,2, Prozent).

Bei Sedika Weingärtner hatte es 2002 begonnen und im Sommer 2009 geendet, als der Strategin im „Global Procurement", wie Weingärtners Stelle bei Siemens heißt, gekündigt wurde. „Ich war massivem Druck und subtiler Gewalt ausgesetzt. Ich bin krank geworden und musste nach einem Zusammenbruch am Arbeitsplatz sogar in die Klinik. Fast wäre ich gestorben", sagt Sedika Weingärtner: „Es ist wie ein Trauma. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder richtig arbeiten kann."

Sedika Weingärtner ist 45 Jahre alt und eine kleine, schlanke, gepflegte Frau. Wenn sie spricht, ist sie oft nicht zu stoppen, dann kann sie sich auch schon mal in wortreichen Details verlieren. Dann muss man Geduld haben.

Vor neun Jahren kam sie als Alleinerziehende mit drei Kindern aus Afghanistan nach Deutschland. Sie musste das Land verlassen, weil sie politisch verfolgt war, sagt sie. In der Hauptstadt Kabul hatte sie als Fernsehjournalistin gearbeitet. Sie landete in Nürnberg, heiratete einen deutschen Mann, lernte zügig Deutsch und einen neuen Beruf.

Als Betriebswirtin bekam sie 2001 im Bereich Siemens-Sektor Industry in Nürnberg einen Job im mittleren Management und betreute internationale Projekte: China, Indien, USA. „Ich bin versiert auf meinem Gebiet", sagt Sedika Weingärtner.

Irgendwann begannen die Attacken, erst leise und schleichend, später massiv. Ihr wurde so viel Arbeit aufgedrückt, berichtet sie, dass sie mehr als zehn Stunden im Büro saß, um das Pensum zu schaffen. Sedika Weingärtner schuftete auch nach Feierabend und an Sonntagen. Sie wurde in einen kleinen Raum verfrachtet, man redete nicht mit ihr. Als Einkaufsmanagerin, die viel unterwegs war, brauchte sie ein Notebook, so wie andere Mitarbeiter auch. Und bekam einen alten Rechner hingestellt.

Warum hatten die Vorgesetzten ihre Mitarbeiterin auf dem Kieker? Sedika Weingärtner: „Ich soll einer anderen Frau angeblich die Stelle weggenommen haben." Diskriminierungsexperten sagen, dass in der Regel grundlos diskriminiert wird. Häufig geht es um Macht und Führungsansprüche, sagt Monika Hirsch-Sprätz, Leiterin der Mobbing-Beratungsstelle Berlin-Brandenburg.

Den Höhepunkt der Angriffe gegen ihre Person erlebte Sedika Weingärtner seit 2004, als sie ihr viertes Kind bekam. „Nach zwölf Wochen Mutterschutz wollte ich wieder arbeiten", sagt Sedika Weingärtner. Aber bei Siemens wollte man sie nicht mehr haben, ihr wurde geraten, einen Aufhebungsvertrag zu unterschreiben. Sedika Weingärtner lehnte ab. Sie wurde degradiert und in die Poststelle versetzt, sie fühlte sich isoliert. „Ich wurde sogar in Fäkaliensprache beschimpft", sagt sie.

„Sie kam jeden Abend nach Hause, brach zusammen und weinte“, sagt ihr Mann. In ihrer Not verglich Sedika Weingärtner in einer E-Mail an Siemens-Chef Peter Löscher ihr „Leiden mit dem Leiden der Juden während der Nazi-Zeit“. „Das war falsch“, sagt sie: „Aber ich wusste nicht mehr, was ich noch tun sollte.“ Von Peter Löscher erwartete Sedika Weingärtner Hilfe. Aber auch er schwieg und gab die Mail weiter an seine Mitarbeiter.

Stefan Prystawik, EU-Koordinator des Europäischen Antidiskriminierungsrates, dem der „Fall Weingärtner" bekannt ist, weiß aus seiner Arbeit in der Nichtregierungsorganisation, dass Diskriminierungsopfer häufig zu „drastischen Äußerungen" neigen. Er sagt: „Diskriminierung ist psychische Gewalt. Wenn sie jahrelang erfolgt, sind Betroffene vollkommen hilflos, so dass sie häufig zu extremen Maßnahmen und Äußerungen greifen."

„Diskriminierungsfälle häufen sich, und die Leute wissen nicht, wie sie sich wehren können", sagt Frank Jansen. Um das zu ändern, gibt es Menschen wie ihn. Und Gesetze. Der Bad Hersfelder Jurist ist Fachanwalt für Antidiskriminierungsrecht und vertritt Sedika Weingärtner im Gerichtssaal.

Bevor das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) 2006 in Kraft trat, waren Fälle wie ihrer „normale" Arbeitsrechtsprozesse. Schikanen, wie sie Sedika Weingärtner erlebte, konnten kaum verhandelt werden. Das AGG verbietet Diskriminierung und Benachteiligung aufgrund der Herkunft, des Geschlechts, der Religion, einer Behinderung und des Alters.

Seit 2006 hat Frank Jansen, zusammen mit seinem Kollegen Klaus Michael Alenfelder, hunderte solcher Prozesse durchgezogen, allein 50 waren es 2009. „In manchen Fällen gab es bis zu 258 Diskriminierungs- und Mobbing-Anklagepunkte", sagt der Anwalt.

In der Weingärtner-Klageschrift ist die Rede von „Persönlichkeitsrechtsverletzungen in Form von Benachteiligung, Belästigung und Diskriminierung". Klaus Michael Alenfelder hat die Klage aufgesetzt. Er ist Professor für Wirtschaftsrecht und Leiter der Forschungsstelle für Arbeits- und Antidiskriminierungsrecht an der Fachhochschule Nordhessen und hat die Summe berechnet, um die es heute geht.

Über 1 Million Euro macht allein das Schmerzensgeld aus, das die beiden Anwälte ihrer Mandantin zusprechen lassen wollen. Dazu kommen Vermögens- und sonstige Schäden sowie die Kosten der außergerichtlichen Rechtsverfolgung, heißt es in der 203 Seiten langen Klageschrift.

Grundlage für diese Zahlen sind EU-Richtlinien: Das Schmerzensgeld muss so hoch sein, dass es „wirksam, verhältnismäßig und abschreckend" ist. „Eine Entschädigung in der bislang üblichen Höhe von einigen Monatsgehältern steht in keinem Verhältnis zum erlittenen Schaden und bringt kein Unternehmen dazu, Diskriminierung zu unterlassen", sagt Klaus Michael Alenfelder.

Klaus Michael Alenfelder rechnet es vor: Ein Unternehmen hat einen Jahresumsatz von 10 Milliarden Euro. Wird eine Entschädigung in Höhe von 50.000 Euro gezahlt, macht das lediglich 0,0005 Prozent des Umsatzes aus. Anwalt Alenfelder sagt: „Das ist nicht mal Portokasse."

Rechnet man diese Zahlen um auf einen Durchschnittsverdienst von 30.000 Euro, sieht das so aus: 0,005 Prozent ergeben 15 Cent Entschädigung. „Wen soll das abschrecken?"

Für Klaus Michael Alenfelder ist Diskriminierung kein Kavaliersdelikt: „Wer diskriminiert und mobbt, der tritt die Menschenwürde mit Füßen."

Diskriminierung und Mobbing sind nicht leicht zu beweisen. Auch Richter bewerten Angriffe gegen eine Person oft nicht als Diskriminierung. Häufig hilft da nur ein Gutachten.

Auch Sedika Weingärtner hat sich eine Expertise anfertigen lassen. Dazu ist sie nach Bologna gefahren, zu Harald Ege. Er ist Arbeits- und Gerichtspsychologe und so etwas wie der Porsche unter den internationalen Diskriminierungsgutachtern. Harald Ege hat bei Sedika Weingärtner „schwerwiegende psychosomatische Reaktionen" festgestellt. Er sagt: „Psychische Gewalt wirkt stärker nach als körperliche. Die Wunde klafft immer wieder auf."

Vor fünf Jahren hatte eine Angestellte der R+V-Versicherung den Konzern wegen Diskriminierung auf 500.000 Euro Schmerzensgeld verklagt. Das ist der bislang einzig öffentlich gewordene Fall dieser Art. Andere Verfahren, bei denen schon mal die Summe von 1 Million Euro verhandelt wurde, endeten mit einem Vergleich. Und blieben der Öffentlichkeit verborgen.

Als das AGG in Kraft trat, erwarteten die Gerichte eine Klagewelle. Die blieb indes aus. Wie viele Klagen es aufgrund des AGG bislang gab, ist nicht bekannt. Die Bundesjustizstatistik weist AGG-Klagen nicht gesondert aus. Das Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg nannte in einer Landesstatistik als häufigste Klagegründe: Alter (36 Prozent), Geschlecht (28 Prozent), Behinderung (18 Prozent).

Der frühere Arbeitgeber von Sedika Weingärtner, die Siemens AG, will sich zu dem Vorgang nicht äußern. „Kein Kommentar in einem laufenden Verfahren", sagt ein Pressesprecher.

Frank Jansen und Klaus Michael Alenfelder gehen davon aus, dass sie gewinnen werden. Aber sie richten sich auf einen langen Prozess ein.

 

 

Simone Schmollack ist Journalistin und Buchautorin. Sie beschäftigt sich vor allem mit Themen an der Schnittstelle von Politik, Wirtschaft und Alltag.

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