Wir waren die Anderen

Essay

Die Kinder der Arbeitsmigrant:innen, die im Zuge des Anwerbeabkommens mit der Türkei nach Deutschland kamen, wurden zwar meist hier geboren, doch galten trotzdem als die Anderen. In seinem autobiografischen Essay beschreibt Hakan Akçit die Erfahrungen der zweiten Generation und die gesellschaftspolitischen Diskurse und Ereignisse, die ihr Aufwachsen in Gurbet – der Fremde – begleiteten.

Altes Familienfoto von Hakan Akçit
Teaser Bild Untertitel
Altes Familienfoto von Hakan Akçit

Zwischenspiel, Gastspiel, Nachspiel

Als am 30. Oktober 1961 das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei unterzeichnet wurde, gingen beide Länder von einem für beide Seiten profitablen Zwischenspiel in den bereits historisch verankerten und intensiven deutsch-türkischen Beziehungen aus. Das Abkommen war für beide Länder von großem wirtschaftlichem Nutzen: Deutschland erhielt die für die Industrie dringend benötigten Arbeitskräfte und die Türkei erhoffte sich durch die Einfuhr der Devisen aus Deutschland eine Belebung der stagnierenden Volkswirtschaft. Für viele Migrant:innen aus der Türkei bedeutete das Anwerbeabkommen die Möglichkeit, einige Jahre mit harter Arbeit Geld zu verdienen und mit den Ersparnissen eine neue Existenz in ihrer Heimat aufzubauen, auch wenn der eigentliche Preis höher war, als zunächst angenommen. Denn aus den wenigen Jahren, die sie weit weg von der Heimat und ihren Familien in der Fremde (tr. Gurbet) verbringen sollten, wurde meist ein ganzes Leben.

Die naive Annahme beider Länder, dass der Arbeitsaufenthalt der Menschen nur ein auf wenige Jahre befristetes Gastspiel sein werde und daher zwangsläufig mit der Rückkehr der Migrant:innen in ihre Heimat enden würde, sollte sich nicht bewahrheiten und als ein fataler Fehler in der Planung erweisen. Niemand schien auch nur ansatzweise in Erwägung gezogen zu haben, dass die Arbeiter:innen aus den unterschiedlichsten Regionen Anatoliens keine Maschinen waren, die man nach Ende der Schicht einfach ausschalten und in ihre Zimmer abstellen oder nach Ende des befristeten Arbeitsvertrags wieder in Zügen zurück nach Istanbul verfrachten konnte. Es kamen Menschen mit Plänen und Träumen, die sich für das Leben in Deutschland interessierten und nicht nur das Dasein von Fremden fristen, sondern auch am gesellschaftlichen Leben partizipieren wollten. Die Konzeptlosigkeit der Bundesrepublik Deutschland hinsichtlich aller weiteren Grundbedürfnisse jenseits von Arbeit und Unterkunft sollte ein Nachspiel für die nachfolgenden und in Deutschland geborenen Generationen bis in die Gegenwart haben.

Migration in der Endlosschleife

Mein Vater kam kurz vor dem Anwerbestopp im Jahre 1973 nach Deutschland und arbeitete fortwährend bis zu seiner Rente für die Stahlindustrie in Duisburg. 40 Jahre Schichtarbeit, kaum krankheitsbedingte Ausfälle, pünktlich, pflichtbewusst und dankbar, dass er im Ruhrgebiet Arbeit fand. In Duisburg verliebte er sich dann in eine junge Frau, die ebenfalls aus der Türkei stammte. Kurze Zeit später beschlossen sie eine Familie zu gründen und heirateten in Deutschland. Anwesend waren einige wenige Familienmitglieder, die ebenfalls Gastarbeiter:innen waren und der engste Freundeskreis, der überwiegend aus Arbeitskolleg:innen bestand. Mein Vater ging zur Arbeit, meine Mutter übte die Vollzeittätigkeit einer Hausfrau aus und wir, meine Geschwister und ich, gingen wie alle anderen Kinder zur Schule. Unser Familienleben unterschied sich in diesem Sinne nicht von dem einer traditionellen deutschen Arbeiterfamilie.

Foto vom Vater von Hakan Akçit als Arbeiter in der Stahlindustrie
Foto von Hakan Akçits Vater

Mit einem Unterschied. Im Sommer, wenn die Schulferien anbrachen, fuhren wir nicht nur in den Urlaub, wie es die Familien unserer deutschen Schulkamerad:innen taten. Die Reisevorbereitungen muteten mehr eine Generalprobe des Stückes Zurück in die Heimat an, das von der endgültigen Rückkehr in die Heimat handelte und das wir Jahr für Jahr ein weiteres Mal probten. Für unsere Eltern, wie für fast alle Migrant:innen der ersten Generation, war die Heimatfrage klar definiert: die Heimat, das war die Türkei. Deutschland hingegen war Gurbet, die Fremde. Und so sparte sich mein Vater seinen gesamten Jahresurlaub für die Sommerferien auf, um mit uns sechs Wochen am Stück in der Heimat verbringen zu können. So fuhren sie also los, die Konvois, die von allen möglichen Städten der jeweiligen Bundesländer starteten und aus Fahrzeugen bestanden, die vollgepackt mit Kindern, Geschenken und Reiseproviant die Heimreise antraten, geführt vom zuverlässigsten Navigationssystem dieser Jahre: den Landkarten vom ADAC, auf denen die Reiserouten detailliert eingetragen waren. Auch wir Kinder freuten uns auf dieses so ganz andere Land, in dem uns Menschen erwarteten, die wir nur einmal im Jahr trafen und die uns mit Küssen begrüßten, um uns sechs Wochen später unter Tränen zu verabschieden. Für uns Kinder bedeutete dies dann baldiger Schulanfang, während unsere Eltern die Migration nach Deutschland jedes Jahr aufs Neue erlebten.

Stimmen aus der Heimat

Wie umgehen mit Heimweh und dem Bedürfnis nach Information aus der Heimat? Da gab es zum einen die türkischen Tageszeitungen, die Anfang der 70er Jahre zunehmend in Deutschland erhältlich waren. Zum anderen lief die tägliche türkische Radiosendung Köln Radyosu des WDR1, die von Yüksel Pazarkaya und Kolleg:innen moderiert wurde. Diese Sendung mit Nachrichten aus der Türkei und Deutschland hatte einen sehr hohen Stellenwert in der türkischen Community und war der Höhepunkt eines jeden Abends in vielen türkischen Familien. Ich erinnere mich noch sehr genau, dass absolute Stille herrschen musste, wenn Köln Radyosu lief. Selbst wenn wir bei anderen Familien zu Besuch waren, lief die Sendung, und gespannt lauschten die Erwachsenen den Nachrichten. Erst mit der musikalischen Unterbrechung zwischen zwei Nachrichtenblöcken wurde das Gespräch fortgesetzt. Und wenn es gar nicht mehr ging, weil die Kinder nörgelten und zum Spielplatz oder in den Park wollten, kam es oft vor, dass die Väter ein portables Transistorradio zückten und ihr Ohr den Nachrichten liehen, während ihre Augen auf den spielenden Kindern ruhten.

In den 80er Jahren brachte eine neue technologische Errungenschaft dann eine weitere Möglichkeit, sich ein Stück Heimat ins Wohnzimmer zu holen. Die Unterhaltungselektronik lieferte die Tools in Form von Videorecordern und die türkischen Videotheken, die Mitte der 80er Jahre wie Pilze aus dem Boden schossen, lieferten die Filme. Schon bald legte sich jeder Haushalt einen Betamax oder VHS Videorecorder zu und die Eltern liehen sich die neusten türkischen Filme aus, wobei es regelrechte Wartelisten für besonders begehrte Filme gab. Die freien Tage zwischen den Schichten des Vaters überbrückten wir dann sehr oft bei einer Tasse Tee und Börek gemütlich zusammensitzend, während wir zusahen, wie Cüneyt Arkın ein weiteres Mal die Welt rettete oder Kemal Sunal mit seinen sozialkritischen Komödien uns vor Lachen die Tränen in die Augen trieb.

Stationen der Identitätsfindung

Obwohl in Deutschland geboren und im eigentlichen Sinne nie irgendwohin migriert, fiel es schon damals großen Teilen der deutschen Bevölkerung schwer, die zweite Generation der Migranten als Teil der Gesellschaft zu akzeptieren. Je nachdem, auf wen man traf und welche politische Gesinnung die Person vertrat, waren wir Kanaken, Ausländer:innen, Gastarbeiterkinder, später auch Deutschtürk:innen oder Deutsche mit Migrationshintergrund. Und selbst da waren wir nur mit einem Querverweis auf eine obskure Migrationsgeschichte Teil der Mehrheitsgesellschaft. Ganz gleich, wie gut wir Deutsch sprachen, für die Mehrheitsgesellschaft galten wir ab unserer Geburt als Fremde, denn unsere Eltern waren Fremde, sogenannte Gastarbeiter, und was sonst hätten die Kinder von Gastarbeitern sein können, wenn nicht Gastarbeiterkinder.

Altes Familienfoto, zu sehen ist eine Mutter mit zwei kleinen Kindern vor einem gedeckten Tisch und einem Geburtstagskuchen mit Kerzen darauf.
Familienfoto von Hakan Akçit

Die Ausgrenzung fand bereits im Sprachgebrauch statt: wir waren die Anderen, die Minderheit, die eigentlich nicht dazu gehörte, weil wir von der Norm abwichen. Wir waren die Kinder, die sehr früh erwachsen werden mussten und Verantwortung für die eigenen Eltern übernahmen, da diese aufgrund der mangelnden Sprachkenntnisse oft Probleme bei Behördengängen und Arztbesuchen hatten. Nicht selten mussten wir als Kinder und Jugendliche erleben, wie unsere Eltern ins Lächerliche gezogen wurden, weil man sich über den fehlerhaften Sprachgebrauch lustig machte, sei es an der Supermarktkasse, bei der Anmeldung in der Arztpraxis oder bei der Ausländerbehörde, wo wir schon als Kinder spürten, dass die Beamt:innen, die uns gegenübersaßen, über Schicksale entscheiden konnten. Als Minderjährige und im jugendlichen Alter mussten wir uns mit Begriffen, wie befristete/unbefristete Aufenthaltserlaubnis oder Aufenthaltsberechtigung befassen. Wir waren die Kinder, die bei den Empfehlungen für weiterführende Schulen oft übergangen wurden, da man uns das Gymnasium nicht zutraute oder gar zutrauen wollte. Als nichtdeutsche Schüler:innen benötigten wir eine Arbeitserlaubnis, wenn wir uns in den Ferien etwas Taschengeld verdienen wollten. Diese mussten wir dann fortwährend mit uns führen und bei Bewerbungen vorzeigen.

Wir mussten sehr früh mit Hass umgehen und waren überfordert, wenn wildfremde deutsche Erwachsene uns Kümmeltürken nannten. Wir wussten nicht, was der angetrunkene Mann meinte, als er uns beim Aussteigen aus der Straßenbahn zurief, dass wir damals vergast worden wären. Auch mein Vater konnte mir nicht sagen, was der Mann mit vergast meinte. Wir waren die Kinder, deren Spielkamerad:innen wenige Jahre später in Mölln und Solingen verbrannten, während die Polizei verstärkt in unserem Stadtteil in Duisburg auftrat und uns gefühlt einmal die Woche nach unseren Personalien befragte. Als junge Erwachsene wurden unsere Bewerbungen bei der Arbeitssuche an das untere Ende des Stapels gelegt, und bei jeder Wohnungssuche spürten wir alleine schon nach der Nennung unseres Namens den Wohnungsmangel in Deutschland, da gab es ihn noch gar nicht in dem Ausmaß wie heute. Der Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter ist ein nötiger und wichtiger Prozess in der Identitätsfindung des Menschen. Im Schatten von Diskriminierung und Rassismus jedoch ist dieser Prozess um ein vielfaches beschwerlicher und jede Station unsere Identitätsfindung hinterlässt tiefsitzende Wunden.

„Sie lassen uns nicht ankommen“

Jeder Mensch mit einem Migrationshintergrund in Deutschland kennt folgende Situation, der ich irgendwann einmal unbeabsichtigt in einem Supermarkt beiwohnte. Ein älterer deutscher Mann, Mitte 70, wirkte ein wenig verloren in der Reis- und Nudelabteilung, weil er seine Spätzle nicht fand. Ein jüngerer Mann, Anfang 30 und mit dunklen Haaren, sprach ihn an und begab sich mit ihm auf die Suche nach einer Packung Spätzle, die dann auch erfolgreich endete. Es entwickelte sich folgendes Gespräch, dessen Zeuge ich wurde:

„Wo kommen Sie eigentlich ursprünglich her?“, fragte der alte Mann den Jüngeren. „Ich bin gebürtiger Duisburger“, antwortete dieser. „Ach was! Sie sehen nicht aus, wie ein Duisburger.“ Nun hakte der junge Mann nach. „Wie sieht denn ein Duisburger aus?“. „Naja, nicht wie Sie! Sie sehen eher arabisch oder türkisch aus!“, war die Antwort. „Wenn, dann eher persisch. Meine Eltern stammen ursprünglich aus dem Iran.“, erwiderte der jüngere von beiden. „Sag ich doch! Also kein Duisburger!“, beendete der alte Mann das Gespräch und schob seinen Einkaufswagen weiter, ohne sich für die Packung Spätzle zu bedanken. Der junge Mann bemerkte, dass ich Zeuge des Gespräches wurde und offensichtlich betroffen von der Reaktion des alten Mannes kam er auf mich zu. „Sie lassen uns einfach nicht ankommen. Ganz gleich, ob man in Deutschland geboren ist und Medizin studiert oder aus Goethes Faust zitiert, wir bleiben immer Fremde!“. „Ich weiß“, antwortete ich.

Wendepunkt Wiedervereinigung

Als am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel und sich Menschen, die ihre Familien und Freund:innen seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatten, in den Armen lagen und vor Freude weinten, ließ das niemanden unberührt. Was die Trennung von Familie und Freund:innen bedeutete, wusste keiner besser, als die Migrant:innen. Und daher freuten wir uns mit allen Deutschen und dem gesamten Land, obwohl ich das Gefühl hatte, als wäre ich nicht wirklich zu dieser Party eingeladen und sei nur Zaungast eines historischen Ereignisses, der auch im wiedervereinigten Deutschland weiterhin ein Fremder sein würde. Neu war auch ein in Deutschland nie in dieser Form erlebter Nationalstolz, der plötzlich zum Vorschein kam und spätestens mit dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft im Sommer 1990, wenige Monate vor der offiziellen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990, wie eine Welle im ganzen Land überschwappte. Wirtschaftsmacht, Weltmeister und wiedervereint! Man war wieder wer auf dieser Welt. Aus irgendeinem Grund jedoch hatte ich ein mulmiges Gefühl im Magen und meine innere Stimme sollte mich nicht täuschen.

Als dann am 17. September 1991 in Hoyerswerda die ersten Molotow-Cocktails in Flüchtlingsheime geworfen wurden und im Folgejahr, am 22. August 1992, ein rassistischer Mob in Lichtenhagen vietnamesische Vertragsarbeiter:innen angriff, sollte dies meine Befürchtungen bestätigen. Spätestens mit den Brandanschlägen von Mölln im November 1992 und Solingen im Mai 1993 wurde klar, dass die Zunahme von rechtsextremistischen Anschlägen nach der Wiedervereinigung nicht nur ein ostdeutsches, sondern ein gesamtdeutsches Problem war.

Das Trauma von Mölln und Solingen

Wenige Tage nach den Anschlägen nahm ich an den Demonstrationen in Solingen teil. Die Stimmung in der Stadt war bedrückend, die Menschen teils geschockt teils wütend, die einen wegen der ermordeten Frauen und Kinder, die anderen, weil in der Nacht zuvor einige Demonstranten Blumenkästen umgeworfen hatten. Als ich vor dem Haus auf der Unteren Wernerstr. 81 stand und das erste Mal in meinem Leben ein abgebranntes Haus sah, brannte sich das Bild des Hauses mit den Brandspuren an der Außenfassade und dem verkohlten Gebälk des Daches tief in mein, in unser aller Gedächtnis ein und wurde zu unserem Trauma. Die Lyrikerin Safiye Can schildert dieses Trauma in ihrem Gedicht Solingen, 1993 sehr treffend in wenigen Zeilen, wenn sie schreibt:

Wann immer ich Solingen höre
brennt ein Haus vor meinen Augen.2 

Schild mit der Aufschrift auf Türkisch: Kurumsal ve toplumsal irkciliga karsi!
"Gegen institutionellen und gesellschaftlichen Rassismus!", Demo in Solingen 2013

Die Brandanschläge von Mölln und Solingen waren nicht nur rassistisch motivierte Mordanschläge, denen insgesamt acht Frauen und Kinder im Schlaf zum Opfer fielen und die mehrere Menschen schwer verletzten. Sie waren auch nicht die ersten Mordanschläge gegen Migrant:innen in Deutschland, aber sie wurden zum Trauma einer gesamten Generation. Denn mit den Kindersärgen, die in die Türkei geflogen wurden, um in den Heimatdörfern der Eltern bestattet zu werden, wurde auch das Vertrauen der Menschen aus der Türkei in die deutsche Mehrheitsgesellschaft begraben. Wir fühlten uns nicht mehr geschützt und willkommen. Dieses Gefühl sollte uns noch lange begleiten und die Angst uns auch in der Zukunft wach halten gegen die latente Gefahr von Rechtsterrorismus. Das tat sie auch. Als wir nach den ersten Opfern des NSU von Rechtsterrorismus sprachen, veröffentlichte am 31. August 2005 die Nürnberger Zeitung einen Artikel mit dem Titel „Döner-Mord – nun wird bei Banken gefahndet“. Die Entmenschlichung der Opfer des NSU wurde von weiteren namenhaften Vertretern der Presselandschaft übernommen und verbreitet. Die Hauptverantwortung aber trugen Politiker:innen einiger Parteien, die in den Jahren zuvor aus wahltaktischen Gründen die Ressentiments forcierten.

„Migration ist die Mutter aller Probleme“

Wer glaubte, dass die deutsche Politik und Medienlandschaft ihr Lehren aus den Versäumnissen der Vergangenheit gezogen hatten, sah sich eines Besseren belehrt. In den Jahren 1998/99 initiierte die CDU/CSU eine Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, die bei den Landtagswahlen in Hessen zum Wahlsieg von Roland Koch führte. Ein Jahr später ging der CDU-Politiker Jürgen Rüttgers mit dem Slogan Kinder statt Inder für die Landtagswahlen in NRW in den Wahlkampf und forderte darüber hinaus die Abschaffung des muttersprachlichen Unterrichts an den Schulen. Und während ganz Deutschland darüber diskutierte, ob der Slogan Kinder statt Inder rassistisch sei, wurde im September des gleichen Jahres Enver Şimşek an seinem Blumenstand in Nürnberg ermordet und war somit das erste Opfer des rechtsterroristischen NSU. Polizei und Presse sprachen damals von sogenannten Döner-Morden und entmenschlichten die Opfer, indem sie sie aufgrund ihrer Herkunft auf ein Imbissgericht reduzierten. Ab 2004 dominierte das Thema multikulturelle Gesellschaft die politische Debatte und Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte auf dem CSU-Parteitag, dass die multikulturelle Gesellschaft grandios gescheitert sei. Wenige Monate zuvor hatte Altkanzler Helmut Schmidt die multikulturelle Gesellschaft als eine Illusion von Intellektuellen bezeichnet. Anfang 2004 wurde Mehmet Turgut in seinem Rostocker Imbiss vom NSU mit drei Kopfschüssen hingerichtet. Im Jahre 2010 verbreitete der ehemalige Berliner Finanzsenator und Sozialdemokrat Thilo Sarrazin in seinem Buch u.a. die rassistische These, dass bei einer höheren Fruchtbarkeit der weniger intelligenten Bevölkerungsgruppen, wie z.B. aus der Türkei oder der arabischen Welt, die durchschnittliche Intelligenz der Grundgesamtheit, also der deutschen Bevölkerung, sinke. Dieses Buch führte sechs Monate die Spiegel-Bestsellerliste an. Und immer, wenn Wahlen bevorstanden, wurde sich der alten Drohszenarien bedient: entweder waren die vielen Parallelgesellschaften der kulturelle Tod Deutschlands und falls nicht, würde der EU-Beitritt der Türkei das erledigen. Im Wahljahr 2017 fand die Diskussion über die deutsche Leitkultur wieder ihren Weg in die deutsche Innenpolitik und endete mit dem Einzug der rechtsextremen Partei AfD in den deutschen Bundestag. Für Bundesinnenminister Seehofer hingegen war die Migration weiterhin die Mutter aller Probleme.

Die Mutter aller Probleme. Das also ist die Migration. Mit der ersten Generation der sogenannten Gastarbeiter:innen also begannen sie, die Probleme in Deutschland. Mit den Migranten:innen unter Tage, vor den Hochöfen oder an den Fließbändern also nahm alles seinen Lauf. Nicht der strukturelle Rassismus in der Gesellschaft war demnach das Problem, der sein hässliches Gesicht selbst bei Institutionen wie den Sicherheitsbehörden zeigte – zu nennen wären da die aufgeflogenen Chatgruppen von Polizeibeamt:innen oder des Kommandos Spezialkräfte der Bundeswehr. Nicht die fragwürdige Rolle des Verfassungsschutzes im Zusammenhang mit dem NSU oder die vielen Akten, die so lange unter Verschluss gehalten werden sollen, dass meine Generation, aus der nebenbei erwähnt fast alle Opfer des NSU stammen, nie eine vollständige Aufklärung erleben wird.

60 Jahre Anwerbeabkommen – eine Erfolgsgeschichte?

Wenn ich anlässlich des sich in diesem Jahr jährenden Anwerbeabkommens zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei resümieren müsste, ob die 60 Jahre der Migration aus der Türkei nach Deutschland den Handlungsstrang für eine Erfolgsgeschichte liefern, so würde mir das aktuell schwerfallen, da die Mehrheitsgesellschaft kaum die Bereitschaft aufbringt, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Wir waren es, die in Mölln und Solingen brannten. Wir wurden vom NSU hingerichtet. Und in Hanau mussten wir mit ansehen, wie unsere jüngeren Brüder und Schwestern der dritten Generation dem gleichen Hass zum Opfer fielen, wie wir Jahrzehnte zuvor. Die Jahre vergehen, aber der Hass bleibt bestehen. Kann man da noch von einer Erfolgsgeschichte sprechen und optimistisch in die Zukunft blicken?

Vielleicht hätte ich damals meinen Vater fragen sollen, ob er sich als Protagonist einer Erfolgsgeschichte sah, als ich ihn wenige Monate nach den Brandanschlägen von Mölln und Solingen an einem Wintermorgen um 5 Uhr morgens vor der Haustür antraf und sah, wie er das Eis von der Windschutzscheibe seines Autos abkratzte, um pünktlich zur Arbeit zu fahren. Vielleicht aber hätte ich ihn auch einfach nur umarmen und ihm dafür danken sollen, dass er und alle Migrant:innen der ersten Generation allen Widrigkeiten zum Trotz niemals aufgegeben haben, um den nachfolgenden Generationen eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Danken dafür, dass sie Heimweh, ein Leben in der Fremde und Diskriminierungen ertrugen und sich nur auf die positiven Seiten ihres Lebens in Deutschland konzentrierten. Ohne den Mut und die Geduld der hart arbeitenden Frauen und Männer der ersten Generation, wären wir, die nachfolgenden Generationen, nicht die, die wir heute sind. Zumindest in dieser Hinsicht können wir von einer Erfolgsgeschichte sprechen.

Nun müssen wir nur noch die Diskriminierung von Minderheiten und den institutionellen Rassismus bekämpfen. Und dafür ist es zunächst einmal notwendig, dass sowohl die Vertreter:innen der Medien als auch Politiker:innen demokratischer Parteien begreifen, wie viel Schaden die falsche Wortwahl verursachen kann. Man mag dadurch Wahlen gewinnen, aber verliert im Gegenzug das Vertrauen von Generationen. Im schlimmsten Fall begünstigt das gesellschaftliche Klima, das durch falsche Schlagzeilen oder auf Wahlerfolge abzielende populistische Debatten erzeugt wurde, Gewalttaten und Mordanschläge, weil potentielle Täter:innen sich in ihren rassistischen Ansichten bestärkt fühlen. Ein weiterer Schritt wäre dann, mehr Diversität in allen Bereichen unserer Gesellschaft zuzulassen, insbesondere bei den Sicherheitsbehörden, den Medien, in den Lehrerzimmern und den politischen Parteien. Ein Blick in den Bundestag und in die aktuellen Parteivorstände aller Parteien genügt, um zu sehen, dass diese leider nicht den Querschnitt der Gesellschaft repräsentieren. Es liegt also noch viel Arbeit vor uns. Erst, wenn wir das hinkriegen, klappt es vielleicht auch mit der Erfolgsgeschichte bei der nächsten Jubiläumsfeier des Anwerbeabkommens zwischen der Türkei und der Bundesrepublik Deutschland.

Hakan Akçit

Hakan Akçit, geboren in Duisburg, studierte Geschichte und Islamwissenschaften in Münster und im Zweitstudium Angewandte Informatik in Duisburg. Er ist Mitglied der „Vereinigung türkischsprachiger Schriftsteller Europas“ und im „Verband deutscher Schriftsteller“ (VS). Arbeitsschwerpunkte: Roman, Kurzgeschichte, politische Essays und literarische Übersetzungen aus und in die Sprachen: Deutsch, Türkisch, Englisch. Gemeinsam mit Safiye Can kuratiert er den Zwischenraum für Kunst auf Heimatkunde.

 


Referenzen

1 Erstmals am 2. November 1964 ausgestrahlt. Sendezeit Mo-Sa von 18-19 Uhr

2 Safiye Can: Kinder der verlorenen Gesellschaft, Wallstein Verlag, 2017