„So wird Kunst zu einer Sprache, die überall gesprochen wird“

Interview

Rahulla Torabi ist bildender Künstler und kam in seinem 17. Lebensjahr aus Afghanistan nach Deutschland. Im Zwischenraum für Kunst spricht er über die verbindende Kraft von Kunst, seine Faszination für Geschichten und erzählt, warum er fast wunschlos glücklich ist.

Portrait von Rahulla Torabi
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Der Künstler Rahulla Torabi

Lieber Rahulla, du bist bildender Künstler und leitest eine Bildhauerwerkstatt für junge Menschen in der Jugendkulturwerkstatt Falkenheim (JKWF) in Frankfurt. Was gefällt dir besonders an der Zusammenarbeit mit jungen Menschen?

Diese Arbeit ermöglicht es mir, mit Jugendlichen eine gemeinsame Sprache der Kunst zu verwenden, um eine Koexistenz aufzubauen, in der jeder bereit ist, dem anderen diese Sprache zu vermitteln. Kunst und Kreativität zusammen gesellschaftlich zu praktizieren und sie im Alltag zu nutzen – das ist für mich eine besondere Ehre. Ich arbeite nur wenig im Atelier. Stattdessen bin ich größtenteils draußen tätig. Die Aufgabe und die Verantwortung, in einem so großen Atelier mit spannenden Werkzeugen und Materialien in Zusammenarbeit mit inspirierenden Jugendlichen Skulpturen und Objekte herzustellen, erfüllen mich. Dreimal die Woche, jeweils vier Stunden, gemeinsam zu arbeiten, ist eine besondere, schöne Art zu arbeiten.

Das künstlerische und kreative Wissen, die Inspirationen und das, was man bereit ist, durch die Kunst weiterzugeben, entfalten sich in verschiedenen Räumen. Wenn man unterschiedliche Räume betritt, um dort Kunst zu schaffen, entstehen eine besondere Energie und ein Gemeinschaftsgefühl, die eine Verbindung zwischen allen schaffen. So wird Kunst zu einer Sprache, die überall gesprochen wird.

Wenn man unterschiedliche Räume betritt, um dort Kunst zu schaffen, entstehen eine besondere Energie und ein Gemeinschaftsgefühl, die eine Verbindung zwischen allen schaffen. So wird Kunst zu einer Sprache, die überall gesprochen wird.

Aktuell leitest du das Refugee Art Project. Worum geht es in diesem Projekt?

Das Refugee Art Project ist für mich eine besondere Aufgabe. Es ist etwas Besonderes, als Künstler ein Erstaufnahmelager zu betreten – ein Ort, der mich an meine eigene Ankunft in Deutschland erinnert. Nach so vielen Jahren nun wieder mit Jugendlichen dort Kunst und Kreativität zu gestalten, berührt mich sehr. In diesem Projekt arbeite ich mit Kindern, Jugendlichen und teilweise auch Erwachsenen, die neu angekommen sind. Durch die Sprache der Kunst versuche ich, ihnen ihre Ängste und Sorgen zu nehmen und ihnen eine schöne Zeit und schöne Erinnerungen zu ermöglichen. Mein Ziel ist es, dass sie sich eines Tages an das Jahr 2023 oder 2024 erinnern und vielleicht hier und da eine ihrer Zeichnungen oder Bilder sehen. Dann sollen sie sagen: „Das war vor 20 Jahren in Deutschland, als ich hier ankam.“ Ich hoffe, dass sie schöne Erinnerungen an diese Zeit mitnehmen. Denn in der Fremde sind die ersten Eindrücke entscheidend. Wenn diese Eindrücke schön sind, dann wird das Leben hier für sie auch schöner werden.

Drei Kinder sitzen mit dem Rücken zur Kamera gewandt dem Künstler Rahulla Torabi gegenüber
Rahulla Torabi bei seiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen beim Refugee Art Project

In diesem Projekt sind Kinder aus Afghanistan, Kurdistan, der Türkei, Albanien, Syrien und Äthiopien dabei – Kinder und auch Erwachsene. In diesem Raum reisen wir gemeinsam über alle Grenzen, Zäune, Meere und Berge hinweg und sind am Ende alle auf der Suche nach einem Haus unter einem blauen Himmel, mit grünem Rasen davor. Es macht allen viel Freude, ihre Wünsche, Erinnerungen und Eindrücke mit uns auf DIN-A4-Blättern festzuhalten.

Doch irgendwann kommt der Tag des Transfers, und dann kommen andere Kinder, Jugendliche und Heranwachsende nach.

In der Politik wird wieder viel über eine härtere Gangart gegenüber geflüchteten Menschen diskutiert. Dabei werden auch Forderungen laut, dass Länder wie Afghanistan und Syrien als sichere Herkunftsländer eingestuft werden sollen. Wie bewertest du die Debatten rund um das Thema Flüchtlingspolitik?

Die politische Debatte darüber, ob Länder wie Afghanistan oder Syrien als sicher oder unsicher eingestuft werden sollen, sagt eigentlich schon viel darüber aus, wie hier in der Gesellschaft immer wieder versucht wird, die „Fremden“ mit unterschiedlichen neuen Argumenten als Ursache gesellschaftlicher Probleme darzustellen und zu instrumentalisieren.

Die politische Debatte darüber, ob Länder wie Afghanistan oder Syrien als sicher oder unsicher eingestuft werden sollen, sagt eigentlich schon viel darüber aus, wie hier in der Gesellschaft immer wieder versucht wird, die „Fremden“ mit unterschiedlichen neuen Argumenten als Ursache gesellschaftlicher Probleme darzustellen und zu instrumentalisieren. Der „Fremde“ ist oft der Erste, dem Probleme angelastet werden, und das Instrumentalisieren erfolgt oft schnell und gezielt – das ist politisches Kalkül. Wenn es einer Gesellschaft immer wieder gelingt, sich solcher Mechanismen zu bedienen, zeigt das eine tiefe Verwurzelung dieser Sichtweise. Deshalb bin ich gegenüber solchen Debatten über die Flüchtlingspolitik nicht einfach nur kritisch eingestellt: ich beobachte, wie gut und effizient diese Instrumentalisierung immer wieder funktioniert – und das schon seit langem. Leider befürchte ich, dass sich daran in der Zukunft nichts verbessern wird, sondern die Lage sich eher noch verschärfen könnte. Ich kenne aus dieser Gesellschaft nichts anderes als dieses Muster.

Du bist im Alter von 17 Jahren aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet. Welche Einflüsse haben deine Jugendjahre in Afghanistan auf deine Kunst und spiegelt sich dein kultureller Background auch in deinen Arbeiten wider?

Ich hatte das Glück, in meinen 16 Jahren in Afghanistan, unter den damaligen Verhältnissen, genug Eindrücke und Materialien sammeln zu können, die ich später als Künstler in meine Arbeiten einfließen lassen konnte. Ich hatte ausreichend Zeit, diese Eindrücke zu sammeln: genau hinzuschauen, genau zuzuhören, alles zu riechen und zu schmecken – und das bis zu meinem 16. Lebensjahr. Also habe ich genug Material, um mich in Deutschland neuen Herausforderungen zu stellen und auch die neuen Eindrücke zu verarbeiten. Gleichzeitig habe ich gelernt, wie das Leben hier funktioniert.

Durch eine Ausbildung habe ich mir einen sicheren Rahmen geschaffen, in dem ich die Vergangenheit aus Afghanistan mit der Gegenwart verbinden konnte. Ich kenne keinen Künstler, der keine Biografie hat, und so ist es auch mit meiner. Meine ersten Zeichnungen in Afghanistan haben bis heute nichts von ihrer Kraft und Intensität verloren. Was ich damals empfand, ist auch heute noch lebendig. Der Ort spielt dabei keine Rolle. Jede Arbeit spiegelt immer irgendwo ein Stück Biografie und eine Geschichte wider. So sind auch meine Arbeiten durch meine Identität und mein Geburtsland geprägt und inspiriert.

Die dichterische Erzählkunst, die überwiegend im persischen und arabischen Raum praktiziert wird, erzähltest du uns, ist dir eine Herzensangelegenheit. Was macht diese Erzählkunst in deinen Augen so einzigartig?

Ich finde die Erzählkunst als Medium in der Kunst besonders interessant, weil es im Grunde immer das gleiche Bild an unterschiedlichen Orten beschreibt. Das macht das Erzählen für mich so faszinierend, und deshalb erzähle ich gerne kleine Geschichten. Dabei geht es gar nicht so sehr um die Geschichte selbst, sondern oft vielmehr um den Raum. Ich vergleiche es gerne mit der Situation, wenn man dieselbe Geschichte jemandem an einer Bushaltestelle erzählt, dann wieder jemandem in einem Café, oder sich auf einen Stuhl mit einem Mikrofon setzt und dieselbe Geschichte vor 20 Leuten erzählt, die einem gegenübersitzen. Für mich entfaltet die Erzählkunst hier ihre besondere Stärke, und genau deshalb mag ich diese Form des Erzählens.

Rahulla Torabi mit drei Jugendlichen in einer Kunstwerkstatt
Rahulla Torabi bei seiner Arbeit mit Jugendlichen in der Jugendkulturwerkstatt

Ich erzähle sehr gerne Geschichten und in verschiedenen Räumen, weil ich weiß: Die gleiche Geschichte wird an einem anderen Ort morgen eine andere Geschichte sein. Was mich außerdem am Erzählen fasziniert und was ich daran besonders schätze, ist seine Variabilität. Man kann eine Geschichte sogar auf dem Weg zum Erzählen noch verändern, etwas hinzufügen oder weglassen. Diese Freiheit finde ich am Erzählen besonders schön.

An dieser Stelle komme ich kurz auf meine Biografie und meine Wurzeln zu sprechen. Die ersten 16 Jahre meines Lebens habe ich in Afghanistan und im Orient verbracht. Und natürlich assoziiert man mit dem Orient sofort jene Orte, wo man gerne und viel erzählt. Das kann ich nur bestätigen, denn ich habe dort auch viel gehört, und ohne dass man etwas hört, kann man nichts erzählen. In dem Land, in dem ich lebte und bis zu dem Tag, an dem ich es verließ, habe ich sehr gerne zugehört. Ja, und ich habe das auch sehr geübt, denn das Erzählen ist eine Frage der Übung. Diese Übung beginnt damit, dass man lernt, genau zuzuhören – und dann wird man irgendwann zum Meistererzähler.

Gibt es ein Projekt, das dir am Herzen liegt und das du gerne verwirklichen möchtest?

Ich bin so wunschlos glücklich, dass mich jeder erfüllte Traum immer wieder an die Dinge erinnert, die bereits geschehen sind. Ich erfreue mich daran und bin froh darüber, dass alles gut geklappt hat. Daher habe ich keine neuen Träume, sondern freue mich vielmehr darüber, mich an die Dinge zu erinnern, von denen ich heute nicht einmal träumen könnte.

Aber manchmal träume ich noch davon, einen Film zu drehen, in dem ich mit einem Mullah Saheb auf der Suche nach einem Gebrauchtwagen in der hessischen Wetterau unterwegs bin. Allerdings wird die Sache dann kompliziert: Man müsste die entsprechende Musik finden, einen Kameramann, einen Regisseur, einen Produzenten, einen Verleiher – und wer weiß, wer sonst noch alles involviert wäre. Und dann denke ich mir lieber, ich erzähle diese Geschichte einfach so, anstatt diesen merkwürdigen Film bei schlechtem Wetter zu drehen.

Portrait von Rahulla Torabi

Rahulla Torabi, Jahrgang 1965, kam in seinem 17. Lebensjahr aus Afghanistan (Kandahar, Maidan) nach Deutschland. Hier arbeitet er seit zwei Jahrzehnten in seinem erlernten Beruf und stellt daneben Zeichnungen, Bilder, Fotografien und Collagen her, die durch seine ihm eigene Beobachtung der Umwelt entstehen. Er führt die Leichtigkeit in seiner künstlerischen Beschäftigung auf den Gegensatz von Zwang und Freiheit zurück, der ihn auf vielen Ebenen geprägt hat: die Pflicht zum schulischen Lernen, die Lebensnotwendigkeit zur Flucht aus der Heimat, die Selbstbestimmtheit zum Zeichnen einer Linie.

Eindrücke zu seinen Arbeiten finden sich auf seiner Website sowie auf der Website des Ausstellungsraums Eulengasse