Gastarbeiter in

Essay

Wer lädt Gäste zu sich ein und lässt sie dann arbeiten, anstatt ihnen einen Tee und ein paar Knabbereien hinzustellen? Die Lyrikerin Özlem Özgül Dündar dekonstruiert in ihrem literarischen Essay einen Begriff, in dem fehlende Teilhabe, Rechte und Zugehörigkeit der ersten Generation türkischer Arbeitsmigrant:innen bereits sprachlich festgeschrieben sind.

Portrait von Özlem Özgül Dündar
Teaser Bild Untertitel
Lyrikerin Özlem Özgül Dündar, © Dirk Skiba

Das in wurde sowieso vergessen, das brauche ich wohl nicht zu thematisieren. Es wird ja auch heute noch immer nicht mitgedacht oder mitgesprochen oder mitgeschrieben. Also das in ist eine ganz andere diskussion. Der rest bestehend aus gast und arbeiter, kann mehr dazwischen gar nicht stehen, denn weder als gast ist man wirklich teil des hauses, noch ist man als arbeiter in einer miteintscheidenden position in der firma, für die man arbeitet. Man ist in einer nicht dazugehörenden position, in der man nicht offiziell teil der entscheidenden parteien ist. Und ja, man bezeichnet sie als gastarbeiter, man will, dass menschen kommen und schuften, aber man will ihnen um alles in der welt keine rechte zusprechen. Man will ihnen nicht einmal sprachlich etwas zusprechen, indem man ihnen eine bezeichnung gibt, die sie auf die idee bringen könnte, dass sie hier irgendwelche rechte besitzen oder in irgendeiner form dazugehören oder gar mitentscheiden können. Mit hier meine ich deutschland, da drin sitze ich nämlich gerade als ich diesen essay schreibe. Also hier in deutschland will man ihnen nichts geben, auch nicht einmal auf der sprachlichen ebene, das irgendein recht auf irgendetwas möglicherweise andeuten könnte. Selbst, dass sie hier inzwischen – 2021 – auch ganz tatsächlich leben, mit allem, was zu diesem leben dazugehört, auch das will man ihnen nicht zusprechen, denn heute sind sie ausländer oder menschen mit mitgrationshintergrund, selbst ihre kinder und kindeskinder sind es. Warum macht man sich selbst und diesen menschen das leben so schwer? Wäre es nicht alles viel einfacher, wenn man nicht in solchen kategorien denken würde und zum beispiel diese menschen einfach menschen nennen würde und auch als solche sehen würde? Ich finde, man könnte sie auch menschen nennen, also, was genau spricht dagegen? Ich finde, nichts. Also, wie wäre diese idee? Wäre nicht schlecht, oder? Andere menschen nennt man ja auch einfach menschen, oder, auf welchem planeten leben diese leute, die das nicht so sehen?

Dieses wort gastarbeiter ist aus dem alltagsgebrauch, ein wort, eine benennung durch die sogenannte gesellschaft selbst und nicht von offizieller seite. Und diese gesellschaft, die diese benennung gemacht hat, ist selbst schon ein multiples, sonst wäre diese ansammlung an menschen ja keine gesellschaft, sondern eine summe von individuen, also man würde diese annsammlung an menschen dann nicht eine gesellschaft nennen, sondern 82.000.000 individuen, die sich gerade jetzt und hier innerhalb der geographischen koordinaten so und so befinden. Was ich damit sagen will, ist, dass eine gesellschaft per se ein multiples ist und daher auch die kategorisierung als gast keinen sinn macht. Wer drin ist, ist drin und damit teil der gesellschaft und kein gast in der gesellschaft. Und dieses drinsein ändert nicht nur den standpunkt des individuums, das ein neues mitglied dieser gesellschaft ist, sondern auch die gesellschaft als solches, die ein neues mitglied dazubekommen hat, eigentlich müsste man dazugewonnen sagen. Denn jedes neue mitglied bringt neue ideen und neues wissen mit. Ich sehe natürlich, dass diese sichtweise auf die neuen mitglieder der gesellschaft von einigen hier nicht nachvollzogen wird, dieses neue mitglied der gesellschaft als etwas dazugewonnenes zu betrachten, das würde ja heißen, das mitglied ist kein gast, der wieder weggeht, sondern so etwas wie ein geschenk. Und geschenke lehnt man nicht ab, ganz im gegenteil: eigentlich würdigt man sie sogar in einer gewissen weise, indem man ihnen zum beispiel einen ihnen würdigen platz bei sich gibt. Wenn ich ein geschenk bekomme, dann würdige ich das, indem ich es an einen guten platz in meiner wohnung stelle und ich hege und pflege es mit freude.

das wort gast impliziert nicht nur jemanden, der mal kommt und geht. Jemand, der ein gast ist oder geworden ist, ist in der regel einer einladung gefolgt, die irgendwann vor dem erscheinen des gasts ausgesprochen oder schriftlich verschickt wurde. Diese einladung hat eine gewisse offenheit zur prämisse, jemand, der eingeladen wurde, wird in der regel mit offenen armen begrüßt und ist dort, wo er oder sie ist, gerne gesehen und willkommen. Einen gast verpflegt man in der regel mit speisen und getränken. Auch beherbergt man einen gast, wenn der gast von weit angereist ist. Manch einer bleibt auch längere zeit ein gast. Der gaststatus schließt hierbei nicht aus, dass der gast, auch das eine oder andere an gepflogenheiten des hauses, indem er/sie gast ist, lernt oder auch das eine oder andere den gastbeber:innen beibringt. Oft bringt ein gast auch ein geschenk mit als freundliche geste, als zeichen der gegenseitigen sympathie oder des wunsches nach gegenseitiger sympathie und auch als eine kleine form des dankes für die verpflegung und die beherbergung, die der gast großzügigerweise von den gastgeber:innen erfahren wird. So gesehen war das geschenk der sogenannten gastarbeiter dementsprechend ihre arbeitskraft. Klar.

Einem gast bietet man das feinste an, was man hat. So kenne ich das. Man bereitet sich als gastgerber:in auf den gast vor. Man geht vorher einkaufen, damit man dem gast etwas feines zum trinken oder essen hinstellen kann. Eventuell richtet man auch sein haus zurecht, wenn es ein gast ist, der über nacht beherbergt werden soll oder länger bleiben wird. Zum beispiel verlegt man noch schnell die fliesen im flur. Die seit einem jahr so halb als baustelle im flur herumstehen. Man entsorgt den berg an leergut in der küche. Man putzt das bad. Man kauft bier oder kaffee ein und kekse und chips und eventuell auch lebensmittel für eine ganze mahlzeit und auch für frühstück, und ja, knabberzeug, falls der gast zwischendurch hunger bekommen sollte, denn der gast soll ja nicht hungern oder dem gast soll es überhaupt an nichts fehlen im haus der gastgeber:in. Der gast soll sich wie zu hause fühlen. Das sagt man ja gerne zu seinen gästen „fühl dich wie zu hause“, wenn man eine tolle gastgeberIn sein will, dann fällt mindestens einmal dieser satz. Und das sagt man nicht nur so, sondern erklärt noch dazu „bedien dich am kühlschrank. Du kannst jederzeit in die küche.“ usw. Also, man sagt nicht nur „fühl dich wie zu hause“, sondern man erklärt noch, was man damit genau meint, und damit will man eigentlich auch nur deutlich machen, dass man den satz „fühl dich wie zu hause“ wirklich so meint, wie man gesagt hat, dass man es nicht nur als floskel daher geplappert hat, dass der mund nicht nur irgendeine bewegung gemacht und irgendwelche zufälligen geräusche hinzugefügt hat, aber der geist so gänzlich abwesend war beim sprechen des satzes. Man gibt dem gast sozusagen sein wort „mein haus ist dein haus“. Und das gibt es nicht nur in deutschland dieses konzept, sondern diesen satz zu diesem gastgeber:innenkonzept gibt es so ziemlich in jeder sprache.  

Aber was haben nun die gastarbeiter hier vorgefunden und erfahren? Wenn man das mit der herkömmlichen erwartungshaltung bei dem wort gast vergleicht, ist das nicht so viel gastfreundlichkeit, was sie bekommen haben. Auch wurde keine zeit vergeudet; sobald sie hier ankamen, arbeiteten sie auch gleich und das ist keine übertreibung, wenn ich sage, dass sie gleich am nächsten tag ihrer landung mit dem flugzeug in deutschland sofort mit ihrer arbeit in der fabrik anfingen. Man wollte anscheinend die gäste keinen tag zu viel beherbergen, sonst rechnet sich der kosten-/nutzenfaktor nicht mehr. Auch ließ man ihnen keinen tag oder eine oder zwei wochen zeit, um etwas deutsch zu lernen, auch ließ man ihnen zwischen den vollzeitstellen, die sie innehalten, keine zeit für einen deutschkurs, auch informierte man sie nicht, die ankamen und kein deutsch konnten, dass es da und da deutschkurse gibt und wie sollten sie es auch selbst herausfinden, sie konnten ja kein deutsch. Sie sollten ja ihre rechte nicht verstehen. Das wäre kontraproduktiv, wenn sie nun deutsch könnten und möglicherweise erfahren, dass sie hier rechte besitzen. Nein, man informierte sie stattdessen über alle formen von überstunden, die sie machen könnten und formen der produktion, zum beispiel, dass sie auch akkord arbeiten können.

Und wenn ich an gast denke, denke ich nicht an arbeit. Also, wer lädt jemanden als gast zu sich ein und lässt diese person dann arbeiten oder erwartet, dass sie irgendwas arbeitet in dem eingeladenen zuhause? Ein gast arbeitet nicht. Und entscheidet nicht normalerweise der gast, wann er/sie gehen möchte? Also, ich kenne das so, dass der gast entscheidet, wann er/sie geht. Ich kenne das nicht so, dass man seinem gast sagt, du sollst jetzt diese unbestimmte zeit, von der ich selbst nicht weiß, wie lang sie ist, bei mir bleiben und dann musst du aber sofort gehen, wenn ich das will. Also, so kenne ich das nicht. So hab ich das nicht kennengelernt eigentlich weder bei den türk:innen noch bei allen deutschen, die ich je getroffen und kennengelernt habe. Warum diese spezielle andere etwas unfreundliche bis hinzu grobe behandlung der menschen, die hierhergekommen sind, um dieses land wieder mitaufzubauen?

Also, was ich mit alldem eigentlich sagen will, ist, dass der widerspruch zwischen den worten gast und arbeiter geradezu absurd ist. Mit welcher erwartungshaltung kommt man auf solch eine bezeichnung, das ist mir rätselhaft.

Portrait von Özlem Özgül Dündar

Özlem Özgül Dündar studierte Literatur und Philosophie in Wuppertal und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sie schreibt Lyrik, Prosa, szenische Texte und Essays und arbeitet als Übersetzerin. Ihr Lyrikdebüt "gedanken zerren" erschien 2018 beim Elif Verlag. Sie ist Mitherausgeberin von "Flexen - Flâneusen* schreiben Städte" (Verbrecher Verlag 2019) und wurde für ihr Stück „türken, feuer“ mit dem Preis "Hörspiel des Jahres 2020" ausgezeichnet.