Spielarten des Rassismus

Pult "Non-Discrimination"

 

von Andreas Zick

Beruhigung

Würde man die Vorurteilsforschung zwingen, auf die Frage, wie rassistisch Deutschland ist, eine Antwort geben zu müssen, würde sie wohl beruhigend ausfallen. Verglichen mit anderen Vorurteilen ist der Rassismus in Einstellungen und Ideologien der BürgerInnen eher gering verbreitet. Knallharte rassistische Meinungen, wie etwa jene, dass eine Gruppe einer minderbemittelten Rasse angehört, finden in Umfragen wenig Zuspruch. In der von uns an der Universität Bielefeld durchgeführten repräsentativen Umfrage „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (GMF) stimmten im Jahr 2009 zum Beispiel nur 11,1 Prozent der BundesbürgerInnen der Aussage: „Die Weißen sind zurecht führend in der Welt“, eher oder voll und ganz zu. Der damit verbundenen Aussage, dass ‚Aussiedler dank ihrer deutschen Abstammung besser gestellt sein sollten als Ausländer‘ stimmten nur 14,4% zu.

 

Beunruhigung

Die Ruhe ist trügerisch. Der Rassismus wird an manchen Orten laut und ungebremst kund getan: im Fußballstadion, an Stammtischen oder auch in Umfragen. Im Rechtsextremismus hat Rassismus einen festen Ort und er wird dort kulturell erhalten (Zick & Küpper, 2007). Der Rassismus bahnt sich auf dem Umweg über scheinbar harmlosere Abwertungen einen Weg. Der unwissenschaftliche Glaube an Rassen und natürliche Differenzen wird versteckt ausgedrückt, etwa durch den Glauben an Charakterzüge von Juden oder Muslimen und v.a. durch den Sexismus. Viele Vorurteile weisen rassistische Spuren auf.

Es gibt einen Rassismus, der keiner individuellen Befürwortung bedarf: der institutionelle Rassismus, der sich in Gesetzen, Regelungen, Normen und Strukturen einer Gesellschaft einschreibt. Stetige ungleiche Behandlung von Menschen nach Hautfarbe, Geschlecht oder dem Aussehen müssen zumindest als Anzeichen von Rassismus ernst genommen werden.

Verstehen wir uns als EuropäerInnen, reicht der Blick auf das eigene Land eigentlich auch nicht, um uns in Ruhe zu wähnen. Nicht zuletzt ist die Einschätzung des Rassismus schwer, weil es im politischen und wissenschaftlichen Diskurs oft keinen Konsens darüber gibt, was Rassismus ist, wo er anfängt und was ihn bedingt. Fast jede Theorie entwirft eine eigene Definition, die Eingang in die politisch bestimmte Definition finden (Zick, 1997).

Fragen

Was also ist Rassismus und in welchen Facetten erscheint er? Warum glauben Menschen daran? Welche Ursachen erzeugen ihn und wie hängt er mit der Diskriminierung zusammen?

Im Folgenden werden ein paar Antworten angeboten. Die Ausführungen erfolgen aus dem Blickwinkel der Vorurteilsforschung, d.h. sie konzentrieren sich auf die Analyse von rassistischen Ideologien, die Gruppen haben oder Individuen, weil sie Mitglieder bestimmter Gruppen sind. Den Fragen nach der Geschichte des Rassismus, der ethischen und normativen Begründetheit oder den gesellschaftlichen Strukturen, die Rassismus erzeugen, wird in diesem Beitrag begrenzt Platz eingeräumt.

Spielarten des traditionellen Rassismus

Rassismus ist in der Menschheitsgeschichte eingemeißelt. Rassismus war und ist die Grundlage für Extremismus, Segregation, Genozid und viele andere Formen der Diskriminierung. Die Geschichte des modernen Rassismus reicht in das 18. Jahrhundert zurück, wo systematische Rassentheorien entwickelt wurden, auf die später die Rassenlehre des Nationalsozialismus zurückgreift und damit die Ermordung von 13 Millionen Menschen begründet. Diese Erfahrung hat wahrscheinlich die Distanz der Deutschen zum Konzept des Rassismus geschaffen. Wir assoziieren Rassismus eng mit dem Nationalsozialismus und verwenden den Begriff zurückhaltend. Umso mehr ist Rassismus geächtet oder ideologisch tabuisiert worden, wie in der DDR. Er wurde zum alleinigen Merkmal des Faschismus reduziert.

Wenn Gesellschaften Rassismus verfolgen, dann meinen sie in der Regel den traditionellen Rassismus, der offenen und normativ ungebremst ist. Er begründet die Überlegenheit der Eigengruppe (Ingroup) und die Unterlegenheit von anderen (Outgroup) mit ihrer minderwertigen Natur, ihrem unterlegenen Charakter und Eigenschaften. Er konstruiert Differenz durch Natur. Der traditionelle Rassismus überschneidet sich mit dem Sexismus, der Feindseligkeit gegenüber Behinderten und Alten (Ageism) oder Vorurteilen gegenüber Personen mit homosexueller Identität. Immer dann, wenn scheinbar natürliche, biologische oder rassische Begründungen zur Abwertung von Menschen herangezogen werden, identifiziert die Vorurteilsforschung Rassismus.

J.M. Jones (1997) bestimmt 5 Elemente dieses Rassismus:

  1. die Überzeugung der rassischen Überlegenheit oder Unterlegenheit, die explizit oder implizit durch biologische Differenz begründet wird;
  2. die Solidarität mit der Ingroup und die Zurückweisung von Menschen, Ideen und Bräuchen, die ‚abweichen‘;
  3. die Doktrin, dass die Mächtigen Privilegien und Vorteile zurecht genießen;
  4. Gedanken und Verhaltensweisen, die nach rassischen Kategorien geordnet sind;
  5. die ständige Prüfung der Legitimität und Zuverlässigkeit rassischer Differenzen.

Pettigrew und Meertens (1995) zeichnen empirisch 2 Komponenten nach:

  • Die Wahrnehmung einer Bedrohung durch eine Outgroup und deren Zurückweisung, sowie
  • den Widerstand gegen Kontakt mit der Outgroup.

Im GMF-Projekt beobachten wir den Rassismus seit dem Jahr 2002 anhand der eingangs genannten Einstellungen. Beide Aussagen bilden nach statistischer Prüfung die Ideologie rassistischer Ungleichwertigkeit, die sich anderen Vorurteilsfacetten unterscheidet.

Abbildung 1 zeigt den Verlauf aller Vorurteile, die wir beobachten (den Mittelwert mit einer Minimalausprägung von 1 und einer maximal möglichen Ausprägung von 4). Da die Messungen auf unterschiedlichen Aussagen beruhen, macht es keinen Sinn, den Rassismus in der Höhe mit den anderen Vorurteilen zu vergleichen. Deutlich zu erkennen ist aber, dass im Durchschnitt die Befragten in den letzten 7 Jahren wenig Zuspruch für rassistische Meinungen äußern. Etwas mehr Zuspruch finden Sexismus, die Abwertung von Behinderten und Menschen mit homosexueller Orientierung, die eben wie der Rassismus auf biologische Ungleichwertigkeit verweisen.


Abbildung 1

Mehr Zustimmung findet der Rassismus in anderen Ländern. Im Herbst 2008 haben wir eine repräsentative Umfrage in 7 europäischen Ländern durchgeführt und den Rassismus zuverlässig durch eine Rassismusskala mit 2 Aussagen messen können: „Es gibt eine natürliche Hierarchie zwischen schwarzen und weißen Völkern. Schwarze und Weiße sollten besser nicht heiraten.“ Abbildung 2 zeigt die prozentuale Zustimmung zu den beiden Äußerungen („stimme zu“ und „stimme voll und ganz zu“ zusammengefasst) in den Ländern, die wir beobachtet haben. Da in Frankreich nur positive Formulierungen verwendet werden durften, wurde die Ablehnung dieser positiven Aussagen berechnet.


Abbildung 2

Es ist erstaunlich, dass 31,3% der befragten Europäer an eine natürliche Hierarchie zwischen Schwarzen und Weißen glauben! In Portugal, Ungarn und Polen ist die Zustimmung besonders hoch, aber auch 30,5% der deutschen Befragten sind der Meinung. Weitaus weniger Befragte lehnen eine Heirat von Schwarzen und Weißen ab. Die Verbreitung und Intensität rassistisch begründeter Meinungen ist viel stärker als vermutet.

Spielarten des modernen Rassismus

Die Vorurteilsforschung der USA beobachtet seit den 1970er Jahren, dass zwar der offene Rassismus zurückgeht, zugleich aber ‚Rassenunruhen’ und Gewalt gegen Schwarze zunehmen. Die These liegt nahe, dass der Rassismus unterdrückt wird, weil die BürgerInnen wissen, dass er geächtet ist.

Grundlegende Annahme vieler Theorien des modernen Rassismus ist, dass der Rassismus heute versteckter geäußert wird. Menschen könnten sowohl positive (Egalitarismus, Humanismus) als auch früh erlernte negative Meinungen (Antipathien) über Outgroups haben, also ambivalent in ihren Einstellungen sein. Diese Ambivalenz führe zu einer Inkongruenz der Überzeugungen, die als unangenehm erlebt werde (Katz & Hass, 1988). Die Antipathie werde dadurch legitimiert, dass angeblich die Adressaten der Vorurteile gegen Wert- und Normvorstellungen verstoßen.

Sears und Mitarbeiter meinen, dass moderne Rassisten ihre Antipathie zurückhalten und stattdessen symbolische Werte betonen, die zugleich die moralische und ökonomische Überlegenheit der Ingroup rechtfertigen (Sears & Henry, 2005). Drei Merkmale kennzeichnen den Symbolischen Rassismus:

  1. Leugnung, dass die Diskriminierung von bestimmten Gruppen anhält;
  2. Zurückhaltung besonderer Förderung von Minderheiten;
  3. die Einstellung, dass Minderheiten zu viel, zu schnell und zu aggressiv fordern.

Minderheiten werden diskriminiert durch scheinbar legitime überzogene Bestrafungen und Ungleichbehandlungen.

McConahay (1986) meint dagegen, Moderner Rassismus sei durch die Meinung gekennzeichnet, dass Minderheiten viel zu viel Gerechtigkeit, Gleichheit, Bevorzugung etc. fordern und versuchen, Vorteile aus ihrer Minderheitenlage zu gewinnen. Tatsächlich finden wir immer wieder, dass Aussagen wie etwa, dass ‚Juden versuchen, Vorteile aus der Vergangenheit zu gewinnen‘, oder ‚Muslime mit dem Verweis auf ihre Unterdrückung versuchen, die Scharia durchzusetzen‘ zu Elementen der Vorurteile werden. Moderne Rassisten diskriminierten Minderheiten durch nicht normativ geächtete Argumente: Wir haben schon so viel gefördert etc. Dabei unterdrückten sie ihre negativen Gefühle und Stereotype nicht mehr, wenn ihnen ‚rassische Symbole‘ präsentiert werden.

Die Sozialpsychologen Gaertner & Dovidio (1986) meinen, dass ein Aversiver Rassismus erst dann durchbreche, wenn die Emotionen und Überzeugungen von Menschen in einer bestimmten Situation mit ihrem Selbstbild zusammenprallen. Folge sei dann der Versuch, den Minderheiten aus dem Weg zu gehen und den Kontakt zu meiden. Hier spielen positive Gefühle oder Gedanken gar keine Rolle mehr, allein die Rechtfertigung der tief verwurzelten negativen Gefühle ist zentral. Es falle modernen Rassisten äußerst schwer, keine Gefühle von Überlegenheit zu haben, gleichzeitig versuchten sie aber, ein vorurteilsfreies Selbstbild aufrechtzuerhalten. Das gelänge am einfachsten, indem negative Gefühle gegenüber einer Outgroup einfach der Gruppe zugeschrieben werden (‚Die anderen sind selbst schuld, wenn man was gegen sie hat‘).

Aversiver Rassismus taucht auf, wenn Situationen nicht eindeutig sind und es schwierig wird, sich richtig zu verhalten. Im Fall der Kritik an der israelischen Palästinapolitik, oder bei der Frage nach der Toleranz gegenüber islamischen Bräuchen, aber auch der Frage nach der Förderung von Behinderten oder Frauen gibt es viele Situationen und Sachverhalte, die nicht eindeutig sind und wo tief verwurzelte Antipathien durchbrechen können.

Pettigrew & Meertens (1995) haben in den 1990er Jahren eine interessante Variante des Subtilen Rassismus ausgemacht. Subtiler Rassismus unterläuft das Vorurteil durch die Verteidigung traditioneller Werte, gegen die eine Outgroup scheinbar verstößt, die Übertreibung scheinbarer kultureller Differenzen und die Zurückweisung positiver Gefühle, hier vor allem Sympathie und Bewunderung. Der subtile Rassismus ist auch ein kulturalistischer Rassismus, der kulturelle Differenzen zwischen Ingroup und Outgroup übertreibt. Er zeitigt sich v.a. in einer Zurückhaltung von positiven Gefühlen. Egalitäre Vorstellungen werden nicht zurückgewiesen, wohl aber jede Form der Unterstützung von Minderheiten, etwa wenn es um die Frage der Integration und Immigration geht.

Rassismus als Menschenfeindlichkeit

Unsere eigenen Studien zeigen ein Merkmal, das oft übersehen wird: Der Rassismus hängt eng mit anderen Vorurteilen, wie der Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, der Islamfeindseligkeit und vielen anderen Vorurteilen zusammen.

Der Rassismus ist ein Element von vielen, das ein Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit konstituiert. Die verschiedenen Vorurteile teilen einen gemeinsamen Kern, den wir empirisch als eine Ideologie der Ungleichwertigkeit identifiziert haben. Gemeint ist die Ideologie, dass es grundsätzlich legitime Unterschiede zwischen Gruppen, die in der sozialen Hierarchie oben oder unten sind, gibt. Nicht nur dem Rassismus, sondern allen Vorurteilen unterliegt diese Ideologie ungleichen Wertes zwischen Gruppen, die durch die Diskriminierung immer wieder reproduziert wird.

Die Abwertung und Ungleichwertigkeit unterliegt keiner individuellen Einstellung, sondern jedes Vorurteil – gerade der Rassismus – kennzeichnet ein Verhältnis von Gruppen gegenüber Gruppen. Wer rassistisch ist, unterscheidet seine Gruppe von anderen und handelt als Mitglied.

Ferner kann aus einem Vorurteil gegenüber einer spezifischen Gruppe, wie dem Rassismus gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe, auch die Diskriminierung anderer Gruppe erfolgen.

Warum Rassismus?

Die Frage, warum Menschen und Gruppen an Rassismus glauben, ist bei der Vorstellung der modernen Facetten teilweise verhandelt worden. Es gibt weder ‚die‘ noch ‚ein paar wenige‘ Ursachen. Die Sachlage ist viel komplizierter als bei einem Gewitter, das über ein Land zieht. Wir müssen von Ursachenkonstellationen ausgehen, denn der Rassismus hat immer eine historische, sozial-strukturelle und individuelle Grundlage. Weder sind Systeme einfach rassistisch, noch Menschen.

In drei Thesen soll ein vereinfachtes Bild von möglichen Ursachen gezeichnet werden.

Erstens gibt es einen Rassismus, der sich in Strukturen so fest verankert hat, dass Menschen ihn hervorbringen ohne das bewusst zu erfahren. Das tun selbst die Opfer von Rassismus in Selbst-Stigmatisierung oder selbsterfüllendem Verhalten. Stabile und konsistente Bildungsdefizite von Menschen mit Migrationshintergrund müssen danach befragt werden. Der strukturelle Rassismus ist aber ohne Individuen nicht lebensfähig.

Zweitens sind Individuen rassistisch, weil sie in einem sozialen Kontext leben, der den Rassismus hervorbringt. Etwa, weil sie sich mit rassistischen Gruppen identifizieren. Der Rassismus kann in einfacher Form soziale Motive nach Beziehungen und positiver Selbstbewertung erfüllen (vgl. Zick, Küpper & Heitmeyer, 2010). Zugleich befördert der Glaube an eine rassisch homogene und überlegene Ingroup den Rassismus. In totalitären Systemen kann der Rassismus Staatsdoktrin sein. In demokratischen Systemen kann er in kleineren engen Bezugsgruppen wesentlicher Teil der Gruppenkultur sein, wie z.B. bei rechtsextrem orientierten Gruppen.

Rassismus wird während der politischen Sozialisation erworben und von wichtigen Agenten - Eltern, Gleichaltrige usw. – erlernt oder übernommen. Der Glaube an die natürlichen Unterschiede zwischen Gruppen ist bei Kindern relativ früh ausgeprägt, wenn auch noch nicht verfestigt (Zick, 1997a). Dass Individuen rassistische Ideologien glauben, liegt auch daran, dass der Rassismus das Motiv der Kontrolle, des Wissens und des Vertrauens erfüllt. Bezugsgruppen, die für Jugendliche besonders wichtig sind, werden rassistisch, wenn sie sich bedroht fühlen oder auf Ideologien der Bedrohung hereinfallen. Zudem führt die so genannte „relative Deprivation“, das Gefühl, dass die Ingroup im Vergleich zu einer Fremdgruppe Mangel leidet oder zu wenig erhält, zu einer höheren Affinität für den Rassismus.

Drittens werden Individuen besonders anfällig für alle Formen des Rassismus, wenn sie Orientierungen ausbilden, die ihre Betrachtung der Welt steuern. Solche Dispositionen sind Macht- und Dominanzorientierungen, wie auch ein Autoritarismus, der unreflektiert Gehorsam und Konformismus folgt und sich aggressiv gegen Außenseiter wendet, die scheinbar Regeln und Normen verletzten. Ebenso befördert eine grundlegende Ablehnung von kultureller Diversität den Rassismus. Daneben befördern auch eine mangelnde Bildung und damit verbundene eingeschränkte Möglichkeiten der Perspektivenübernahme sowie mangelnde interkulturelle Kontakte den Rassismus.

Rassismus diskriminiert

Rassismus drängt nach Diskriminierung. Auch die ethnopluralistische Ideologie rechtskonservativer Kreise ist diskriminierend. Denn sie betont, dass es natürliche Differenzen der Kulturen gebe und es diskriminierend sei, Kulturen zu vermischen, weil jede Kultur – gemeint sind Nationen – dort am besten lebe, wo sie herstammt. Damit legitimiert sie Benachteiligung und heißt Separation gut.

Güney & Hieronymus (2008) berichten im jüngsten Shadow Report für Deutschland von zahlreichen Diskriminierungen in vielen Lebensbereichen von Gruppen (Wohnungsmarkt, Bildung, Gesundheitswesen, Justiz, Medien etc.). Sie erfolgt auf vielen Ebenen (Einstellungen, Institutionen, Kultur etc.).

Nicht immer aber mündet der Rassismus in einer Diskriminierung. Die Forschung gibt wichtige Hinweise, wann Einstellungen wie der Rassismus zu Verhalten führen (für eine Übersicht vgl. auch Zick, 2004). Wesentlich ist zum Beispiel, ob das soziale Umfeld einer Person den Rassismus als normativ angemessen betrachtet oder sogar gutheißt. Hält das Umfeld konsequent die Norm aufrecht, dass Rassismus unerwünscht ist, hemmt das die Ausbildung von rassistischer Diskriminierung.

Genau deshalb ist die Verständigung über den Rassismus und die Aufrechterhaltung von Normen, die ihn ächten, bedeutsam. An vielen Orten der Gesellschaft scheint das nicht der Fall, beobachten wir etwa den ungebremsten Rassismus in Fußballstadien oder so genannten No-Go-Areas.

Zweitens muss eine rassistische orientierte Person oder Gruppe den Eindruck haben, dass sie erfolgreich diskriminieren kann bzw. das diskriminierende Verhalten zum gewünschten Ziel führt, sie also die Kontrolle über das Verhalten hat. Erst wenn diese Bedingungen gegeben sind, dann bilden sich Handlungsabsichten aus und erst sie münden in einer diskriminierenden Handlung oder die Gewalt gegen jene, die als minderwertig betrachtet werden.

Genau deshalb sind ständiges Eingreifen und Zivilcourage in Situationen, in denen sich Absichten ausbilden, wichtig und notwendig. In manchen öffentlichen Räumen hat man den Eindruck, dass Extremisten die Kontrolle darüber hätten, wer sich wie verhalten darf.

Fazit

Rassismus ist hartnäckig, hat er sich einmal in den Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen von Menschen festgesetzt und zu einer Weltsicht entwickelt. Er befriedigt scheinbar unproblematisch Motive des Selbstwertes, der Anerkennung, Kontrolle und Macht, aber auch dem Verstehen von gesellschaftlichen Zusammenhängen.

Kann man Rassismus ändern? Bei aller Kontinuität rassistischer Ideologien, die in der Welt existieren, ist die Frage einfach zu beantworten: Wenn Menschen Einstellungen ändern können, können sie auch ihren Rassismus aufgeben.

Es gibt eine Reihe antirassistischer Projekte, Programme und Aktionen. Es ist sehr schwer, ihre Effektivität einzuschätzen, weil sie selten so evaluiert werden, dass methodisch genau ermittelt werden kann, wie effektiv sie sind (Zick, 1998). Einige Projekte sind meines Erachtens wenig erfolgreich, weil sie Schuldgefühle und eine quasi-therapeutische Suche nach dem ‚inneren unbewussten Rassismus und die Akzeptanz des Fremden‘ - was immer sie als fremd verstehen - verfolgen.

Wichtiger erscheinen mir Projekte, die Mechanismen, wie Rassismus gesellschaftlich konstruiert wird, nachvollziehbar machen. Das Wissen um den Rassismus und wozu er auffordert ist eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung, um den Rassismus zu reduzieren. Eine Gesellschaft braucht mehr. Der Rassismus darf sich nicht in den Strukturen von Gesellschaft verankern. Er bildet sich individuell aus und wird zur Ideologie von Gruppen, aber das kann ein Rassismus besonders gut, wenn er auf eine Umwelt trifft, die über keine hinreichenden Gegenkräfte verfügt.

Der Rassismus verweist in diesem Sinne darauf, dass etwas in der Gesellschaft nicht stimmt. Zu leugnen, dass es Rassismus in der Gesellschaft gibt, gehört dazu.

 

Literatur

  • Gaertner, S. L., & Dovidio, J. F. (1986). The aversive form of racism. In J. F. Dovidio & S. L. Gaertner (Eds.), Prejudice, discrimination and racism. New York: Academic Press.
  • Güney, Ü. & Hieronymus, A. (2008). Enar shadow report 2008: Racism in Germany. Brussels: European Network against Racism.
  • Jones, J. M. (1997). Prejudice and Racism (2nd ed.). New York: McGraw-Hill.
  • Katz, I. & Hass, R. G. (1988). Racial ambivalence and American value conflict: correlational and priming studies of dual cognitive structures. Journal of Personality and Social Psychology, 55, 893-905.
  • McConahay, J.B. (1986). Modern racism, ambivalence, and the modern racism scale. In J.D. Dovidio & S.L. Gaertner (Eds.), Prejudice, discrimination and racism (pp. 91-125). Orlando, FL: Academic Press.
  • Pettigrew, T.F. & Meertens, R.W. (1995). Subtle and blatant prejudice in Western Europe. European Journal of Social Psychology, 25, 57-75.
  • Sears, D. O. & Henry, P. J. (2005). Over thirty years later: A contemporary look at symbolic racism. In M. P. Zanna (Ed.), Advances in experimental social psychology, Vol. 37. (pp. 95-150). San Diego, CA: Elsevier Academic Press.
  • Zick, A. (1997). Vorurteile und Rassismus – eine sozialpsychologische Analyse. Münster: Waxmann.
  • Zick, A. (1997a). Entwicklungspsychologische Aspekte sozialer Vorurteile. In IDA (Hrsg.), Kindheit und Multikultur (S. 28-31). Düsseldorf: Informations-, Dokumentations- und Aktionszentrum gegen Ausländerfeindlichkeit für eine multikulturelle Zukunft.
  • Zick, A. (1998). Wirksamkeit von Antirassismus-Trainings. www.uni-bielefeld.de/ikg/zick.
  • Zick, A. (2004). Soziale Einstellungen. In G. Sommer & A. Fuchs (Hrsg.), Krieg und Frieden: Handbuch der Konflikt- und Friedenspsychologie (S. 129 – 142). Weinheim: Beltz/Psychologie Verlags Union.
  • Zick, A. & Küpper, B. (2007). Vorurteile, Diskriminierung und Rechtsextremismus. – Phänomene, Ursachen und Hintergründe. In K. J. Jonas, M. Boos & V. Brandstätter (Hrsg.), Zivilcourage trainieren! (S. 34-57). Göttingen: Hogrefe.
  • Zick, A., Küpper, B. & Heitmeyer, W. (2010). Prejudices and group-focused enmity – a socio-functional perspective. In A. Pelinka, K. Bischof & K. Stögner (Eds.), Handbook of Prejudice (pp. 273 – 302). Amherst, NY: Cambria Press.

 

Andreas Zick ist Professor für Sozialisation und Mitglied des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld.

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