Suraj Mailitafis Kampf um Gerechtigkeit

Portrait

Drei Schüsse eines Polizisten töteten den 21-jährigen Lorenz A. aus Oldenburg. Ein Jahr später kämpft der Aktivist Suraj Mailitafi immer noch für Konsequenzen – und gegen ein System, das er für rassistisch hält. Anlässlich des Internationalen Tags gegen Rassismus am 21. März 2026 hat ihn Djamilia Prange de Oliveira in Berlin getroffen.

Suraj Mailitafi schaut in die Kamera und trägt ein weißes T-Shirt mit einem Bild von Lorenz und den Worten "No Justice, No Peace".
Teaser Bild Untertitel
Suraj Mailitafi in einem Café in Berlin-Kreuzberg, auf seinem T-Shirt ist ein Bild von Lorenz A. zu sehen.

Suraj Mailitafi blickt zurück auf ein Jahr voller Trauer, Wut, Enttäuschungen und leerer Versprechen. Fast genau ein Jahr ist es her, dass ein Bekannter von ihm getötet wurde. Drei Schüsse aus der Dienstwaffe eines 27-jährigen Polizisten trafen Lorenz A. in der Nacht zum 20. April 2025 von hinten an Kopf, Oberkörper und Hüfte, ein weiterer Schuss streifte seinen Oberschenkel – insgesamt wurden fünf Schüsse auf ihn abgefeuert.

"Lorenz war 21 Jahre alt, ein junger, Schwarzer Mann voller Träume, der noch sehr viel vor sich hatte, aber in dem rassistischen System als gefährlich markiert wurde", sagt Mailitafi. Er steht in Jeans und schwarzer Winterjacke auf einem Truck vor einer Menge Demonstrierender, an der Seite hängt ein Banner mit der Aufschrift: "Die Konsequenz bleibt Widerstand".

Auf einer Demonstration hält Suraj Mailitafi gemeinsam mit anderen Personen einen Banner mit einem Bild von Lorenz A.
Suraj Mailitafi und andere Demonstrierende bei einer Demo gegen Polizeigewalt am 15. März 2026 in Berlin-Kreuzberg.

Es ist der Sonntagnachmittag des 15. März in Berlin-Kreuzberg, mehrere Bündnisse haben am heutigen internationalen Tag gegen Polizeigewalt zu einer Demonstration aufgerufen. Darunter auch die "Initiative Gerechtigkeit für Lorenz", der Mailitafi angehört. 

Mailitafi ist extra aus Oldenburg angereist, gemeinsam mit Lorenz' Mutter und seinen Freund:innen. Sie sind hier, aber Interviews geben oder Reden halten wollen sie nicht. Sie sind müde – sie haben längst alles gesagt. Mailitafi möchte für sie sprechen. 

"Es ist mir wichtig, das, was die Familie von Lorenz fühlt, in Worte zu fassen", sagt er.

Lorenz A. ist einer von über 300 Menschen in Deutschland, die seit der Wiedervereinigung von der Polizei erschossen wurden. Wie viele Menschen die Polizei insgesamt tötet – nicht nur durch Schüsse, sondern auch durch Fixierungen oder in Gewahrsam – oder wie viele davon of Color sind, weiß sie selbst nicht. Darüber führen weder Staat noch Polizei Statistiken.

"Als Lorenz von einem Polizisten in Oldenburg angeschossen wurde, ist der Polizei nichts Besseres eingefallen, als ihm Handschellen anzulegen. Selbst mit einer Kugel im Hinterkopf wurde er als gefährlich markiert", sagt Mailitafi auf der Bühne.

Er sei es Leid, dass Schwarze Menschen, geflüchtete Menschen, Menschen mit wenig Geld oder Menschen in psychischen Krisen von der Polizei kriminalisiert werden. Den tiefsitzenden Rassismus innerhalb der Polizei wolle er nicht länger hinnehmen, sagt er.

"Die Polizei ist nicht rassistisch"

Dass die Polizei, die Lorenz tötete, rassistisch sei, wies die niedersächsische Innenministerin Daniela Behrens entschieden zurück: "Die niedersächsische Polizei ist weder eine schießwütige Truppe, noch ist sie strukturell rassistisch", sagte Behrens dem "Spiegel". Stattdessen sprach sie von einem "tragischen Fall".

Für Mailitafi ist das "ein Stich in unsere offenen Wunden." Er und die Demonstrierenden an der Polizeiwache am Kottbusser Tor sind sich sicher: Die Tötungen von Lorenz A., Mouhamed Dramé, Medard Mutombo, Oury Jalloh, Amad Ahmad, Christy Schwundeck und all denjenigen, deren Namen nicht bekannt sind, sind keine Einzelfälle, sondern Ausdruck eines rassistischen Systems.

Zwischen Grabkerzen und Blumen liegen Bilder von zwei Menschen, darunter steht jeweils "Christy Schwundeck" und " Kupa Ilunga Medard Mutombo"
Gedenken an Opfer rassistischer Polizeigewalt, 15. März 2026, Berlin-Kreuzberg.

Dass es in der Polizei, wie auch in jeder anderen deutschen Behörde Rassismus gibt, ist mittlerweile durch eine empirische Untersuchung zu Rassismus in deutschen Institutionen des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) belegt. In der Studie, die die bisher umfangreichste ihrer Art ist, heißt es abschließend: "Rassismus ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Risiko." 

"Es ist immer dasselbe Muster", sagt Mailitafi ernüchtert mit dem Mikro in der Hand. "Erst kommt der Mord. Dann die Kriminalisierung des Opfers. Und am Ende der Freispruch der Täter."

Tatsächlich wurden die Polizisten, die für die Tötungen von Mouhamed Dramé, Medard Mutombo, Amad Ahmad und Christy Schwundeck verantwortlich waren, entweder freigesprochen, oder die Ermittlungen wurden eingestellt – im Fall von Christy Schwundeck wegen Notwehr. Im Fall von Oury Jalloh wurde der Dienstgruppenleiter des Polizeireviers wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe verurteilt.

Im Fall Lorenz A. könnte es jedoch noch zu einer Verurteilung des Täters kommen: Im November 2025 erhob die Staatsanwaltschaft Oldenburg Anklage wegen fahrlässiger Tötung gegen den Polizisten, der Lorenz erschoss. Mailitafi ist sich sicher: Ohne die Arbeit der "Initiative Gerechtigkeit für Lorenz" wäre es gar nicht erst zu einem Prozess gekommen.

"Gerechtigkeit ist leider auch eine Frage von Aufmerksamkeit", ruft er in die applaudierende Menge.

Wie alles begann

Nach der Demo ist Mailitafi müde. Er ist seit 6 Uhr morgens auf den Beinen, die Fahrt von Oldenburg nach Berlin hat fast fünf Stunden gedauert, die Hände sind kalt vom langen Draußensein. Wir wärmen sie bei einer Tasse Tee in einem Café auf, im Hintergrund läuft türkische Musik.

Mailitafi ist heute nicht nur als Aktivist oder als Redner in Berlin, sondern auch als jemand, der sich in Lorenz' Umfeld bewegt. Er studiert in Lorenz' Heimatstadt Oldenburg und lernte dort noch zu seinen Lebzeiten seinen besten Freund kennen. 

›Einen Tag später saß ich bei Lorenz' Mutter im Wohnzimmer‹, erinnert sich Mailitafi. Sie organisierten die erste Demo. Dass rund 15.000 Menschen kamen, habe vermutlich auch mit seiner Reichweite in den sozialen Medien zu tun, sagt Mailitafi.

"Das erste, worüber wir gesprochen haben, waren unsere Erfahrungen mit der Polizei. Ich habe ihn dazu ermutigt, sich bei mir zu melden, wenn mal irgendwas ist." Zu diesem Zeitpunkt hatte Mailitafi als Aktivist schon eine gewisse Reichweite auf Instagram.

Am Ostersonntag, als Mailitafi gerade an seiner Bachelorarbeit saß, erhielt er von besagtem Kindheitsfreund von Lorenz einen Anruf über Instagram: Lorenz sei erschossen worden. 

"Einen Tag später saß ich bei Lorenz' Mutter im Wohnzimmer", erinnert sich Mailitafi. Sie organisierten die erste Demo. Dass rund 15.000 Menschen kamen, habe vermutlich auch mit seiner Reichweite in den sozialen Medien zu tun, sagt Mailitafi. 

Bevor Mailitafi begann, sich online zu engagieren, war er schon offline politisch aktiv. Seit 2021 macht er in seiner Heimatstadt Bersenbrück Kommunalpolitik. "Ich wollte politische Systeme verstehen", sagt er. 

Doch dahinter steckt mehr – und es hat viel mit seiner Heimat Ghana zu tun. 

Suraj Mailitafi sitzt in einem Café, er trägt ein weißes T-Shirt mit einem Bild von Lorenz A.
Suraj Mailitafi in einem Café in Berlin Kreuzberg am 15. März 2026.

"Ghana prägt mich sehr"

An Mailitafis Hals hängt eine goldene Kette mit einem Anhänger in Form des afrikanischen Kontinents. Mailitafi wurde 2001 in Ghana geboren. In seinem Heimatland befindet sich am Rande der Hauptstadt Accra einer der giftigsten Orte der Welt: Die Elektroschrottdeponie in Agbogbloshie. Drumherum leben etwa 40.000 Menschen, die die hochgiftigen Dämpfe einatmen.

Schon 2015 stellte der damalige Entwicklungsminister Gerd Müller bei einem Besuch auf der Müllhalde fest: "Die meisten bei uns in Europa ausrangierten Elektronikgeräte kommen hier her – auch aus Deutschland, legal und illegal."

"Genau deswegen studiere ich Chemie", erzählt Mailitafi und nippt an seinem Tiger Latte. Die Hände sind inzwischen aufgetaut und unterstreichen das Gesagte mit Gesten. 

"Wie Europa seinen Schrott in Ghana ablädt, ist nicht nur ein chemisches Problem, sondern auch ein politisches. Um das zu verstehen, wollte ich einen Fuß in die Kommunalpolitik setzen", erklärt er.

Erste Schwarze Person im Stadtrat

Als Mailitafi mit neun Jahren aus Kumasi nach Bersenbrück kam, konnte er weder lesen noch schreiben. Er besuchte die dritte Klasse und war eine von zwei Schwarzen Personen an seiner Schule. Vor Deutschland war Rassismus für ihn kein Begriff.

Auch im Stadtrat ist er die erste Schwarze Person – und die jüngste. "Politik ist nicht für junge Menschen gemacht. Gerade Kommunalpolitik", stellt er fest. 

Sitzungen fänden oft gerade dann statt, wenn er noch aus der Uni in Oldenburg nach Bersenbrück pendelt, und das Umfeld sei von weißen, männlichen, älteren Menschen geprägt. Alleine wegen des Altersunterschieds habe er die Erfahrung gemacht, nicht ernst genommen zu werden, Erfahrungen abgesprochen zu bekommen. Nach fünf Jahren legt Mailitafi dieses Jahr seine politischen Ämter nieder.

Suraj Mailitafi läuft in einer Menschengruppe auf einer Demo, neben ihm wehen zwei rote Fahnen
Suraj Mailitafi bei einer Demonstration gegen Polizeigewalt am 15. März 2026 in Berlin.

"Ich habe durch die Kommunalpolitik viel gelernt, aber ich habe das Gefühl, dass ich mit meinem Aktivismus mehr Menschen erreiche – wie im Fall von Lorenz", erklärt er.

Mittlerweile folgen ihm auf Instagram fast 100.000 Menschen, seine Beiträge werden tausendfach geklickt. Mit Social Media hat Mailitafi erst vor zwei Jahren begonnen. Rechtsextreme hatten sich gerade zu einem Geheimtreffen in Potsdam versammelt, das Recherchenetzwerk "Correctiv" hatte darüber berichtet. Daraufhin kam es bundesweit zu Protesten gegen Rassismus, auch in Bersenbrück. Mailitafi hielt dort auf einer Demo eine Rede, die viele zu Tränen rührte.

"Viele Menschen in Bersenbrück haben keine Berührungspunkte mit Menschen, die von Rassismus betroffen sind", sagt er. Sein Vater und er seien die einzigen Schwarzen Menschen auf der Veranstaltung gewesen. 

Also begann Mailitafi, seine Erfahrungen auf Instagram zu teilen – zunächst mit dem Ziel, die weiße Mehrheitsgesellschaft zu erreichen. Doch immer mehr Menschen of Color fühlten sich durch seine Beiträge gesehen.

"Ich mache das auch für meine Geschwister"

Auch seine beiden jüngeren Geschwister, die in Deutschland geboren sind. Er möchte sie empowern, damit sie nicht den Weg gehen müssen, den seine Eltern oder er gehen mussten. 

Mailitafis Familie ist muslimisch, seine Schwester und seine Mutter tragen ein Kopftuch. Als Schwarze Hijabis seien sie noch mehr Diskriminierung ausgesetzt. Mailitafi ist stolz darauf, dass er sie mit seiner Arbeit stärken kann.

Meine Geschwister sind selbstbewusster. Sie finden schneller Worte für das, was sie erleben, als ich das getan habe. Das ist schon ein Fortschritt.

"Meine Geschwister sind selbstbewusster. Sie finden schneller Worte für das, was sie erleben, als ich das getan habe. Das ist schon ein Fortschritt", sagt Mailitafi.

An seinen Geschwistern sehe er auch, wie viele Fortschritte Communities of Color gemacht hätten, trotz (oder wegen) Rechtsruck und Rassismus: "Wir fordern mehr ein."

Aufgeben sei keine Option. "Wenn wir nicht für uns aufstehen, wird es keiner tun", sagt Mailitafi. Er weigert sich, sich an Todesfälle wie den von Lorenz zu gewöhnen.