Wie ein Kind eine ganze Kita veränderte

Wie ein Kind eine ganze Kita veränderte

Gebärdensprache im Kita-Alltag

In der Kita „Paul und Anna“ herrscht reges Treiben an diesem Dienstag Morgen. Viele Kinder sind jetzt, um kurz vor neun, schon da und spielen. Andere kommen gerade an, begleitet von ihren Eltern. „Weißt Du, von wem diese Blumen sind?“, fragt mich ein Mädchen beim Eintreten und weist auf eine orangene Orchidee. „Nein, von wem?“, entgegne ich. „Von mir, und sie sind orange, weil dies das orange Zimmer ist.“ Ich sehe mich um. Die Wände sind in einem warmen Orange gestrichen, über der Spielecke hängt ein durchsichtiger Stoff in der gleichen Farbe. Es ist gemütlich hier, in diesem Zimmer einer Altbauvilla in Berlin-Friedenau. Bücher und Spielzeug auf den Tischen und in den Regalen, Kinderzeichnungen und Basteleien schmücken den Raum. Eine Kita wie viele andere in der Stadt auch. Aber etwas ist anders.

Meine Blicke bleiben an den Kinderfotos auf der Tür hängen. Neben jedem Porträt sind mehrere Fotos von Händen - sie buchstabieren mit Gebärden den Namen des Kindes. An der Wand daneben erblicke ich große rechteckige Farbtafeln – in der Mitte jeweils mit einem Foto, auf dem ein Erwachsener zeigt, wie man diese Farbe gebärdert. Orange ist natürlich auch dabei.


„Orange“ - Bild Elisabeth Gregull Lizenz: CC by NC-ND

Der etwas andere Morgenkreis

„Holt mal bitte eure Stühle“, mit diesem Satz läutet die Erzieherin Monika Stütz-Eichner den Morgenkreis ein und schließt die Tür. Die Kinder ziehen und tragen Stühle umher, ein kurzer Tumult, aber dann sitzen wir alle im Kreis. Als Monika Stütz-Eichner zu reden beginnt, habe ich das Gefühl, es wird noch leiser als sonst, wenn jemand spricht. Das liegt wohl daran, dass alle nicht nur auf die Worte, sondern auch auf die Gebärden achten, mit denen sie ihre Worte begleitet. Zunächst sucht sie ein Kind für die allmorgendliche Aufgabe, die Anwesenheit der Kinder zu überprüfen. Leila meldet sich und übernimmt die Aufgabe. Sie fragt nun nacheinander in die Runde, wer da ist. Alle Blicke sind auf sie und ihre Hände gerichtet. Nach wem wird jetzt gefragt?


Morgenkreis – Bild Elisabeth Gregull Lizenz: CC by NC-ND

Leila gebärdet den Anfangs-Buchstaben des Kindernamens und dann noch den sogenannten Gebärdennamen. Der Gebärdenname zeigt einen charakteristischen Zug der Person oder etwas, was er oder sie gern mag. Zum Beispiel Sebastian: sein Gebärdenname ist „Singen“, einfach weil er gern singt. Den Gebärdennamen suchen die Kinder gemeinsam mit den Erzieher_innen aus. Immer, wenn ein Kind sich meldet, trägt Monika Stütz-Eichner den Namen in die Liste ein und weiter geht’s.

Ich versuche, aus den Gebärden etwas zu erkennen, aber es gelingt mir nicht. Die Kinder aber übersetzen die Gebärden. Auch auf die Fragen von Monika Stütz-Eichner hin antworten manche mit Gebärden. Eine Kollegin ist heute nicht da, erzählt die Erzieherin, sie ist auf Fortbildung. „Michael ist krank, er ist für heute entschuldigt“, fährt sie fort. Auch ich werde vorgestellt. Und so entsteht ein Gespräch über das, was alle hier betrifft – Lautsprache begleitet mit Gebärden. Wie kam es dazu, dass das in dieser Kita heute normal ist?

Ein Kind, das Veränderungen brachte

„1995 kam das erste hörgeschädigte Kind in die Kita“, erzählt Monika Stütz-Eichner. „Zuerst kopierte uns damals die Logopädin Gebärden. Und nach und nach hielt die Gebärdensprache dann im ganzen Haus Einzug.“ So lapidar klingt die Erklärung für ein nicht ganz alltägliches Kita-Konzept. Inzwischen beherrschen alle Erzieher_innen die Lautsprache begleitende Gebärdensprache und bilden sich regelmäßig fort, sogar die Köchin. Kinder mit Hörschädigungen können sich also an fast alle Erwachsenen wenden und mit ihnen kommunizieren. Der Berliner Senat empfiehlt die Kita in seiner Broschüre „Bildung für Berlin - Informationen und Beratungsangebote für Eltern hörgeschädigter Kinder“.

 


Drei beim Spiel – Bild Elisabeth Gregull Lizenz: CC by NC-ND

Nach dem Morgenkreis zerstreuen sich die K inder, suchen sich etwas zum Spielen. Samir macht sich ans Bauen mit einem Holz-Werkkasten. Konzentriert nimmt er Teile heraus, hämmert hier etwas und drückt dort herum. Samir ist hörgeschädigt, er verständigt sich hauptsächlich über die Gebärdensprache. Bald gesellt sich ein anderer Gast der Kita zu ihm: Melody Thomas. Sie ist zur Zeit Praktikantin in der Kita. Melody Thomas hat ebenfalls eine Hörschädigung und absolviert eine dreijährige Ausbildung zur Erzieherin an der Gehörlosenfachschule in norddeutschen Rendsburg. Dort können Gehörlose soziale Berufe wie Altenpfleger_in oder Erzieher_in lernen. Als dritter kommt bald noch Timm hinzu, der ein Cochlea-Implantat trägt und gerade große Fortschritte in der Lautsprache macht. Auch er beschäftigt sich intensiv mit einem Holzspielzeug.

Kommunikative Barrieren überwinden

Ich schaue den dreien zu, wie sie am Tisch sitzen, sehe, wie Melody Thomas mit den Kindern gebärdet und spricht und dass sie offensichtlich Spaß dabei haben. Leider kann ich mich nicht mit unterhalten. Auch Samir, der mir eine Frage stellt, kann ich nicht antworten. Ein ungewohntes und unangenehmes Gefühl, etwas sagen zu wollen und es nicht zu können. Spontane Fragen, die ich Melody Thomas stellen möchte, sammeln sich in meinem Kopf. Zum Glück kann ich später Monika Stütz-Eichner bitten, für mich zu übersetzen: meine Fragen und die Antworten von Melody Thomas.

„Ich habe bereits gearbeitet und zwar als Mediengestalterin. Aber nur am Computer zu sitzen, war mir zu langweilig. Ich wollte mit Menschen arbeiten“, erfahre ich. Was sie am Beruf der Erzieherin mag, möchte ich von ihr wissen. „Vor allem das Fördern der Kinder“, übersetzt mir Monika Stütz-Eichner, während Melody Thomas mich mit ihren lebensfrohen Augen anstrahlt. Und das glaubt man ihr aufs Wort, wenn man sie in der Gruppe agieren sieht. In Freiburg, wo Melody Thomas groß geworden ist, hatte sie in der Kita oder Schule keine Bezugspersonen, die der Gebärdensprache mächtig waren.


Mit Menschen arbeiten – Bild Elisabeth Gregull Lizenz: CC by NC-ND

Das ist für die drei hörgeschädigten Kinder in der Kita „Paul und Anna“ zum Glück anders. Monika Stütz-Eichner meint, dass alle Kinder hier von der Gebärdensprache profitieren. “Denn man gewöhnt sich an, deutlich und langsam und sehr genau zu sprechen. Außerdem ist man immer im Blickkontakt und die Körpersprache belebt die Kommunikation.“ Rita, ein Mädchen mit Down-Syndrom, ist schüchtern. Sie redet zwar gut, zuhause und in der Kleingruppe. Aber in größerer Runde verstummt sie schon mal. Da bietet ihr die Gebärdensprache eine Möglichkeit, leise zu sagen, was sie will – ob zum Beispiel Saft oder Wasser.

Eine besondere integrative Kompetenz
"Die Kinder ohne Behinderung kommen oft aus der Nachbarschaft, die Kinder mit Behinderungen kommen auch aus anderen Berliner Stadtteilen, weil sie das Konzept und die besondere Förderung schätzen“, berichtet mir Monika Stütz-Eichner. Die evangelische Kita hat 65 Plätze, ist offen für alle Kinder unabhängig von Religion oder Herkunft und versteht sich als Integrationseinrichtung. Nicht nur hörgeschädigte Kinder finden den Weg hierher, auch Kinder mit anderen Behinderungen. Es gibt mehrere Facherzieher_innen für Integration und die Kita arbeitet eng mit dem Sozialpädiatrischen Zentrum Wilmersdorf und den Therapeut_innen der Kinder zusammen.


„Massage“ erklären – Bild Elisabeth Gregull Lizenz: CC by NC-ND

Bereits zwei hörgeschädigte Erzieherinnen haben in der Kita gearbeitet, eine hat gerade ein Kind bekommen. Auch für die Offenheit, hörgeschädigte Menschen in ihrer Ausbildung zur Erzieher_in zu unterstützen, baut die Kita auf die besondere Kompetenz des Teams – denn ohne Gebärdensprache könnten sich die Kolleginnen ja nicht verständigen. Und bald werden auch zwei hörgeschädigte Eltern Kinder in die Einrichtung bringen – sie werden auf Erzieher_innen treffen, die mit ihnen kommunizieren können.

Inzwischen sind noch andere Kinder zu Samir, Timm und Melody Thomas gestoßen, Kinder ohne Hörschädigungen, die sich ganz selbstverständlich dazugesellen. Dann aber heißt es, sich vom Holzspielzeug zu trennen, denn jetzt steht etwas Anderes auf dem Programm: Massagen.


Gemeinsames Spiel – Bild Elisabeth Gregull Lizenz: CC by NC-ND

Ein leiser Dialog

Es wird wieder etwas lauter, bis der Stuhlkreis steht und Monika Stütz-Eichner das Thema aufgreift, was heute früh schon auf der Tagesordnung stand: Am kommenden Sonntag ist Muttertag. Vor allem die Vorschulkinder in der Gruppe mögen Massagen und so entstand die Idee, dass jedes Kind, wenn es möchte, seiner Mutter einen Gutschein über eine kleine Massage schenken kann. Um das mit der Massage noch mal genauer zu zeigen, massieren sich Kinder und Erzieherinnen reihum Rücken und Schultern. Den meisten Kindern gefällt das, so dass die Stimmung immer lockerer wird.


Massage reihum – Bild Elisabeth Gregull Lizenz: CC by NC-ND

Dann geht es nach nebenan in den Kreativraum. Rund um einen großen Tisch sitzen die Kinder und fangen an zu basteln, was später Gutscheine über Massagen in unterschiedlichsten Farben werden. Samir bewegt sich souverän in der Runde. Als er eine besondere Farbe haben möchte, geht er zu Lea und gibt ihr durch Gebärden zu verstehen, was er möchte. Sie gibt ihm das Glas, schaut ihm in die Augen und gebärdet dann etwas, was ich wieder nicht verstehe. Aber es ist, als ließen mich ihre Gebärden und seine Reaktion einen stillen Dialog hören. Ich sehe, wie Samir zufrieden an seinen Platz zurückkehrt und sein Werk nach seinen Vorstellungen fertigstellt. Die Farbe hätte sich Samir vielleicht auch ohne Gebärdensprache organisieren können. Aber der leise Dialog, der ihn und Lea in diesem Augenblick verbunden hat, wurde nur möglich, weil Gebärdensprache in der Kita „Paul und Anna“ zum Alltag gehört.


Basteln – Bild Elisabeth Gregull Lizenz: CC by NC-ND

Alle Kinder-Namen wurden von der Redaktion geändert

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