"Früher Flowerpower und Vollbeschäftigung, heute Whitepower und Arbeitslosigkeit"- Interview mit Hatice Günay

"Früher Flowerpower und Vollbeschäftigung, heute Whitepower und Arbeitslosigkeit"- Interview mit Hatice Günay

Interview

Safiye Can und Hakan Akçit sprachen mit Hatice Günay über ihren autobiografischen Roman FRAU HATICE, ihre Kindheit in der anatolischen Provinz Sinop und ihre Erfahrungen die sie als Gastarbeiterin der ersten Generation nach ihrer Ankunft in Deutschland 1972 machte.

Potraitbild von Hatice Günay
Hatice Günay in ihrer borkumer Schneiderei — Bildnachweise

Safiye Can und Hakan Akçit: Liebe Hatice, vor kurzem hast du gemeinsam mit Unetta Steemann deinen autobiografischen Roman FRAU HATICE veröffentlicht, in dem du deine Kindheit in der anatolischen Provinz Sinop bis zu deiner Ankunft 1972 in Deutschland als Gastarbeiterin der ersten Generation beschreibst. Wie kam es zu diesem Projekt?

Hatice Günay: Ich habe damals eine Freundin aus Düsseldorf zum Kaffee eingeladen. Sie fragte mich, warum ich als junge Frau ganz alleine nach Deutschland kam. Meine Antwort war: Um ein Haus für meine Mutter zu bauen. Nachdem ich ihr meine halbe Lebensgeschichte erzählt hatte, fragte sie, warum ich dies alles nicht in eine Autobiographie zusammenfasse. Sie selbst war Inhaberin einer Druckerei, war bereit das Buch zu schreiben, hatte aber keine Zeit dazu. Eines Tages kam Unetta in meine Schneiderei, und ich fragte sie, ob sie da Buch schreiben könne.

Unetta Steemann ist eine bekannte Krimiautorin und hat unter dem Namen Ocke Aukes mehrere Krimis veröffentlicht. Wie gestaltet sich die Arbeit mit einer erfahrenen Schriftstellerin?

Die Arbeit mit Unetta war sehr schön und angenehm. Sie ist sehr ruhig und diszipliniert. Ich bin mit ihr letztes Jahr in die Türkei gereist, damit sie sich ein konkretes Bild von meiner Heimat machen konnte.

Hatice Günay vor ihrer Ankunft in Deutschalnd- 1972 — Bildnachweise

Du gehörst der ersten Generation türkischer Mitbürger an, die in den 60/70er Jahren von Deutschland angeworben wurden. Wie würdest du die damalige Stimmung der deutschen Bevölkerung gegenüber den Migranten beschreiben und siehst du einen Unterschied zu heute?

Die Stimmung war sehr schön. Wir wurden damals herzlichst empfangen und mit Lebensmitteln versorgt. Meine damalige Chefin im Kinderheim Möwennest, Frau Scheu, hatte mich wie ihre eigene Tochter empfangen und mir bei allen Dingen geholfen. Ansonsten wäre ich nach einem Jahr wieder zurückgegangen.
Auch heute hat sich im Bezug auf mich nichts verändert. Alle Menschen auf der Insel Borkum sind freundlich und herzlich.
Heute fällt mir auf, dass anderen Migranten und Flüchtlingen gegenüber nicht mehr freundlich reagiert wird.

Vor allem nach der Ankunft der Flüchtlinge aus Syrien ab 2015. Die Deutschen sind auf sie nicht angewiesen, wie auf uns früher. Der Rechtextremismus hat sehr zugenommen. 2015 gab es zirka 1030 Angriffe auf Unterkünfte für Migranten. Rechtsradikale wurden früher als Verbrecher behandelt und konnten keine Partei gründen, die sie mühelos als bürgerlich verkaufen konnten. Früher Flowerpower und Vollbeschäftigung. Heute Whitepower und Arbeitslosigkeit.

Was ist deiner Meinung nach der Schlüssel zu einer friedlichen Koexistenz der verschiedenen Kulturen in Deutschland?

Als erstes sollte man unbedingt die Sprache erlernen. In Vierteln wie in Berlin Kreuzberg oder Schanzenviertel Hamburg ist es aber schwierig, da man automatisch unter sich bleibt. Man braucht kein Deutsch um einzukaufen, essen zu gehen oder zu arbeiten. Man sollte Zeit mit Deutschen verbringen und nicht Angst haben vor Konversation und Kontakt.

Im Gegenzug sollten die Deutschen natürlich auch auf Ausländer zugehen, ihnen bei bürokratischen Dingen helfen. Sie brauchen mehr Aufklärung, damit sie keine Angst vor Kontakt haben. Auch sollten sie vorbehaltslos auf die Ausländer zugehen, wie auf Amerikaner oder andere Europäer. Sie verschließen sich vor ihnen ja auch nicht. Der Islam sollte besser bekannt gemacht werden. Die meisten Deutschen kennen ihn nur wenig oder gar nicht.

Vielleicht sollte es eine Art gemeinsamen Religionsunterricht geben, der sich auf alle Religionen beziehen und nicht nur auf die christliche Religion. Sie sollten sich nicht gleich aufregen, wenn Worte oder Sätze falsch geschrieben oder gesprochen werden. Auch sollten mehr Integrationsveranstaltungen wie Festivals, Kulturevents oder Reisen angeboten werden.   

Schneiderkurs- Hatice Günay (4.v.l.) — Bildnachweise

War deine Migration nach Deutschland neben der Möglichkeit der Arbeit auch gleichzeitig die Flucht vor patriarchalischen Strukturen deines Dorfes, das für junge Mädchen eine frühe Heirat vorsah und weniger die freie Entfaltung der eigenen Persönlichkeit?  

Der Plan war ein Jahr lang genug Geld zu verdienen und anschließend wieder in die Heimat zurückzukehren. Frau Scheu hatte mich angefleht noch länger zu bleiben.
Ein weiterer Grund für mein Bleiben war, dass mein Vater meine jüngere Schwester Nurhayat an einen Mann zwangsverheiratet hatte, den sie gar nicht kannte. Ich wollte nicht, dass mir das Gleiche passiert.

Ich sagte meinem Vater, dass ich den Mann, den ich liebe, heiraten werden und nicht einen Mann, den er mir aussucht. Daraufhin wollte mich mein Vater verprügeln. Ich konnte zum Glück vor ihm flüchten. Später sah er meinen starken Willen und überlies mich meinem Schicksal.
Wäre ich nach einem Jahr in die Türkei zurückgekehrt, hätte ich die weite Welt nicht gesehen. Meine Reisen nach Australien, China, Vietnam, Spanien oder Ägypten wären dann nicht möglich gewesen. Mein Vater hätte mir das nie erlaubt.

In deinem Buch beschreibst du, wie eine Beamtin in der Türkei dich vor die Wahl stellt, entweder in einer deutschen Großstadt oder in einer Kleinstadt zu arbeiten. Du hast dich für die Kleinstadt entschieden und bist in Borkum gelandet. War das im Nachhinein betrachtet die richtige Entscheidung?

Ja, auf jeden Fall. Das Leben auf Borkum ist sehr ruhig und angenehm. Auch waren sonst keine Türken auf der Insel, was das Lernen der Sprache und Kultur erleichtert hat.
Ich kenne Gastarbeiter aus den Großstädten, die dem deutschen Alltag entfliehen, indem sie nur unter Freunden bleiben und nur zur Arbeit und zum Einkaufen aus dem Haus gehen. Sie sind aber auch öfter mit Rechtsradikalismus konfrontiert. Sowas gibt es auf Borkum oder in Kleinstädten weniger. Manche berichteten mir, dass sie ihre Kinder nicht alleine auf die Straße lassen können, z.B. aus Angst vor Übergriffen.

Frau Hatice- Burkana Verlag

Hatice Günay wurde 1952 in Sinop (Türkei) geboren und gehört zur ersten Generation von Gastarbeiterinnen, die nach Deutschland kamen. Nach ihrer Schneiderausbildung in der Türkei, arbeitete sie in Borkum und eröffnete 1977 ihre eigene Schneiderei.

Ihr autobiografischer Roman erschien Ende 2018 unter dem Titel FRAU HATICE beim Burkana Buchverlag.

Hier finden Sie eine Leseprobe.

Publikation:
FRAU HATICE von Hatice Günay und Unetta Steemann
140 Seiten   
Preis Euro 12,80       
Burkana Verlag, Borkum, 2019
ISBN 978-3-9816347-2-3

 

 

Was sind die Vor- und Nachteile des Lebens einer Insulanerin?

Die Vorteile sind: kein Großstadtstress, jeder kennt jeden und ist hilfsbereit, man lernt die Sprache schneller. Man muss nicht Bus oder Bahn fahren, um zur Arbeit zu kommen – alles geht per Fahrrad. Die Luft ist besser, wir haben sehr viel Natur, und man kann Kinder unbesorgt großziehen, da wenig Verkehr und unbekannte Menschen vorhanden sind.

Die Nachteile sind: Man ist abhängig von der Fähre, wenn man etwas braucht, was es auf der Insel nicht gibt. Auch gibt es nicht alle Ärzte auf der Insel. Schüler, die das Gymnasium besuchen, müssen aufs Festland. Zudem gibt es hier nicht alle Ausbildungsberufe.

Du bist eine starke Frau und hast die schweren Schicksalsschläge, wie z.B. die Affäre deines Ehemannes mit deiner besten Freundin und seinen späteren Suizid, verarbeitet. Woher nimmst du die Kraft, Menschen zu verzeihen, die dir in den Rücken fielen und ihnen sogar zu helfen? Was hat dich dazu bewogen, immer wieder weiterzumachen?

Ich sage jeden Tag: Gott möge mir die Kraft geben, weiterzumachen.
Ich habe einen großen Freundeskreis, der mir geholfen hat, durchzuhalten. Ich bin die ganze Woche unterwegs und sehr aktiv. Ich gehe mit Freunden Kartenspielen, treffe mich mit Freunden in Opa sein kleines Häuschen oder Zum Alten Leuchtturm zum Knobeln. Besuche Freunde und bringe ab und zu älteren Personen die geänderte Kleidung nach Hause, helfe bei Straßenfesten oder anderen Feiern aus. Mir ist also nie langweilig.

Mit welcher bekannten Persönlichkeit würdest du gerne einen Kaffee trinken?

Ich hätte sehr gerne mit Mustafa Kemal Atatürk einen Kaffee getrunken.

Vielen Dank für das Interview!

Dieses Interview führten Safiye Can und Hakan Akçit im September 2019

 

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