Mutter, wie weit ist Vietnam?

Mutter, wie weit ist Vietnam?

Titelbild eines Beitrags über kriegsnotleidende vietnamesische Kinder in der Neuen Berliner Illustrierten (NBI). Foto: Barbara Meffert (1966)Titelbild eines Beitrags über kriegsnotleidende vietnamesische Kinder in der Neuen Berliner Illustrierten (NBI). Urheber: Barbara Meffert (1966). All rights reserved.

von Angelika Nguyen

 

Das ist der Titel eines Gedichts, das jahrelang im Lesebuch der DDR-Schulen stand, und ich hasste es. Geschrieben hatte es Fritz Räbiger, ein Schlagertexter. Der Gegensatz zwischen der vorgeführten Modellsituation und meiner eigenen Lage war nur eine Ursache des Schmerzes, den dieser Text mir bereitete. Das Gedicht, in dem ein DDR-Kind seine Mutter nach dem exotischen Kriegsland Vietnam fragt und die Solidaritäts-Botschaft schlicht herleitet (“Mutter, du weinst - so nah ist Vietnam?”), spielte mit meinen Gefühlen Fußball. Denn mein Vater war wirklich im Vietnamkrieg.

Die Frage nach der Entfernung von Vietnam brauchte ich zu Hause nicht zu stellen, denn gerade diese machte uns das Leben schwer. Und wenn jemand etwas zu weinen hatte, dann nicht jene erdachte Gedichtfigur, sondern meine Mutter und ich in Ostberlin und mein Vater in Hanoi.

Es war ein bestelltes Gedicht. Der Protest gegen den Vietnamkrieg war in den politischen Blöcken unterschiedlich verankert. Im Westen kam der Protest von unten, im Osten von oben. Dort war er Teil der Staatspolitik gegen den Westen und Teil der Solidarität mit einem verbündeten Land und wurde offiziell gelenkt. Das hieß, dass es in der DDR keine gelebte Protestkultur gegen den Vietnamkrieg gab und zu wenig selbst erworbene, schon gar nicht durchlittene Identifikation in der Bevölkerung. Das Resultat war eine Distanz zu allem, was von oben kam, also auch zur Internationalität, die ohnehin nur eine Behauptung war. Das ideologische, wirtschaftliche und geistige Binnengebilde DDR vollzog seine territoriale Abschottung endgültig mit dem Mauerbau 1961.

Wann fing alles an? 1956, als meine Eltern sich in Hanoi kennen lernten? 1957, als meine Mutter strafweise in die DDR zurückgeschickt wurde? In meinem Geburtsjahr 1961? 1967, als mein Vater in den Vietnamkrieg ziehen musste? Oder 1968, als meine Mitschülerinnen und Mitschüler mich an meinem ersten Schultag in die Ecke drängten und in seltsamer Einigkeit als “Chinesin” auslachten?

Was machen mit der täglichen schwitzenden Angst der langen Schuljahre? Angst vor einem falschen Wort, einem falschen Blick im Klassenraum, weil ich wusste, wann es wieder bei mir enden würde: mit dem Feixen der anderen, den Bemerkungen, den Beleidigungen. Ganz falsch konnte auch eine Solidaritätsveranstaltung mit Vietnam in der Aula sein, und von denen gab es in meiner Schulzeit viele.

Während mein Vater in Hanoi stationiert war, kämpfte ich im befreundeten Bruderland an zwei Fronten: gegen die Kinder, die mich quälten, und gegen die Plakate, Parolen und Lieder, die ein Mitgefühl bezeugten, dem ich in meinem Alltag selten begegnet war.

Zwischendurch war ich immer auch ein ganz normales Mitglied meiner Klasse, ein DDR-Kind. Pogrome können durchaus nur Minuten dauern. Dann wird weiter gemacht, mit dem Spielen oder mit dem Unterricht.

In Blankenburg im Harz rief man mich “Chinesenbaby”, “Mischling” in Berlin, bei jedem Ostseeurlaub gab es zum Essen im FDGB-Heim die starrenden Gruppenblicke von DDR-Kleinfamilien als Beilage, in einer Dresdner Straßenbahn die Konfrontation mit einem pöbelnden alten Mann, auf dem Schulhof ein paar Prügeleien und 1970 eine kleine Menschenjagd entlang der Linie 63 in Alt-Hohenschönhausen.

Fehlende Normalität im Umgang mit Fremdem und eine Art, es kollektiv zu bestaunen, ist als DDR-Eigenart manchmal heute noch spürbar. Es war Teil einer Mentalität, mit der hinter der territorialen Abriegelung traditionelles deutsches Misstrauen auf ganz eigene Weise gepflegt und an die Kinder weiter gegeben wurde.

Beim Klassentreffen 2003 plauderte ich freundlich mit Bernd K. und Karin T., als wäre nie etwas gewesen. War ja auch nicht. Jedenfalls nicht für sie. Nur ich erinnerte mich noch einmal daran: als Karin mitten im Versteckspiel sagt, sie würde mit solchen wie mir nicht spielen wollen und als Bernd sich unvermittelt im Erdkundeunterricht über Asien zu mir umdreht, mich angrinst und seine Augen zu Schlitzen verzieht.

Es gab jedoch auch Beistand. Von Frau Fichte, meiner Sportlehrerin, die eine Pöbelei gut heraus hörte und deren Rüge argumentativ bis zu den Gaskammern der Nazis reichte, von fassungslosen Freunden und von meiner Mutter, die dann immer wie eine Löwin war. Aber auch das grenzte mich ja aus.

Ein Kind will vor allem so sein wie alle anderen. Es sucht seinen Schutz in der Gruppe. Den habe ich nicht bekommen. Täglich wurde ich daran erinnert, dass ich anders war. Ich konnte nicht mal so tun als ob. In meine Klasse ging ein Mädchen, das hatte Grübchen in den Wangen, eine fein ziselierte Nase, mittelblondes Haar und blau-graue Augen. Sie hieß Beate Lehmann und war sehr nett. So wollte ich auch sein. Ich wollte helle Haare und helle Augen haben, eine schmale Nase und Beate Lehmann heißen. Niemand stockte bei der Verlesung ihres Namens, niemand fragte sie, woher sie kam, niemand schubste sie auf dem Schulhof oder starrte sie an, niemand feixte ihr ins Gesicht. Beate Lehmann war der reinste Himmel. Sie wusste nichts von meinen Qualen und noch weniger von meinem innigen Wunsch, mich in sie verwandeln zu können.

Es gibt Fragen, die kann man nicht googeln. Dann sitze ich statt vor dem Internet in einem Berg von Schnellheftern mit alten Briefen, Zeitungsausschnitten, Sterbeurkunden, Anträgen auf Familienzusammenführung, einer Einreiseerlaubnis in die DDR, Telegrammen, Arbeitsverträgen, Mahnungen für die Zahlung von Kinderheimkosten, Kontoauszügen, Postkarten und einem Taschenkalender von 1956.

1956 hatte Vietnam eine kurze Atempause zwischen zwei Kriegen. Meine Mutter war als DDR-Dolmetscherin für neun Monate dienstlich in Vietnam und verliebte sich beim Aufbau eines Hanoier Krankenhauses in einen vietnamesischen Arzt. Inmitten der praktischen Solidarität zwischen zwei sozialistischen Bruderländern kamen zwei sich näher. Das blieb zunächst geheim. Als meine Mutter jedoch schwanger wurde und sie beide Antrag auf Heirat stellten, wurde sie zwangsweise in die DDR zurückgeschickt. Erst nach einem langen Kampf mit deutschen und vietnamesischen Behörden durfte meine Mutter wieder nach Vietnam und meinen Vater heiraten. Aber kurz darauf musste sie abreisen und er immer noch bleiben. Der Gesundheitsminister von Vietnam verbot die Ausreise. Gute anderthalb Jahre nach der Hochzeit durfte mein Vater meiner Mutter in die DDR nachreisen, mit ihr und seinem Sohn zusammenleben und als Arzt arbeiten.

Auf diese Weise erlebte meine Familie das realsozialistische Dilemma zwischen Internationalität und Abschottung von Anfang an. Ich wurde ein paar Monate nach dem Mauerbau in diesen Widerspruch hineingeboren. Für meine Mutter bedeutete die Mauer außerdem, dass sie ihren Beruf nicht mehr ausüben konnte wie bisher. Ihre Dienstreisen in französischsprachige Länder waren perdu. Der Mauerbau schuf eine besondere deutsche Provinz. Eine stark ausgeprägte Unkundigkeit ihrer Bewohner in Weltdingen und Minderwertigkeitsgefühle waren die Folge. Fremdsprachenunterricht wurde entsprechend vernachlässigt. Nicht nur war Russisch verpönt, auch mit Englisch und Französisch konnte man nur wenig anfangen. Da war die höhnische Nachahmung fremder Sprachen nicht weit. Sching-Schang-Schong und hoch die internationale Solidarität. Parolen, Lieder und Gedichte können auch Sittengemälde sein. Von den Pionierliedern waren mir die, die demonstrativ mit den Kindern anderer Völker Freundschaft halten wollten, die lästigsten. Wenn dann im Chor erklang: “Ob nun seine Eltern Schwarze, Gelbe oder Weiße sind” oder “Ho, Ho, Ho Chi Minh” stand ich schwitzend dabei und mied die spöttischen Blicke der anderen.

Ich erkannte potentielle Angreifer immer gleich, brauchte gutes Einfühlungsvermögen fürs soziale Überleben. Körpersprache und Mimik sind wertvolle Vermittler. Allerdings konnte das zu Überreaktionen führen, und ich stieß auch schon mal harmlose Leute vor den Kopf. Es gab zugleich die Begeisterten, die mich gerade wegen meiner Andersartigkeit toll fanden, positive Diskriminierung nämlich, mit der umzugehen zwar ebenfalls schwierig, aber weitaus angenehmer war.

Gegen Blicke bin ich empfindlich geblieben. Noch Jahrzehnte später bin ich auf der Hut und übertrieben kampfbereit. Es ist nicht leicht, zuzugeben, dass man gewisse Verletzungen davongetragen hat. Einen Dachschaden kann man reparieren, mit meiner Empfindlichkeit aber muss ich leben. Du weißt immer erst später, was das mit dir gemacht hat.

Ich beschwere mich nicht. Ich will nur etwas klarstellen. In der DDR hat es Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gegeben, und die Pogrome, Überfälle und Morde im Osten nach dem Mauerfall haben mich keinen Augenblick lang gewundert. Weltahnungslos wirkt auch die im Osten entstandene Bezeichnung für Vietnamesinnen und Vietnamesen “Fidschis”, denn auf den Fiji-Inseln haben Vietnamesen sich nie angesiedelt. Der Klang der Verachtung in dem Wort ist gewollt, und es wird nicht nur im rechten Milieu benutzt.

Wo höre ich auf? Im November 1989, als ich mitten in der Montagsdemo in Leipzig den Paradigmenwechsel vom revolutionären “Wir sind das Volk” zum Nationalruf “Wir sind ein Volk” erlebe und mich davonstehle? 1990, als ich das erste Mal an einer Haltesstelle die Parole “Ausländer raus” lese? 1991, als ich wegen der Pogromstimmung auf den Straßen abends nicht mehr Straßenbahn fahre?

Oder 2000, als meine 12-jährige Tochter im Berliner Thälmann-Park von Jugendlichen umzingelt wird, die sie rassistisch beleidigen und ihren Haarschmuck zerbrechen? 2010, als auf einer Neonazi-Website gegen mich gehetzt wird?

Ich möchte trotzdem mit niemandem tauschen, und Beate Lehmann möchte ich schon lange nicht mehr heißen. Es kann auch von Vorteil sein, sich nicht heraushalten zu können.

Alles, was anders ist, ist mir vertraut.

 

Dieser Text ist eine leicht überarbeitete Fassung und erschien erstmalig in Karsten Krampitz, Markus Liske & Manja Präkels (Hg.): Kaltland. Eine Sammlung. Berlin: Rotbuch Verlag. Wir danken herzlich für die Genehmigung zur Wiederveröffentlichung.

 

Angelika Nguyen ist Filmwissenschaftlerin und Autorin. Ihre Filmktexte und Essays erscheinen in Zeitungen, Magazinen, Filmzeitschriften und in Internetportalen. 1991 drehte sie den Dokumentarfilm Bruderland ist abgebrannt über vietnamesische Immigration in Berlin.

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