„…und raus bist du?“ - Armut und inklusive Frühpädagogik in Kindertagesstätten

"Was ist drin, wenn Familie draufsteht?" Illustration aus dem Buch "machtWorte!"

 

von Dr. Antje Richter-Kornweitz

Nach wie vor lebt in Deutschland jedes siebte Kind unter 15 Jahren in Armut, in ostdeutschen Bundesländern sogar jedes vierte und in vielen Städten und Stadtteilen in Ost und West mindestens jedes zweite. Erfolge in der Armutsbekämpfung gibt es bisher nur in einigen wenigen Bereichen und speziellen Regionen. Positive Daten beruhen vor allem auf den sinkenden Kinderzahlen in Deutschland und nicht darauf, dass die Armut zurückgeht (vgl. Der Paritätische 2012, 1).

In diesem Beitrag werden die Bedeutung von Armut für den Kita-Alltag und die damit verbundenen Anforderungen an die Arbeit mit Kindern und Eltern behandelt. Außerdem werden die Gesundheitsförderung und die Resilienzforschung als grundlegende, ressourcenorientierte Handlungsansätze skizziert. Zu Beginn werden aktuelle Daten zur Kinderarmut in den Altersgruppen von 0 bis 3 Jahren und von 3 bis unter 7 Jahren wiedergegeben. Außerdem wird umrissen, welche Bevölkerungsgruppen von Armut in Deutschland besonders betroffen sind. Zur Verbesserung des Überblicks folgen danach Zahlen zur Kinderbetreuung in Deutschland. Im zweiten Teil des Beitrags geht es dann um kita-taugliche Konzepte der Armutsprävention im Kontext von Inklusion.

Armut ist „jung“ und wirkt lange nach

Die Zahl der armen Kinder ist weiterhin hoch. Erheblich gesunken ist laut Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe e.V. (BIAJ) bisher „nur“ die Zahl der armen Kinder unter 3 Jahren, während der Bezug von Sozialleistungen in den weiteren Altersgruppen zwischen 3 und 15 Jahren sich kaum veränderte. Das BIAJ führt den Rückgang des SGB II-Bezugs bei den Unter-Dreijährigen jedoch nicht nur auf den Anstieg der Erwerbstätigkeit von Eltern zurück, sondern ebenfalls auf den weiteren Rückgang der absoluten Kinderzahlen vor allem in westdeutschen Bundesländern sowie auf gesetzliche Änderungen (u.a. die Anrechnung von Elterngeld) und nicht zuletzt auf den zwar zögerlich, aber endlich beginnenden Krippenausbau (vgl. BIAJ 02.01.2012).

Dabei stellen Zahlen zur Verbreitung von Armut nur einen Ausschnitt der Gesamtperspektive dar und ein allein quantitativ orientierter Blick vernachlässigt die Konsequenzen von Armut für die kindliche Entwicklung und den gesamten Lebensverlauf. Ein schwerwiegendes Versäumnis, wie internationale, aber auch nationale Studien zeigen, die kindliche Entwicklungsverläufe unter einer Längsschnittperspektive verfolgen. Sie belegen die Folgen von Armut in frühen Lebensjahren sowie die Wirkung von Langzeitarmut auf spezielle Risikobereiche, wie Gesundheitsstatus, den Bildungs- und beruflichen Erfolg und auf kulturelle und soziale Teilhabe bis ins Erwachsenenalter hinein (Schoon 2006, Power/Kuh 2008, von Dragano 2007, Richter-Kornweitz 2010a). Ergebnis: Armut ist eines der größten Entwicklungsrisiken für Mädchen und Jungen.

Schon eine Momentaufnahme auf lokaler Ebene zeigt, welche Einschränkungen sich für Kinder aus dieser Lebenssituation ergeben. Pädagogische Fachkräfte, die Kinder alltäglich betreuen, nennen auf die Frage nach den Folgen von Armut zuallererst Chancenungleichheit und begrenzte Teilhabe am Alltagsleben und an Bildung, Mangelerscheinungen im körperlichen und seelischen Bereich sowie die Kumulation der Probleme in sozial benachteiligten Stadtteilen und Regionen. Um diese Ungleichheiten abzubauen, sind Präventionskonzepte auf lokaler Ebene erforderlich, die von der frühen Kindheit bzw. Schwangerschaft bis hin zu den jungen Erwachsenen reichen. Kindertagesstätten (Kita) haben dabei eine Schlüsselfunktion, nicht nur als Institution, die Kinder und Eltern bereits früh erreicht, sondern auch als Dreh- und Angelpunkt in der Vermittlung zwischen Familien und den lokalen Angeboten zur Erhöhung von Teilhabe in allen genannten Bereichen.

Zunächst jedoch zu den Zahlen als gewichtiges Argument in jeder Diskussion um Kinderarmut und ihre Folgen.

Armut im frühen Kindesalter

Im September 2011 lebten 17,6 Prozent (358.756) der Kinder unter 3 Jahren in SGB II-Bedarfsgemeinschaften. In Westdeutschland lag die Armutsquote in dieser Altersgruppe bei 15,3 Prozent, in Ostdeutschland bei 27,1 Prozent. Die Quote der Kinder von 3 bis unter 7 Jahren im SGB II-Bezug lag zum selben Zeitpunkt bei 16,9 Prozent (467.806) und betrug im Westen der Republik 14,7 Prozent, im Osten 26,8 Prozent (s. Tabelle 1)


Tabelle 1: Kinder unter 7 Jahren in SGB II-Bedarfsgemeinschaften (Hartz IV) im September 2011 in der Bundesrepublik Deutschland (West /Ost)

Ein hohes Armutsrisiko haben Kinder aus kinderreichen Familien. In Paarhaushalten mit drei und mehr Kindern liegt es bei 16,1 Prozent. Besonders gravierend je nach Kinderzahl betrifft es Alleinerziehende: Nach den Berechnungen des Paritätischen (Der Paritätische 2012, 7), die wiederum auf Angaben des Mikrozensus 2010 und der Bundesagentur für Arbeit beruhen, lebten 39,7 Prozent der vorwiegend weiblichen Alleinerziehenden mit einem Kind sowie 44,6 Prozent der Alleinerziehenden mit zwei Kindern und sogar 68,5 Prozent der Alleinerziehenden mit drei und mehr Kindern im Jahr 2010 von Hartz IV. Etwa die Hälfte der alleinerziehenden Frauen hat Kinder im Alter von 0 bis 6 Jahren.

Die bisher genannten Zahlen spiegeln noch nicht das ganze Ausmaß der Armut wider. Sie benennen nur den Anteil der Kinder im Hartz IV-Bezug und nicht die große Zahl derjenigen, die in Familien leben, in denen mindestens ein Elternteil sozialversicherungspflichtig und in Vollzeit beschäftigt ist und dabei trotzdem nur ein Einkommen unterhalb der Armutsgrenze erzielt. Die „working poor“, die mit Niedrigeinkommen oder sogar mehreren Jobs nicht über die Armutsschwelle kommen, lassen sich jedoch statistisch nicht so einfach wie Hartz IV-Empfänger_innen erfassen.

Armutsrisiko von Familien mit Migrationshintergrund

Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund sollten ebenfalls erwähnt werden. Auch wenn sie keine einheitliche Bevölkerungsgruppe bilden, sondern sich in völlig verschiedenen Lebenslagen befinden, tragen sie insgesamt gesehen ein hohes Armutsrisiko, oft sogar trotz (Vollzeit-)Erwerbstätigkeit. Sie erzielen, obwohl sie durchschnittlich mehr Familienmitglieder haben, eher ein niedriges Familiennettoeinkommen. Weit mehr als die Hälfte (62 Prozent) der Familien mit Migrationshintergrund musste im Jahr 2010 mit weniger als 2600 Euro im Monat auskommen, in Familien ohne Migrationshintergrund waren es dagegen 44 Prozent. Die überwiegende Mehrzahl (79 Prozent) der Familien mit Migrationshintergrund finanzieren sich hauptsächlich über ihre eigene Erwerbstätigkeit (Familien ohne Migrationshintergrund zu 88 Prozent). Doch sie sind im Alter zwischen 25 und 65 Jahren etwa doppelt so häufig erwerbslos oder gehen ausschließlich einer geringfügigen Tätigkeit (z.B. Minijob) nach. Zudem sind sie im Erwerbsleben fast doppelt so häufig als Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigt.

Im Zusammenhang mit dem hohen Armutsrisiko in kinderreichen Familien ist auch hervorzuheben, dass in Familien mit Migrationshintergrund häufiger (15 Prozent) drei und mehr minderjährige Kinder leben als in Haushalten von Familien ohne Migrationshintergrund (9 Prozent). (Statistisches Bundesamt, 2012a). Gleichzeitig sind Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland deutlich jünger als jene ohne (35,0 gegenüber 45,9 Jahre). Bei den Unter-Fünfjährigen stellen sie in Deutschland inzwischen 34,9 Prozent der gesamten Bevölkerung dieser Altersgruppe (Statistisches Bundesamt 2011a, 8).

Armut von Kindern und Familien ist also nach wie vor weit verbreitet und im Alltag präsent. Über deren Folgen für die kindliche Entwicklung können pädagogische Fachkräfte aus der Kindertagesbetreuung aus erster Hand berichten, da die Mehrzahl aller Familien diese Institutionen nutzen. Doch wie viele Kinder aus den genannten Altersgruppen von 0 bis unter 7 Jahren und ihre Familien kommen hier wann an? Aktuellere Zahlen sollen dieses Handlungsfeld zunächst weiter erhellen.

Betreuung im frühen Kindesalter in Zahlen

Am 1. März 2011 wurden in Deutschland insgesamt rund 2,4 Mio. Kinder unter 6 Jahren ergänzend zur Erziehung und Betreuung durch die Eltern in einer Kindertageseinrichtung oder in Kindertagespflege betreut. Insgesamt rund 514 500 Kinder, die ein entsprechendes Angebot genutzt haben, waren unter 3 Jahre alt. Der überwiegende Teil dieser Kinder (437 000 bzw. 85 Prozent) wurde in einer Kindertageseinrichtung betreut. Dies entspricht einem Anteil von 25,2 Prozent an allen Kindern in dieser Altersgruppe (Betreuungsquote). Während die Betreuungsquote in den westdeutschen Bundesländern bei 19,8 Prozent lag, war sie im Osten mit 49,0 Prozent zweieinhalbmal so hoch (Statistisches Bundesamt 2011b, 5).

Kleinkinder aus Zuwanderungsfamilien sind in Kindertagesstätten weniger oft zu finden (vgl. Tabelle 2). Bei Unter-Dreijährigen mit Migrationshintergrund lag die Betreuungsquote am 1. März 2011 bundesweit bei 14 Prozent. Bei den gleichaltrigen Kindern ohne Migrationshintergrund ist sie mit 30 Prozent mehr als doppelt so hoch. Insgesamt befanden sich 25 Prozent aller Kinder dieser Altersgruppe in Kindertagesbetreuung. Im Alter von 3 bis 5 Jahren betrug die Betreuungsquote von Kindern mit Migrationshintergrund 85 Prozent und liegt ebenfalls deutlich unter der Quote von Kindern ohne Migrationshintergrund (97 Prozent). Die durchschnittliche Betreuungsquote aller Kinder in dieser Altersgruppe beträgt 93 Prozent. Dabei bestehen erhebliche regionale Unterschiede.


Tabelle 2: Kinder unter 6 Jahren mit und ohne Migrationshintergrund in Kindertagesbetreuung* in Deutschland
*Kinder in öffentlicher geförderter Kindertagespflege, die nicht zusätzlich eine Einrichtung der Kindertagesbetreuung oder eine Ganztagsschule besuchen, sowie Kinder in Kindertageseinrichtungen. Eigene Darstellung, basierend auf: Statistisches Bundesamt (2012b)

Bedeutung von Armut für die alltägliche Arbeit in Kindertagesstätten im Kontext von Inklusion

Kindertagesstätten spielen eine wesentliche Rolle im Alltag von Kindern und Familien, auch wenn die Zahlen zeigen, dass der Zugang zu den Einrichtungen noch verbessert werden muss. Evident ist, dass der kontinuierliche Besuch einer Kita ab mindestens dem dritten Lebensjahr sich positiv auf Kinder auswirkt und besonders auf diejenigen, die mit ihren Familien in Armut leben. Für viele dieser Kinder und Eltern bieten Kitas sogar den einzigen Zugang zum allgemeinen gesellschaftlichen Alltag. Für Kindertagesstätten bedeutet dies in der Umkehrung einen umfassenden Auftrag, der lautet: Teilhabe ermöglichen! Einbeziehen! Ressourcen- statt Defizitorientierung!

Er beinhaltet vielschichtige Teilaufträge wie: „Besonderheiten erkennen und anerkennen“, „Stärken identifizieren und fördern“, „Schwächen sehen und ausgleichen“. Darin ist auch enthalten, eine Etikettierung als unterschiedlich, im Sinn von abweichend oder sogar defizitär, zu vermeiden, ohne aber individuelle Bedürfnisse und eventuellen Förderbedarf zu tabuisieren. Bei Bedarf umfasst dies Unterstützung und zuverlässige Weitervermittlung in umgebende Hilfesysteme und Zusammenarbeit mit vielen Akteur_innen, die in den Bereichen Kinder- und Jugendhilfe sowie im Gesundheitswesen, in der Gemeinwesenarbeit, im ehrenamtlichen Engagement, generationenübergreifenden Projekten u.v.m. tätig sind. Eine solche Öffnung des Settings Kindertagesstätte bietet eine Opportunitätsstruktur, auf deren Grundlage arme Kinder und ihre Eltern soziales Kapital erwerben werden können.

Der Auftrag von Kitas angesichts von Armut

Angesichts der Auswirkungen von Armut und der konkreten Anforderungen vor Ort, die sich in Entwicklungsverzögerungen ausdrücken, ist der Auftrag anspruchsvoll und anforderungsreich. Die motorische Entwicklung, die Ernährungssituation, die Sprachentwicklung von Kindern müssen gefördert werden. Erlebnisarmut in Form eines Mangels an direkter, selbst erlebter Erfahrung und als Resultat fehlender Teilhabemöglichkeiten, erfordert verstärkte Zuwendung und Angebotsvielfalt. Für Erzieherinnen und Erzieher ist dies eine enorme Herausforderung. Angesichts von depriviertem Wohnumfeld, engen Wohnungen und struktureller Unterversorgung (Verkehrsanbindung, gesundheitliche Versorgung, etc.) in sozial benachteiligten Stadtteilen und Regionen, aber auch in Anbetracht des erschwerten Zugangs zu Eltern aufgrund existentieller Not und der damit verbundenen Fülle von Problemen. Angesichts der heutigen Rahmenbedingungen in den meisten Einrichtungen hinsichtlich Betreuungsschlüssel, Personalmangel, räumlicher Ausstattung, niedriger Entlohnung, etc. erscheint der Auftrag fast zu groß. Trotzdem kommen Kindertagesstätten nicht daran vorbei.

Im Gegenteil, in Einrichtungen mit hohem Anteil sozial benachteiligter Kinder gehören heute besondere Anforderungen an Kompetenzen und Ressourcen der Erzieherinnen und Erzieher zum Alltag und das bedeutet: mehr Hilfestellung, mehr Vermittlung von Alltagskompetenzen, mehr Förderbedarf. Die dort tätigen Erzieherinnen und Erzieher beschreiben beispielsweise das besonders ausgeprägte Bedürfnis der Kinder nach emotionaler Zuwendung und Aufmerksamkeit oder auch den hohen Bedarf der Eltern nach Unterstützung bei Formalitäten, Behördenangelegenheiten und nach Beratung in gesundheitlichen oder in Erziehungsfragen. Dies erfordert ebenso Zeit wie die dazu notwendige intensive Kommunikation im Team und eine funktionierende interne Zusammenarbeit.

Die wahre Herausforderung besteht jedoch darin, Vertrauen und Akzeptanz der Familien zu gewinnen, Eltern für Bedürfnisse der Kinder zu sensibilisieren ohne dabei gleichzeitig den Eindruck von Schuld, Scham oder von Versagen zu vermitteln und so Kinder und Eltern weitgehend am Kita-Alltag zu beteiligen.

Gelingen kann dies nur auf der Grundlage einer wertschätzenden Haltung, die Unterschiede als Bereicherung und die soziale und kulturelle Vielfalt der Kinder und Familien als Chance für das einzelne Kind sieht. Eine solche Haltung ergibt sich jedoch nur selten von selbst. In der Regel muss sie erarbeitet und immer wieder reflektiert werden.

Die Fachkräfte fordern in Anbetracht dieser Aufgabe Qualifikationen in der Zusammenarbeit mit Eltern. Sie benötigen dazu eine grundlegende Ausbildung in Methoden der Partizipation und des Zugangs zu schwer erreichbaren Zielgruppen. Auch hier spielt wieder der Faktor Zeit hinein. Denn die erforderliche Empowermentperspektive und Kenntnisse über ressourcenorientierte pädagogische Ansätze müssen ebenfalls zunächst erworben und dann als Teil der Teamkultur gepflegt werden.

Konzepte

Planungsverantwortliche fragen ebenso wie Praktikerinnen und Praktiker angesichts dieser Herausforderung nach realistischen, praktikablen Strategien und Konzepten. Wo kann eine armutsbezogene, inklusive Frühpädagogik Anregungen finden und Anleihen machen? Eine zugegeben vereinfachte Antwort lautet: Überall dort, wo Strategien und Methoden des Empowerments das Handeln bestimmen. Neben bereits weiter verbreiteten und bekannten pädagogischen Konzepten, wie den Familienzentren, die sich am Early-Excellence-Ansatz ausrichten, kann dies die Gesundheitsförderung oder auch der Arbeitsansatz der Gemeinwesenarbeit sein.

Gesundheitsförderung

Das wesentliche Anliegen der Gesundheitsförderung ist auf die Verringerung sozialer und gesundheitlicher Chancenungleichheit ausgerichtet, ihr Konzept des Befähigens und Ermöglichens auf Chancengerechtigkeit. In den Aufgabenbereich einer inklusiven Frühpädagogik kann sie ihre ausgeprägte Lebenswelt- und die Ressourcenorientierung einbringen sowie den Anspruch auf die umfassende Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden (physisch, psychisch und sozial). Angebote der Gesundheitsförderung orientieren sich an der jeweiligen Zielgruppe, ihrer Lebenswelt (d.h. an den Lebens-, Spiel- und Lernbedingungen im Alltag) und an ihrer sozialen Lage. In direktem Bezug dazu steht die Forderung nach Alters- und Geschlechtsspezifik von Maßnahmen, nach der Berücksichtigung des individuellen sozialen und kulturellen Hintergrunds und nach der Berücksichtigung der subjektiven Vorstellungen von Wohlbefinden. Im Mittelpunkt aller Interventionen stehen die Stärkung von Ressourcen und die Senkung von Belastungen.

Settingansatz

Gesundheitsförderung orientiert sich dazu am Settingansatz. Ein Element dieses Ansatzes ist die Mitwirkung möglichst aller Akteur_innen in der Lebenswelt (Setting), ein anderes ist ihre spezielle Ausrichtung, die zuerst auf Entwicklung von gesundheitsgerechten Rahmenbedingungen und danach auf die Befähigung zu gesundheitsförderlichem Verhalten zielt. Kurz gesagt, geht es der Gesundheitsförderung mindestens ebenso um die „Verhältnisse“ wie um das „Verhalten“. Dabei wird systematisch, strukturiert und unter umfassender Beteiligung vorgegangen, so wie es beispielhaft im Leitfaden zur Gesundheitsförderung im Setting Kindertagesstätte „Gesunde Kita für alle!“ (Richter-Kornweitz/Altgeld 2010b) dargelegt wird.

Qualität in der Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten

Das Vorgehen nach dem Settingansatz gehört ebenso wie die Priorität der Partizipation und die Betonung von Empowerment zu den handlungsleitenden, qualitätsorientierten Grundprinzipien von Gesundheitsförderung. Weitere Qualitätskriterien wurden speziell für die Arbeit mit sozial Benachteiligten entwickelt und bilden Leitprinzipien, die auf das Handlungsfeld Kindertagesstätte und zur Unterstützung einer inklusiven Frühpädagogik übertragen werden können.

Resilienz

Anleihen für eine inklusive Frühpädagogik können außerdem beim Konzept der Resilienz gemacht werden. Definiert als psychische Widerstandskraft gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken, beinhaltet Resilienz psychische Gesundheit trotz erhöhter Entwicklungsrisiken und die Kompetenz, Stress und Belastungen erfolgreich im Sinn von Widerstandsfähigkeit zu bewältigen (Wustmann 2005). Resilienz ist nicht statisch oder sogar „angeboren“, sondern das Ergebnis einer Entwicklung, in deren Verlauf das Kind altersgerechte Fähigkeiten erwirbt und lernt, sich aktiv an steigende Anforderungen von innen und außen anzupassen.

Bezogen auf den Alltag von Kindern, die in Armut leben, bedeutet Resilienz eine positive Entwicklung trotz erhöhter Risiken. Neben personalen, das heißt individuellen, psycho-physischen Ressourcen wird die Bedeutung sozialer Ressourcen für eine positive Entwicklung hervorgehoben. Resilienzförderung zielt damit auf drei Ebenen; das heißt sowohl auf die individuellen Kompetenzen und Persönlichkeitsmerkmalen des Kindes wie auf Merkmale der engeren sozialen Umwelt (wie Erziehungsstil der Eltern, Familienklima) und auf Merkmale des außerfamilialen Stützsystems (zu dem Kindertagesstätten, Schulen, Nachbarschaft, Quartier, etc. gehören).

Resilienz kann über die Erziehungsqualität gefördert werden. Eine sichere Erzieherinnen-Kind-Bindung (Ahnert 2006) gehört zu den bedeutendsten Resilienzfaktoren. Sie beinhaltet im Kleinkindalter Zuwendung, Vermitteln von Sicherheit und Stressreduktion. Im Vorschulalter bietet sie Explorationsunterstützung und Assistenz.

Resilienzfördernd sind auch allgemeine Strategien des Empowerments, wie die Förderung der Partizipation(sfähigkeit), die Orientierung an Interessen und Bedürfnissen der Zielgruppe, die gemeinsame Erarbeitung von Lösungswegen und Zielsetzungen und die Unterstützung bei der Entscheidungsfindung. Im Ergebnis zielen sie auf die Entwicklung von Basiskompetenzen, zu denen Gefühle von Selbstwirksamkeit, die Entwicklung von Selbstvertrauen und Kontrollerwartung sowie Kompetenzen in der Selbstregulation gehören (Richter-Kornweitz 2010).

Die Grundlage ist eine professionelle Haltung, die Respekt vor individuellen Eigenschaften und -arten vermittelt, sich vom defizitorientierten Blick auf den anderen verabschiedet und Vertrauen in die Fähigkeit der anderen, jeweils eigene Lösungen zu finden, ausstrahlt. Sie stärkt Kinder in der Kita ebenso wie ihre Eltern.

Subjektorientierung

Eine subjektorientierte Sichtweise, die das Kind und sein Erleben in den Mittelpunkt stellt, sieht das Kind als kompetent genug an, eigene Interessen zu äußern und zu vertreten. Sie stellt die Kindperspektive in den Mittelpunkt der Zusammenarbeit und fragt, was braucht das Kind? Zentral und prinzipiell sind für Fachkräfte in Kitas Fragen wie: Wie erleben Mädchen und Jungen ihre Lebenssituation? Was bedeutet ein Leben mit Kindern in materieller Armut und sozialer Ungleichheit für Mütter und Väter? Was nehmen wir selbst als Folgen von Armut in der Kindertagesstätte wahr und welche Auswirkungen hat dies auf unseren Arbeitsalltag, auf unsere persönliche Situation? Wie muss sich die Einrichtung verändern, um den Bedarf zu treffen und den Bedürfnissen von armen Kindern und Familien gerecht zu werden? Durch diese und ähnliche Fragen lassen sich Empowermentprozesse anstoßen. Schnell wird klar, dass es dazu prinzipiell wichtiger ist, Fragen zu stellen als Antworten zu geben (Brandes/Stark 2011).

Gemeinsam vorgehen

Denn Antworten lassen sich nur gemeinsam finden. Sie liegen in einem gemeinsamen und strukturierten Vorgehen mit Kindern, Eltern, Kolleginnen bzw. Kollegen und Kooperationspartner_innen, die im Umfeld tätig sind. Handlungsleitend sollten dabei die Prinzipien „Subjektorientierung“, „Ressourcenorientierung“, „Settingorientierung“, „Priorität der Partizipation“ sein. Ein solches Vorgehen verändert den Alltag in der Kindertagesstätte und ihre institutionelle Kultur in Richtung Inklusion, weil sie die Haltung der Menschen verändert, die dort arbeiten und leben. Sie ist nicht nur ein Gewinn für die Entwicklung von Mädchen und Jungen, sondern bringt auch eine höhere Zufriedenheit mit der eigenen beruflichen Tätigkeit mit sich.

Handeln

Wie zuvor bereits angedeutet, sind die Anforderungen hoch. Mit den Möglichkeiten einer Kindertagesstätte sind sie nur partiell zu bewältigen. Im Rahmen von Armutsprävention ist daher ein integriertes Vorgehen zu empfehlen, wie es beispielsweise im Monheimer „Mo.Ki-Konzept“ erprobt wird. Dort soll für die nachhaltige Förderung armer Kinder und ihrer Eltern eine ausreichende und qualifizierte Infrastruktur entwickelt werden, die Kindertagesstätten ins Zentrum der Präventionsaktivitäten stellt und gleichzeitig weit darüber hinausgeht. Der Ansatz zeichnet sich durch ein umfassendes Verständnis von Armutsprävention aus und ist integrativer Teil von Stadtentwicklung im Berliner Viertel der Stadt Monheim. Fünf Kindertagesstätten in diesem sozial benachteiligten Viertel arbeiten unter Begleitung einer Koordinationsstelle zusammen und erreichen so fast alle Kita-Kinder und ihre Eltern ab 3 Jahren. Mit dem Konzept „Frühes Fördern von Anfang an“ werden außerdem Schwangere sowie Kinder von 0-3 Jahren und ihre Familien angesprochen. Ein Fokus liegt auf dem guten Gelingen von Übergängen (in die Kita, die Grundschule, etc.), und so ist das gesamte Konzept darauf ausgerichtet, Kindern je nach Entwicklungsstufe den Anschluss an Gleichaltrige sowie den Zugang zu allen präventiven Angebote zu sichern. Zwei Grundelemente – Einzelförderung und Strukturentwicklung, die untrennbar miteinander verknüpft sind, gemeinsam gedacht werden und sich in allen Aktivitäten wieder finden – gelten als charakteristisch: Es geht um die Förderung von Resilienz und um die (ermöglichende) Gestaltung von Strukturen (vgl. dazu auch Holz 2010).

Keine einfachen Lösungen für komplizierte Probleme

Die Wirkungen sind umfassend. Unter dem Blickwinkel von Armut und inklusiver Frühpädagogik zählt vor allem die verbesserte Teilhabe am Leben im Viertel, in der Stadt (im Dorf). Sie drückt sich zum einen aus in vielen kleinen passgenauen Lösungen, die die Zugangschancen für alle erhöhen. Sie ist aber auch in den harten Zahlen der verbesserten Übergänge auf höhere Schulstufen zu finden.

Das komplexe Armutspräventionskonzept „Mo.Ki“ entspricht nicht nur der vielschichtigen Problemlage. Es entspricht auch der zu Beginn umrissenen hohen Armutsrate von Alleinerziehenden, Kinderreichen und Migrationsfamilien in unserer Gesellschaft, die strukturell bedingt ist. Armut darf nicht länger individualisiert und ihre Bekämpfung allein der privaten Verantwortung überlassen werden. Dies ist vielmehr eine Aufgabe öffentlicher Verantwortung, was dringend auch näher ins Bewusstsein kommunaler Akteur_innen rücken muss.

In Kindertagestätten wird viel getan und es kann noch viel mehr getan werden. Viele Aktivitäten, die sich auf die Entfaltung kognitiver Fähigkeiten, körperlicher Gesundheitsressourcen und psychischer Widerstandsfähigkeit konzentrieren, entsprechen sowohl der pädagogischen Tradition und Kultur einer Kindertagesstätte wie auch den Vorschlägen der Armutsforschung. Sie lassen sich damit fast nahtlos in Konzeptionen und Leitbilder von Kitas einflechten.

Zur Unterstützung brauchen Erzieherinnen und Erzieher Qualifikationen, z.B. zur Verwirklichung von Partizipation oder Empowerment, und Supervision. Zur Umsetzung brauchen Kitas viele Verbündete und die entsprechenden Rahmenbedingungen (u.a. Personal, Räumlichkeiten, Zeit). Für eine weiterführende Zusammenarbeit in der Armutsprävention braucht es den politischen Willen. Auf der kommunalen Ebene, auf der Kitas angesiedelt sind und auf die sich dieser Beitrag konzentriert hat, muss er auf die gemeinsame Entwicklung von lebensphasenorientierten, fachübergreifenden Konzepten der Armutsprävention drängen. Denn der Fülle an Notlagen von armen Kindern und Familien muss auch eine Fülle an Angeboten entsprechen.

Literatur

 

 

Dr. Antje Richter-Kornweitz, Dipl.-Päd., approb. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Fachreferentin und wiss. Mitarbeiterin im Bereich „Soziale Lage und Gesundheit“ der Landesvereinigung für Gesundheit & Akademie für Sozialmedizin Niedersachen e.V.

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