HipHop, Popkultur und Politik

Feature

Raphael Moussa Hillebrand ist Tänzer, Choreograph, Regisseur und Kurator. 2017 gründete er gemeinsam mit anderen Aktivist*innen „Die Urbane. Eine HipHop Partei“ und schafft es wie kaum ein anderer, HipHop und Politik miteinander zu verbinden. Mit Ngoc Bich Tran hat er über Empowerment, Popkultur und Politik gesprochen. Das Feature ist der Auftakt für unsere neue Reihe "Pop meets Politics", die sich mit Fragen an der Schnittstelle zwischen Popkultur und Politik in der Migrationsgesellschaft beschäftigt und von Ngoc Bich Tran kuratiert wird.

Portrait von Raphael Hillebrand
Teaser Bild Untertitel
Raphael Moussa Hillebrand

„Alle Kunst und jede Handlung haben eine politische Dimension“

Seine Karriere begann Raphael Moussa Hillebrand als Tänzer. Er nahm an zahlreichen B-Boy Battles teil und gewann nationale sowie internationale Wettkämpfe. Seit mehr als 20 Jahren ist er mittlerweile als Choreograph, Regisseur, Kurator und Dozent tätig und gehört zu den wichtigsten choreographischen Vertreter*innen des Goethe-Instituts. Seine Stücke handeln von gesellschaftspolitischen Themen und kulturellen Identitäten. Kunst und Politik gehen für ihn Hand in Hand.

„Je mehr mein Horizont sich erweitert hat, desto deutlicher habe ich gesehen, dass alle Kunst und jede Handlung eine politische Dimension haben. Und wie George Orwell gesagt hat: Jede Kunst ist Propaganda. Und dann möchte ich wenigstens, dass meine Kunst linke Propaganda ist oder eine, die Verantwortung behandelt.“

Die Bühne, so der Tänzer, biete viele Möglichkeiten, politische Themen anzusprechen und zu verhandeln. Seine Kunst sei mit der Zeit immer politischer geworden. Dennoch hat die Bühne ihre Grenzen, da die Zuschauer*innen die Wahl haben, ob sie sich mit den Inhalten auseinandersetzen oder nicht:   

„Du kannst die Menschen nicht mit dem, was wir auf der Bühne machen, zu mehr Gerechtigkeit oder Black Liberation zwingen. Dafür braucht es einen politischen Kampf, dafür braucht es die Straße, dafür braucht es Organisationen. Denn Macht abgeben funktioniert nicht durch Bitten, sondern es funktioniert vor allem durch Verhandeln und Druck.“

Und so ist der in Hongkong geborene Berliner neben seinen künstlerischen Tätigkeiten auch politisch aktiv. Als Aktivist sowie Mitbegründer und Parteivorsitzender von Die Urbane. Eine HipHop Partei, die 2017 gegründet wurde, setzt er sich u.a. für Themen wie Dekolonialisierung, Empowerment und kulturelle Vielfalt ein. Den Anstoß für sein politisches Engagement habe ihm das Bewusstwerden über seine eigenen Privilegien gegeben. Als jemand, der einen deutschen Pass besitzt und im demokratischen System lebt, in dem er eine Partei gründen und mitbestimmen kann, möchte der Aktivist seiner Verantwortung gerecht werden:

„Ich lebe in Berlin, der Hauptstadt Deutschlands, dem bevölkerungsstärksten Land Europas. Europa ist der größte Wirtschaftsraum der Welt. Wer hat eine Stimme, wenn nicht ich? Ich wollte meiner Verantwortung gerecht werden und auch ein Stück weit die Fackel der Generationen vor mir, die für die Rechte gekämpft haben, von denen ich heute profitiere, weitertragen.“

HipHop als Form der Selbstermächtigung

Als Breaker und Mitbegründer der Partei Die Urbane fühlt sich Hillebrand im HipHop Zuhause. Für ihn bedeutet die HipHop-Kultur eine Blaupause für Empowerment marginalisierter Menschen.

„HipHop hat in seinen Anfängen etwas ganz Entscheidendes geschafft, was ich in Bezug auf Teilhabe so wichtig finde: Wir hatten in den 1970er Jahren Menschen in New York, die unter rassistischer Unterdrückung, kapitalistischer und sexistischer Ausbeutung gelitten haben. Und diese Menschen am Rand haben sich durch die Produktion von Kunst und Kultur selbst ermächtigt. Sie haben im Bereich Tanz, im Bereich Malerei, im Bereich Gesang die Welt auf den Kopf gestellt und Zugänge geschaffen, indem sie sich selbst in ihren Vierteln ausgebildet haben. Oder was die Malerei angeht, haben Leute es geschafft, die Leinwand zu verlassen und sich mit der Sprühdose an Züge oder Wände gestellt. Wir können heute Malerei nicht mehr ohne Street Art denken, wir können Musik nicht mehr ohne Sampling denken, wir können Stimme und Gesang nicht mehr ohne Sprechgesang bzw. Rap denken.“

Hillebrand spielt dabei gezielt auf den Conscious Rap an und betont, dass Rap nicht nur „Gangster Bullshit“ sei. Songs wie Fremd im eigenen Land von Advanced Chemistry oder Samy Deluxe’s Weck mich auf haben den Menschen klar gemacht, dass wir in einem rassistischen System leben. Aber auch Songs wie Grandmaster Flash’s The Message haben vielen Leuten eine Perspektive von Marginalisierung nahegebracht, wie sie sie vorher nie verstanden hätten. Für die Politik seien diese Perspektiven unerlässlich:

„Ich sage immer, wie können wir den Bundestag haben, der über Hartz-IV-Sätze entscheidet, wenn die meisten da drin niemanden kennen, der auf Hartz-IV ist? Die haben keine Ahnung. Die haben keine Ahnung von dem, worum es da geht.“

Argumente und Perspektiven in Songs verpackt, die laut Hillebrand sonst in gesprochener Form nicht gehört werden würden, dienen dem politischen Diskurs als Beweise für die existierende Ungerechtigkeit. Er erzählt dabei von Erfolgsgeschichten der Menschen aus seinem professionellen Umfeld, die auch hierzulande zum Teil mit einem Geflüchtetenstatus nach Deutschland kamen und jetzt Vorbilder und Stars sind. Und zwar indem sie anfingen, sich Stift und Zettel in die Hand zu nehmen und aufschrieben, was sie nervte und schließlich begannen, diese Zeilen rhythmisch zu erzählen. Diese Magie, diese Kraft, die sich im HipHop entfaltet, möchte er auch auf politische Prozesse übertragen:

„Wenn Menschen von sowas wie Integration sprechen, was ich total vermeiden will, dann ist HipHop einfach ein Motor für Teilhabe und für die Auseinandersetzung, die wir im urbanen Raum im 21. Jahrhundert einfach ganz, ganz viel haben. Leute, die am Rand der Gesellschaft stehen, nehmen sich und ihr Leben selbst in die Hand und bringen es nach vorne. HipHop hat uns gezeigt, dass daraus eine Eigenverantwortung, eine Selbstermächtigung entstehen kann und das finde ich so stark – als Gegengewicht zu der helfenden Hand, die von oben nach unten gestreckt wird.“

Es geht also darum, Menschen eine Stimme zu geben, die sonst nicht mitsprechen können und ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass das, was sie denken, fühlen und sagen, relevant ist. Es geht darum, ihnen zu zeigen, dass sie das Recht haben auf einen Raum, in dem sie nicht in Frage gestellt werden, sondern auch wirksam sein können.

„Weil ansonsten sind sie halt lethargisch und liegen rum und wir beschweren uns oft bei jungen Menschen, dass sie nicht richtig teilhaben oder nicht mitreden. Aber weil sie auch oft die Chancen dafür nicht bekommen. Deswegen ist Empowerment so wichtig, weil, sobald die Leute merken, dass sie wirksam sind, werden sie auch darüber nachdenken, was sie machen, sagen und tun.“

Pop und Politik

Wie politisch HipHop in seinen Anfängen war und nach wie vor ist, wird spätestens hier deutlich. Galt HipHop lange als Subkultur oder Gegenkultur zur Popkultur, versteht ihn Hillebrand als Teil davon, spätestens heute, wo HipHop klar im Mainstream angekommen ist – auch wenn es natürlich Unterschiede und Abgrenzungen gibt. Doch auch die Popkultur im klassischen Sinn, die oft als vollkommen unpolitisch wahrgenommen wird, habe die Möglichkeit, unterschiedliche Lebensrealitäten und Perspektiven aufzuzeigen, zu irritieren und Diskussionen anzustoßen. Man denke dabei nur an Pop-Hits wie John Lennon’s Imagine, die so viel für das Weltbild von Menschen getan haben, die das Spannungsfeld zwischen dem Sag- und Denkbaren verschoben haben, indem sie fragten: Was wäre eine Welt ohne Grenzen?

Pop ist politisch – für Raphael Hillebrand besteht da kein Zweifel. Und vor allen Dingen ließen sich mit der Popkultur die Massen erreichen. Denn durch ihren niedrigschwelligen Zugang kann Popkultur Orientierung und Halt bieten und sogar selbstermächtigend sein. Gesamtgesellschaftlich betrachtet, begünstigt sie als Masseninstrument öffentliche Meinungen.

Mehr Zugänge, weniger Hierarchien und ein bisschen Utopie

In der Politik ist dieses Phänomen bekannt als Populismus, der für Hillebrand nicht nur Nachteile mit sich bringt, ganz im Gegenteil: Es ginge schließlich darum, Mehrheiten in einem Diskurs mitzunehmen, damit sie informierte Entscheidungen treffen können. Denn was wäre das für eine Demokratie, wenn es nicht darum ginge, die Massen zu erreichen?

„Wir müssen wegkommen von diesen Hierarchien, von Hochkultur und Popkultur, von einem politischen Diskurs der Studierten, einem politischen Diskurs der Leute, die nicht mitreden sollen oder dürfen, hin zu einfacher Sprache. Einfache Sprache ist die Sprache, die wir in unserem politischen Diskurs brauchen. Popkulturverständnis ist das kulturelle Verständnis, das wir brauchen und nicht Leitkultur- oder Hochkulturverständnis. Und wenn wir Hierarchien einbauen wie Popkultur und Hochkultur, dann werden Menschen ganz zwangsläufig benachteiligt.“

Und Niedrigschwelligkeit, so der Aktivist, bedeutet nicht weniger Qualität, sondern mehr Zugang und mehr Perspektiven, die ein besseres Ergebnis in der Politik bringen. Eins steht fest: Nie gab es einen Zeitpunkt in der Geschichte, an dem es so einfach war, an Informationen zu kommen und sich zu politisieren. Social Media Plattformen wie Instagram, TikTok, Twitter oder YouTube, die zurecht heute als Instrument dafür genutzt werden, um gesellschaftspolitische Themen massentauglich zu thematisieren, tragen zu einer Selbstermächtigung junger, marginalisierter Menschen bei, indem sie mithilfe popkultureller Mittel und Einflüsse von Migration, Teilhabe, Repräsentation, Rassismus, und Queerfeminismus erzählen. Und was die Politik von der Popkultur lernen kann? Dafür findet Hillebrand klare Worte:

„Die Politik kann von der Popkultur lernen, welche Lebensrealitäten in der Bevölkerung sind und wie wir Menschen, große Massen, erreichen und dann auch mitnehmen können in unserer Gesellschaft.“

Mit Blick auf seine künstlerischen Visionen träumt er von einem Stück, welches von einer Utopie erzählt, in der alle Probleme der Welt gelöst würden.

„Als Künstler habe ich die letzten Jahre mit meinen Stücken und Arbeiten meistens die Gesellschaft kommentiert oder kritisiert. In meinem nächsten größeren Projekt träume ich davon, ein Stück zu machen, in dem wir auf der Bühne das Jahr 2050 behaupten und zurückblicken auf das Jahr 2022 und uns darüber erzählen, wie wir alle Probleme unserer Zeit und das kapitalistische, rassistische Patriarchat überwunden haben. Wie wir die Klimakrise gelöst und wie die Leute verstanden haben, dass Kapitalismus nicht vereinbar mit der Menschenwürde ist. Wir denken, wir müssen weiter Kohle verbrennen und Wälder abholzen, den Diesel retten und weiter an der Festung Europas festhalten. Ich möchte eine Vision schaffen, die vom Gegenteil erzählt und die so plausibel klingt, dass Menschen nach vorne gucken können und guten Gewissens in eine bessere Zukunft gehen möchten.“